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Zwei Stunden mit einem Fremden : Wo Political Correctness keinen Platz hat

  • -Aktualisiert am

In den Kaffeehäusern Wiens will Quinn die Gesprächkultur wieder aufleben lassen – und setzt je zwei Fremde zusammen. Bild: Space and Place

Egal, wie viele Sehenswürdigkeiten man abgeklappert hat: Den besten Eindruck bringt ein Gespräch mit Einheimischen. Bei den „Vienna Coffeehouse Conversations” treffen Touristen auf echte Wiener – Tabu-Themen gibt es nicht.

          Die Dänin Carmen ist extra aus ihrer Wahlheimat Barcelona angereist. Auch die Freunde Kim und Robert aus Großbritanninen haben ihre erste Wien-Reise rund um diesen Abend geplant. Die Rede ist von den monatlichen „Vienna Coffeehouse Conversations” der Nonprofit-Organisation „space and place”. Das Konzept: „Wir garantieren das Treffen von Wienern und das in einer Stadt, wo es sonst keine Möglichkeit gibt, Einheimische kennen zu lernen“, erklärt Eugene Quinn, Organisator des Events. „Man kann hier auch eine Woche lang in einem Kaffeehaus sitzen, ohne Kontakte zu knüpfen.“

          Menschen aus 71 Nationalitäten haben die Coffeehouse Conversations, die 2013 als Experiment gestartet sind, bereits besucht. An diesem Abend sind etwa 30 Besucher aus Kuwait, den Philippinen, der Ukraine, den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Argentinien, Brasilien, Deutschland, Bosnien und Neuseeland ins „Café Ministerium“ in der Wiener Innenstadt gekommen. Etwa zwei Drittel von ihnen sind Frauen. Alle lassen sich bewusst auf dieses „soziale Risiko ein“, sagt Quinn zur Begrüßung, bevor er Verkuppler spielt: Je ein Wiener und ein „Fremder“ werden zusammen an einen Tisch gesetzt – je unterschiedlicher in Alter, Geschlecht und Herkunft, desto besser. Der Plan geht nicht immer auf. Während normalerweise die Einheimischen in der Überzahl sind, machen sich ausgerechnet an diesem Abend die Wiener rar. Also muss Eugene als „Joker“ einspringen und für Kim den Wiener mimen – einen Titel, den der Londoner auch nach 10 Jahren in der österreichischen Hauptstadt nur ungern für sich beansprucht. Carmen hingegen hat einen der begehrten Original-Wiener abgekriegt.

          Slow Dating

          Erinnert das Konzept bis hierher an „Speed Dating“, ist es doch das genaue Gegenteil. Statt kurzem Geplänkel geht es nämlich bei den Coffeehouse Conversations ans Eingemachte. Zwei Stunden lang soll sich das Zufallspaar unterhalten – über Gott, die Welt, Sexualität, Reisen, Politik, Rasse. Tabus haben dabei genauso wenig Platz wie „Political correctness“, vielmehr geht es um radikale Offenheit in einem geschützten Umfeld. Schließlich muss man sein Gegenüber nach diesem Abend nicht mehr wiedersehen. Möglich ist Letzteres aber sehr wohl, wie drei Hochzeiten von ehemaligen Teilnehmern beweisen.

          Ganz überraschend kommen diese nicht, schließlich ist eine höchst mögliche Intimität das Ziel der Coffeehouse Conversations. „Sie sind eine gute Gelegenheit, über Schlagzeilen hinweg zu gehen und in die Tiefe vorzudringen“, beschreibt Quinn das Erfolgskonzept, das seit 2015 einmal im Monat über die Bühne geht, „wir reden ehrlich über alles – das Gute, das Schlechte und das Hässliche.“

          Die Zufallspärchen unterhalten sich zwei Stunden lang in einem der Kaffeehäuser Wiens.

          Damit sollen die heutigen Gespräche ganz der Tradition der Kaffeehaus-Kultur des 19. Jahrhunderts folgen. Jener Zeit also, in der in den Wiener Häusern „radikale Ideen“ diskutiert und geboren wurden. „Von Freud bis Schnitzler, von Hoffmannsthal bis Zweig – die ganze Welt hat auf Wien geschaut“, schwärmt Quinn. „Heute sind Kaffeehäuser verkitscht und touristisch, die Gespräche banal geworden.“ An der Sehnsucht nach echtem Austausch ändere das jedoch nichts, „vor allem zu einer Zeit, in der die Medien voll sind mit Berichten über Rechtsruck und Intoleranz, Paranoia und geschlossenen Grenzen.“ Gerade jetzt sei es umso wichtiger, eine andere Botschaft zu schicken und zu zeigen, dass Wien trotz allem ein sicherer, offener und freundlicher Ort sei.

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