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Unterschätzte Emotion : Machen Sie mich nicht wütend

  • -Aktualisiert am

Das Gefühl aus der Haut zu fahren: Comic-Figur Hulk ist ein harmloser Wissenschaftler. Wird er wütend, verwandelt er sich in den gefährlichen Kraftprotz. Bild: ddp Images

Viele halten die Wut für gefährlich, andere würden sie gerne rehabilitieren. Über die Anatomie eines Gefühls, für das in der Gesellschaft selten Platz ist.

          Klaus Kinski ist wütend.

          „Leck mich doch am Arsch!“

          „Diesmal schlag ich dir in die Fresse!“

          „Na, mach doch deinen Scheiß!“

          Er fletscht die Lippen, zieht die Augenbrauen nach oben.

          „Dich muss man einsperren, weil du nicht mehr normal bist!“

          Kinski ist unzufrieden mit der Verpflegung am Set von Werner Herzogs Film „Fitzcarraldo“ und will es den Produktionsleiter wissen lassen. Dabei beachtet er die laufende Kamera nicht. Nach wenigen Sekunden wendet sich Kinski ab und stapft in seinem weißen Leinenanzug über das Holz des Urwalds, vorbei an den schweigenden Ureinwohnern. Fast fünf Millionen Aufrufe zählt der Kinskische Tobsuchtanfall auf Youtube.

          Wut erfreut Millionen Menschen

          Die Videoplattform ist voll von solchen Wutausbrüchen, wie unsere Welt überhaupt. Millionen erfreuen sich daran, wie Gernot Hassknecht aus der „heute show“ den schreienden Tagesthemen-Kommentator mimt, eine Art Wutbürger auf Droge. Comic-Fans kennen den Hulk, im regulären Leben ein schmalbrüstiger Nuklearphysiker, der sich seit einem Strahlenunfall bei jedem Anflug von Wut in ein muskelbepacktes Monster ohne jede Impulskontrolle verwandelt: „Machen Sie mich nicht wütend. Ihnen würde nicht gefallen, wie ich bin, wenn ich wütend werde.“

          Dazu ist in den letzten Jahren eine unendliche Zahl von Buchratgebern erschienen, die die Wut zum Thema machen: „Wohin mit meiner Wut? Emotionale Entwicklung für Kinder ab 5“; „Wut tut gut: Ein starkes Gefühl verstehen und konstruktiv nutzen“; „Was deine Wut dir sagen will: Überraschende Einsichten“. Wut, so scheint es, ist zu einem popkulturellen Phänomen geworden.

          Das Geschäft mit der Wut

          Ein eingetretener Fernsehbildschirm liegt auf dem Boden, ein Tischbein ragt aus seinem Innersten hervor. Scherben, zersprungenes Geschirr, zerborstene Regale. Zerrissene Bücherseiten im ganzen Raum. Nur die Heavy-Metal-Musik aus den Boxen lässt erahnen, welche Zerstörungskraft hier noch vor kurzem gewirkt haben muss. „Da hat vorhin eine Frau richtig gute Arbeit geleistet“, grinst Christian Block.

          „Richtig rumgewütet“ habe sie. Block ist Betreiber des „Crash Room“, des ersten Berliner „Wutraums“. Seit eineinhalb Jahren führt er die Firma in Berlin-Lichtenberg mit einem denkbar einfachen Konzept: Er stellt ein möbliertes Zimmer zur Verfügung, meist eine Wohnstube. In einer Stunde kann der Kunde dann sämtliches Mobiliar demolieren. Als „Wutwerkzeug“ stehen Hammer, Axt und Baseballschläger bereit. Kostenpunkt: 150 Euro.

          Frauen sind die größere Kundengruppe

          „Richtig gut“ laufe das Geschäft, erzählt Block. Eine Erklärung hat er dafür auch: Viele Menschen seien heutzutage gestresst, weil sie überall liefern müssten: auf der Arbeit, im Privatleben. Hier auf ein paar Quadratmetern ist das Gegenprogramm angesagt: „Wer darf denn heute noch wütend sein?“ Es kommen Kunden mit ausgedruckten Bildern des Chefs oder des ehemaligen Lebenspartners, die sie auf die Möbel kleben und diese dann zerschlagen.

          Einmal hatte er aber auch eine Kundin, die ihren Mann an Krebs verloren hatte; um diesen Verlust zu verarbeiten, mietete sie den Raum. Ohnehin sind es zu 70 Prozent Frauen, die seinen Dienst in Anspruch nehmen. Die seien „anders erzogen worden“, hätten in ihrem Leben nicht die Gelegenheit, ihre Emotionen „richtig rauszulassen“. Kann jemand erklären, was es mit einer Gesellschaft macht, wenn Wut in ihr keinen Platz mehr hat?

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