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Die schönsten Roman-Anfänge : Die Magie des ersten Satzes

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Der erste Satz ist wichtig: Oft entscheidet er darüber, ob der Funken überspringt. Bild: nong vang - Unsplash

Manchmal will man ein Buch schon nach dem ersten Satz gar nicht mehr aus der Hand legen. So ist es auch bei diesen zehn besonderen Roman-Einstiegen.

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          „Und er dachte sich gerade, dies sei der schönste Mond, den er je gesehen habe, als er diesen Mann umfuhr.“ (Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken)

          Ein Einstieg wie ein Knall. Und der Sog, den er entfaltet, lässt über 424 Seiten lang nicht nach. Ein israelischer Arzt überfährt nachts auf einer einsamen Straße einen eritreischen Flüchtling. Niemand hat es gesehen, und der Mann wird ohnehin sterben – warum also Familienleben und Karriere gefährden? Etan Grien fährt davon, ohne den Unfall zu melden. Doch dann steht plötzlich die Frau des Toten vor seiner Tür. Ayelet Gundar-Goshen manipuliert ihre Leser nicht, indem sie den Protagonisten vor dem Unfall zeigt, in einer Alltagsszene mit seinen Kindern oder am Operationstisch. Solche Szenen kommen später, und wenn Grien darin sympathisch wirkt, dann im Wissen um seine Schuld. Das macht „Löwen wecken“ zu einem starken Roman – vom ersten bis zum letzten Satz. Leonie Feuerbach

          „In M. ..., einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O. ..., eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen: dass sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei, dass der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle; und dass sie, aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten.“ (Heinrich von Kleist: „Die Marquise von O..., nach einer wahren Begebenheit, deren Schauplatz vom Norden nach dem Süden verlegt worden)

          Nur einen Absatz weiter steht ein – Bindestrich anstelle der Untat des russischen Grafen F. ...: Als seine Truppen im Krieg die von ihrem Vater kommandierte Zitadelle eroberten und er selbst sie vor „dem letzten viehischen Mordknech“" rettete, führt er sie an seinem Arm weg vom Geschehen und – vergeht sich an ihr, nachdem sie „völlig bewußtlos niedersank“. Die Ohnmacht der Marquise von O. ..., ihre Ahnungslosigkeit, die Liebe, die sie endlich für ihren Retter und Peiniger empfinden wird, sind bis heute ein Rätsel. Was wollte Kleist damit sagen? Die Weltliteratur verdankt dem genialischen Prosastück des 30 Jahre alten Dichters jene alle Schulweisheit düpierende Formel "um der gebrechlichen Einrichtung der Welt willen". Nichts ist entschuldigt, ihm verziehen nur, weil es die Marquise von O. ... so will. Rose-Maria Gropp

          „Alle Bilder werden verschwinden.“ (Annie Ernaux: Die Jahre)

          Was ist das Besondere am ersten Satz? Na, klar, dass er am Anfang steht. Doch führt die besondere Stellung nicht zwingend zu Glanz. Viele Romananfänge sind schon auf Seite zwei vergessen, anderseits gibt es die Blockbuster erster Sätze, die ihre Werke überflügeln. Faulkner meinte, der erste Satz einer Geschichte müsse so sein, dass, wer immer ihn liest, auch den zweiten lesen will. Auf Annie Ernaux' Prosatext „Die Jahre“ trifft das zweifellos zu. „Alle Bilder werden verschwinden“, steht da. Man will wissen: Was meint sie mit „alle Bilder“? Was tritt an die Stelle der Bilder, wenn sie verschwunden sind? Und warum verschwinden sie überhaupt? Ein erster Satz, ein Paukenschlag. Sandra Kegel

          „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.“ (Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 1)

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