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Minimalismus : Nichts mehr zu verlieren

Viel Geld braucht sie aber nicht. Während sie auf einer Mauer am Rheinufer sitzt - die Bänke an der Uferpromenade hat sie verschmäht -, zählt sie auf, wofür sie überhaupt Geld ausgibt: „Vegane Lebensmittel, Miete, Internet, Krankenversicherung, Sport und mein Fahrrad.“ Urlaub hat sie noch nie gemacht, Kleidung bekommt sie meistens geschenkt, Dinge wie Kühlschrank und Waschmaschine besitzt sie erst gar nicht.

Man könnte denken, dass Froning ein asketisches Leben führt, aber sie selbst empfindet das ganz anders. Ähnlich wie Schwermer fühlt sie sich befreit: „Früher habe ich mir unheimlich viel gekauft, aber es machte mich nicht glücklich. Ich hatte zum Beispiel unglaublich viel Make-up, aber ich konnte gar nicht alles nutzen, und dann veränderte sich die Konsistenz.“ Heute wäscht sie sich die Haare mit Wasser und Kernseife, ganz ohne Shampoo, und am Ende schüttet sie sich eine Essigspülung über den Kopf, um den Kalk auszuspülen, der im Leitungswasser ist. Schminken tut sie sich kaum noch. Vor einem Jahr hat sie zuletzt Foundation benutzt, weil sie zu einer Feier eingeladen war, „das ist auch mal schön“, sagt sie ganz locker, denn darin sieht sie keinen Widerspruch. Es liegt kein Dogmatismus in ihrem Tun, nichts Zwanghaftes.

Ihr Leben passt in diesen Koffer: Heidemarie Schwermer.
Ihr Leben passt in diesen Koffer: Heidemarie Schwermer. : Bild: Daniel Mazza

Das Spektrum derer, die minimalistisch leben, reicht nach Beobachtung des Soziologen Welzer in der Tat vom puritanischen Orthodoxen bis hin zu Menschen, die locker an die Sache herangehen und sich einfach nur fragen: „Was brauche ich für mein Glück, und wie passt das zum Gemeinwohl?“ Dass man minimalistisch lebt und sich dann trotzdem mal schick aufbrezelt, mit Schminke und tollen Klamotten, darin sieht Welzer kein Problem. „Das ist eine Frage der Priorität. Wer handelt denn schon zu 100 Prozent auf Grundlage seiner inneren Überzeugung? Das wäre doch sonst beängstigend. Man kann nicht widerspruchsfrei handeln, sondern muss immer priorisieren. Man muss Luxus ja nicht schlecht finden, nur weil man ihm nicht frönt.“

Auch bei Heidemarie Schwermer ist das nicht anders, allerdings nur, weil sie krank ist. Manchmal muss sie jetzt einfach an sich denken und Dienstleistungen in Anspruch nehmen, die sie früher gern verschmäht hat, sonst wäre sie nämlich schon tot. Vor zwei Jahren bekam sie Krebs, ihre Nieren sind kaputt, sie hat Schmerzen und muss oft zum Arzt, deswegen lässt sie sich die 820 Euro Rente, die ihr zustehen, seit zwei Jahren auf ein Sparbuch überweisen. Auch ihre Krankenversicherung nimmt sie nun, anders als früher, in Anspruch. Im Prinzip ist da aber immer noch dieser Gedanke in ihr, „dass wir alle viel zu viel besitzen und uns verkleinern müssen, weil sonst die Erde kaputtgeht. In New York werden Picassos für 159 Millionen Dollar verschachert, ist das nicht schlimm? Und die Lager, in denen die Menschen nichts zu essen haben!“

Sie gibt den einen und nimmt von den anderen

Schwermer - weiße, schulterlange Haare, rosafarbene Wickeljacke, schwarze Jeans und Wollsocken - sitzt in einem Lehnstuhl und hat ihr Bein hochgelegt. Es ist nicht ihr Stuhl und nicht ihre Wohnung, sondern die einer befreundeten jungen Frau, die bei ihrem Freund lebe und sich die Wohnung zur Sicherheit noch halte. Allerdings wohnt Schwermer nicht immer hier, sondern pendelt zwischen verschiedenen Wohnungen in ganz Deutschland, in denen manchmal auch Freunde von ihr leben, die sich, so sagt sie, über ihre Anwesenheit freuen. „So viele Häuser werden von nur einer Person bewohnt, das ist doch Verschwendung!“

Schwermer fühlt sich nicht als Schnorrerin, Geben und Nehmen funktioniert bei ihr nicht linear, von Mensch zu Mensch, sondern global: Sie gibt den einen und nimmt von den anderen, kreuz und quer durcheinander, und sie träumt von einer Gesellschaft, in der es kein Geld mehr gibt und die Menschen wieder vom Tauschhandel leben.

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