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Laientheatertruppe in New York : Glück im Spiel

Vorhang auf, Ränge leer: Die Blue Hill Troupe probt „The Yeomen of the Guard“. Bild: Tobias Everke

In New York führt eine Laientheatertruppe Stücke von Gilbert und Sullivan auf. Anwälte verwandeln sich in Matrosen, Lehrer in Lords, Managerinnen in Mädchen. Und alles endet im Lobgesang auf die Dichtung.

          13 Min.

          Ungefähr alle 13 Jahre verwandeln sich in New York gestandene Rechtsanwälte, Lehrer, Datentechniker und Bibliothekare in Piraten. Und im Jahr darauf in Matrosen. Oder in englische Lords. Oder in japanische Lords. Und seriöse Verlagslektorinnen, Hedgefonds-Managerinnen, Immobilienmaklerinnen und Bauingenieurinnen spielen noch einmal junge Mädchen. Die Töchter eines Generals. Die Nichten des Marineministers. Groupies eines Doppelgängers von Oscar Wilde. Oder eines japanischen Barden. Im kommenden Jahr wird man sich nach ältester italienischer Mode ausstaffieren, die Herren mit Querstreifen und Strohhüten, die Damen mit Hochzeitssträußen: Gondelschiffer und deren Bräute wird der Chor verkörpern, wenn die Blue Hill Troupe im April 2019 „The Gondoliers“ auf die Bühne bringt.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Das Libretto dieser 1889 in London uraufgeführten komischen Oper schrieb William Schwenck Gilbert, die Melodien Arthur Sullivan. Wie auch Text und Musik von „The Mikado“, „The Pirates of Penzance“, „H.M.S. Pinafore“, „Iolanthe“, „Patience“ und „Utopia Limited“. Dreizehn abendfüllende Stücke umfasst der Kanon der Gemeinschaftsarbeiten von Gilbert und Sullivan oder kurz G&S, und die Blue Hill Troupe behandelt dieses Repertoire tatsächlich als Kanon – wenn man so will, sogar in doppeltem Sinne, nicht nur als Vorrat unverbesserlicher Erfolgsstücke, sondern auch wie einen Rundgesang: Wenn man einmal durch ist, fängt man wieder von vorne an. Alles dreht sich im Kreis, und das in New York, wo an jeder Ecke ein neues Restaurant, eine neue Galerie, ein neuer buddhistischer Tempel mit Eröffnungsangeboten lockt.

          Kanonpflege ist ein Ausdauersport: Die Truppe – „the Troupe“ ist die interne Selbstbezeichnung, mit den militärischen Anklängen von Korpsgeist und Opferbereitschaft – nähert sich ihrem hundertsten Geburtstag.

          Ein Naturschauspiel ohne Eintrittsgeld

          1924 fand die erste Aufführung statt, im Städtchen Blue Hill an der Küste des Bundesstaats Maine oder genauer gesagt vor Blue Hill, auf dem Wasser, an Bord der Yacht einer New Yorker Familie, die in Neuengland standesgemäße Ferien verbrachte. Die perfekte Kulisse für „H.M.S. Pinafore“: Diese Oper spielt auf einem Schiff der Kriegsmarine Ihrer Majestät, das nicht auf den Namen einer Königin oder Göttin getauft ist, sondern nach dem Emblem guter Haushaltsführung heißt, der Schürze. Wie viele Stücke von G&S nimmt „H.M.S. Pinafore“ den Standesdünkel unter Beschuss, die verschwenderische Überproduktion von Rangunterscheidungsmerkmalen im britischen Klassensystem – wobei auch die Gegenfigur des Aufsteigers zur Zielscheibe des Spotts wird, der Marineminister, der seine gesamte Karriere zu Lande absolviert hat.

          Ein reisender Spaßmacher hinter der Bühne: David Loewy interpretiert die Figur des Jack Point als Meister pointierter Routine, die durch Understatement bezwingt.
          Ein reisender Spaßmacher hinter der Bühne: David Loewy interpretiert die Figur des Jack Point als Meister pointierter Routine, die durch Understatement bezwingt. : Bild: Tobias Everke

          Schon seit der dritten Spielzeit, 1926, tritt die Blue Hill Troupe nicht mehr in Blue Hill auf, sondern in Manhattan. Das Stadtbild der Insel ist so etwas wie der Prospekt eines Naturschauspiels ohne Eintrittsgeld: Man sieht die Versteinerung der Aufstiegsdynamik. New York ruft jeden, der es hier schaffen will, der es machen will, sein Glück. Aber im Laufe der Zeit haben Reichtum und Ehrgeiz in der Musterstadt der amerikanischen Republik eine neue Apparatur der Distinktion hervorgebracht, eine Systematik der feinen und nicht so feinen Unterschiede. Erkennen die Aktiven der Blue Hill Troupe in der barocken Mechanik des Gesellschaftlichen bei Gilbert und Sullivan, im Reiz-Reaktions-Schematismus der überregulierten Typenkomödie, etwas von ihrer New Yorker Lebenswelt wieder?

          Selbst für ein Mitglied der Truppe ist es nicht leicht, zu dieser Frage etwas zu sagen. Denn die Blue Hill Troupe ist kein Gilbert-und-Sullivan-Fanclub. Die wenigsten Freiwilligen sind zur Truppe gestoßen, weil sie nicht genug bekommen können von unglaubwürdigen Zufällen im Bühnengeschehen und absehbaren harmonischen Wendungen im Orchester.

          Warum landet man bei der Troupe? Weil man Theater spielen möchte. Aber selbst das ist nicht richtig, nicht für jeden Einzelnen. Richtiger ist: weil Theaterspielen etwas ist, das man nicht allein machen kann. Der Schauspieler braucht mindestens noch den Beleuchter und den Kartenabreißer. Die Truppe ist eine Gemeinschaft, in der für jeden etwas zu tun ist. Und wer Mitglied ist, hat immer etwas zu tun, erfährt die Zeit als vollgepackt, aber wohlorganisiert, das Jahr, die Woche, in der Aufführungszeit jeden Tag.

          Großinquisitor, Lordkanzler und Henker

          Die Figuren des Musiktheaters von Gilbert und Sullivan spielen selbst Theater. Da gibt es die Staatsschauspieler: Großinquisitor, Lordkanzler und Henker; den romantischen Helden, der sich verliebt, weil er ein Publikum braucht; die komische Alte, die Geheimwissen hütet, um den Plot umzuschreiben. Diese Rollen verlangen also Darsteller mit einer gewissen Freude am überdeutlichen Rollenspiel. Aber damit der Vorhang sich pünktlich hebt, müssen viele Akteure wochenlang gearbeitet haben, die für die Zuschauer nicht zu sehen sind. Und in der Blue Hill Troupe begegnet man nicht selten auch dem Gegentypus zum geborenen Schauspieler: Leuten, die alles tun, um sich nicht im Rampenlicht zu bewähren. Sie verlegen Kabel, klettern auf Gerüste, ziehen an Seilen, reparieren Werkzeuge, räumen hinter den Schauspielern auf und fegen den Bühnenboden – solange der Vorhang geschlossen bleibt.

          Kanonpflege ist Ausdauersport: In der Blue Hill Troupe sind viele Rollen gefragt.
          Kanonpflege ist Ausdauersport: In der Blue Hill Troupe sind viele Rollen gefragt. : Bild: Tobias Everke

          Die Truppe teilt sich auf in zwei Verbände: diejenigen, die auf die Bühne treten, und diejenigen, die hinter der Bühne stehen, „Frontstage“ und „Backstage“. Wer Mitglied werden möchte, muss sich entscheiden: Er oder sie bewirbt sich entweder als „frontstager“ oder als „backstager“. Die einen müssen vorsingen, die anderen vorsprechen – vor einem Aufnahmeausschuss, der herauszufinden versucht, was die Bewerber sich von der Mitgliedschaft erhoffen. Dem Probesingen beziehungsweise Interview geht eine Cocktailparty voraus, ein zwangloses, aber durchgetaktetes Kennenlernen zwischen Altmitgliedern und Aspiranten. Das zweistufige Verfahren mit formellen und informellen Anteilen erinnert an einen Club.

          Die Interessenten werden in Privatwohnungen gebeten. Es kann etwa sein, dass man eine Adresse auf der Upper East Side erhält und sich dort in der „Morgan residence“ einfinden soll. Dass es mit diesem Domizil etwas Besonderes auf sich hat, ahnt man vielleicht zum ersten Mal, wenn einen der Aufzug des Apartmenthauses direkt in die Wohnung befördert.

          Aber Morgan ist ein gängiger walisischer Name, so denkt man sich doch nichts weiter. Der Gastgeber, ein älterer Herr mit großem Schädel, hält sich diskret im Hintergrund. Viel später stößt man vielleicht darauf, dass der Name Charles F. Morgan in die Marmorwand der Eingangshalle der Morgan Library geritzt ist. Charlie Morgan ist ein Urenkel des Bankiers J. P. Morgan.

          In den Anfangsjahren war die Blue Hill Troupe so etwas wie ein Gesellschaftsspielzeug eines Kreises reicher Familien auf der besseren, der östlichen Seite von Manhattan. Die Abkömmlinge dieser Familien bilden die Aristokratie der Truppe, aber nur noch wenige Proben finden in Wohnungen mit Konzertflügel und Aussicht auf den Central Park statt. Das Mitgliederverzeichnis der Truppe mit den Adressen und Telefonnummern wurde Jahr für Jahr im Taschenkalenderformat mit blauem Umschlag gedruckt und „The Blue Book“ genannt. „Blue Book“ oder „Social Register“ hieß früher in den Großstädten der Vereinigten Staaten auch ein Verzeichnis der Mitglieder der gehobenen Gesellschaft, das namentlich die Heiratskandidatenfindung erleichtern sollte.

          Auch die Blue Hill Troupe ist stolz darauf, dass ihr Ruf als Heiratsmarkt der Bedeutung des Themas für die glücklichen Finalszenen der Savoy-Opern entspricht: In den 95 Jahren der Truppe gab es im Durchschnitt eine Hochzeit pro Jahr. Die Druckkosten für das „Blue Book“ werden allerdings neuerdings eingespart.

          Zeit: Das knappste Gut in New York

          Jedes Jahr wählt die Truppe einen neuen Präsidenten oder eine Präsidentin. Der Amtsinhaber Al Loomis ist der Neffe des Präsidenten von 1970. Sigourney Romaine, Sohn des gleichnamigen Präsidenten der Jahre 1952 und 1956, der 1951 seine erste Vorstellung besuchte, erzählt, dass für die jährliche Mitgliederversammlung früher der Smoking vorgeschrieben war. Nach Romaines Schätzung erfüllten in seiner Jugend 80 bis 90 Prozent der Mitglieder die Kriterien für das „Social Register“. Noch immer haben die meisten Bewerber einen „sponsor“ unter den Mitgliedern, der sie empfohlen hat, aber das soziale Netz wird weiter und weiter ausgeworfen: Die Truppe wäre längst ausgestorben, wenn sie ihre Rekrutierung auf Personen beschränkt hätte, die einander aus der Privatschule oder vom Debütantinnenball kennen.

          Auf einem solchen Stück kann man Locken drehen: Cynthia Whitman richtet im Frauen-Umkleideraum ihr Kostüm.
          Auf einem solchen Stück kann man Locken drehen: Cynthia Whitman richtet im Frauen-Umkleideraum ihr Kostüm. : Bild: Tobias Everke

          Bei der Aufnahme von „backstagers“ geht es vor allem um eine Prognose in der heiklen Frage, ob die Kandidaten auch wirklich in der Lage sein werden, die nötige Zeit zu investieren. Zeit: das nach dem Raum knappste Gut in New York. Wenn Anfang April Premiere ist, öffnet die Werkstatt Anfang Januar. Dann ist es in New York noch eiskalt, und die angemieteten Lagerräume, in denen man samstags und sonntags zusammenkommt, um die Kulissen zu bauen und die Kostüme zu nähen, verfügen nicht immer über eine Heizung. Innerweltliche Askese wird erwartet, wobei die Welt, wo der „workspace“ eingerichtet wird, durchaus ihren pittoresken Reiz hat: die letzten Winkel eines von der Gentrifizierung zurückgedrängten New York, das eine Metropole der Drecksarbeit war.

          Hilfreich ist es, wenn man als Hinterbühnenarbeiter ein proletarisches Klassenbewusstsein entwickelt und auch auf Verrichtungen stolz sein kann, deren Ergebnisse unsichtbar bleiben und nichts Individuelles an sich haben, wie das stundenlange Bestreichen von Holzplatten mit Brandschutzfarbe. „Backstage“ und „Frontstage“: Der Unterschied der beiden Welten hat nicht dieselbe schicksalhafte Gewalt wie die ebenfalls durch räumliche Trennung markierte Unterscheidung der Sphären von „Upstairs“ und „Downstairs“ in der klassischen Fernsehserie über den Haushalt einer Adelsfamilie im nachviktorianischen England. Auf die Schauspieler, zumal diejenigen, die sich regelmäßig Hauptrollen sichern, richtet sich auch innerhalb der Truppe die größte Aufmerksamkeit. Aber den Lieblingen des Lichts ist sehr wohl bewusst, was sie der Selbstlosigkeit der Arbeiter im Schatten verdanken, und das dichte gesellige Leben, das die Proben und Werkstattstunden umrankt, bietet Gelegenheiten, den Dank rituell abzustatten.

          Wer beim Vorsingen durchfällt, kann sich als „backstager“ bewerben und gegebenenfalls in einem späteren Jahr noch einmal den Sprung auf die Bühne versuchen. Zwischen „Backstage“ und „Frontstage“ besteht ein Verhältnis der spielerischen Rivalität, und es tut der Sache gut, dass nicht alle Werkstattkräfte sich für verhinderte Bühnenstars halten. Im Gegenteil kultivieren einige der fleißigsten Tüftler den Spott über das süße Leben der Sänger und deren kindliche Freude am Applaus. Kooperation und Konkurrenz greifen überall ineinander: Das ist wohl das Betriebsgeheimnis der Blue Hill Troupe.

          Der Kanon wird nicht in fester Reihenfolge abgearbeitet; die alljährliche Wahl unter den Werken bewirkt, dass die beliebteren Stücke etwas häufiger einstudiert werden. Die Hauptrollen werden doppelt besetzt. Einerseits vermehrt das die Chancen, so dass nicht selten Jungmitglieder zum Zuge kommen und neue Stars geboren werden. Andererseits ist die Abwägung zwischen den Vorzügen der Premierenbesetzung und dem Personal der letzten Aufführung ein nettes Pausenvergnügen.

          Konkurrenz belebt aber auch die außermusikalischen Geschäfte. Dieses wettkampfsportliche Moment des Truppenalltags begegnet keinen moralischen Bedenken, weil alles einem guten Zweck dient: Der Erlös aus dem Kartenverkauf und den Anzeigen im Programmheft, von denen die Mitglieder die meisten selbst aufgeben, wird an eine jährlich wechselnde wohltätige Organisation gespendet. In den Motivationsansprachen, die auf den Treffen einer ganz und gar auf Freiwilligkeit angewiesenen Gruppe Pflichtprogramm sind, wird nicht etwa der Dienst an der Kunst als höchster Wert beschworen, sondern „charity“, ein Zauberwort der amerikanischen Zivilreligion.

          Das geflügelte Wort

          In den Wochen des Vorverkaufs können die Mitglieder eine täglich aktualisierte Absatzstatistik einsehen. Sortiert nach den Verkäufern: Die meisten Tickets werden durch Mund-zu-Mund-Werbung an den Mann gebracht, das Publikum ist die erweiterte Gemeinschaft der Blue Hill Troupe. Geschäftspartner, Kunden und Kollegen machen den Mitwirkenden die Freude ihrer Anwesenheit und dürfen bei anderer Gelegenheit auf einen ähnlichen Gefallen hoffen. So beruht auch das Geschäftsmodell der Truppe auf der Kooperation in einer Konkurrenzgesellschaft.

          Schon seit einem halben Jahrhundert dabei: Win Rutherfurd, ein Abkömmling von Peter Stuyvesant, will sich nicht mehr an jede Neuerung gewöhnen.
          Schon seit einem halben Jahrhundert dabei: Win Rutherfurd, ein Abkömmling von Peter Stuyvesant, will sich nicht mehr an jede Neuerung gewöhnen. : Bild: Tobias Everke

          Am Nachmittag vor der letzten Vorstellung gibt es im Theater eine Bühnenshow nur für Mitglieder. Dort bekommen die eifrigsten Kartenverkäufer einen Preis, aber neben den Einnahmerekorden wird auch der Geist der Verausgabung zelebriert: Auf einer Ehrentafel wird der Name des Mitglieds eingraviert, das im zurückliegenden Jahr in der Stammkneipe der Truppe die größte Ausdauer gezeigt hat. Zu diesem nach einer Sopranistin des Aufnahmejahrgangs 1974 benannten Wanderpreis passt das geflügelte Wort, die Blue Hill Troupe sei keine Theatergruppe mit einem Alkoholproblem, sondern eine Trinkergruppe mit einem Theaterproblem. Es ist wohl kein Zufall, dass der Tenor und der Bariton, die so etwas wie ein Abonnement auf die Hauptpartien der Savoy-Opern haben, beide Anwälte sind, Partner nobler Kanzleien, die sich auch die Führungsämter im Freundeskreis der Metropolitan Opera teilen. Jahr für Jahr werden Rich Miller und Win Rutherfurd auch die größten Kartenkontingente gutgeschrieben: Wenn man dauernd gewinnt, macht's viel mehr Spaß.

          Die aberwitzigen Volten von Gilberts Libretti beruhen oft auf Finten eines juristischen Überscharfsinns, und Sullivans „patter songs“, zungenbrecherische Sachlosigkeitsvorträge, finden im Rechtswörterbuch das Material für ihre Wortkettensägenmassaker. Der angelsächsische Gerichtsprozess beruht auf dem Wettbewerbsprinzip, auf dem Kampf der Parteivertreter, die schauspielerisch agieren müssen, weil sie vor Publikum auftreten, vor den Geschworenen.

          Miller und Rutherfurd bringen außer ihrer Fachkompetenz auch eine Gesangsausbildung mit. Das ist nicht untypisch: Etliche langgediente Mitglieder haben im College Musik studiert und dann einen anderen Beruf gewählt. Es sind vor allem Herren, die in dieser Weise die Verbindung zu ihrer Lebenstraumwelt des Theaters halten, während unter den Frauenstimmen eher die jungen Sängerinnen hervorstechen, die von der Musik leben wollen und sich von der Mitgliedschaft Bühnenerfahrung versprechen.

          Auf jung muss er sich nicht schminken: Sandy Kennedy, seit 67 Jahren dabei, bereitet sich vor.
          Auf jung muss er sich nicht schminken: Sandy Kennedy, seit 67 Jahren dabei, bereitet sich vor. : Bild: Tobias Everke

          Im Frühjahr 2018 hat die Blue Hill Troupe ihre neunte Inszenierung von „The Yeomen of the Guard“ gezeigt, dem gewichtigsten Werk des Kanons. Der Schauplatz ist der Tower von London im Zeitalter der ersten Königin Elisabeth; auf die komischen Liebesverwicklungen legt sich der Nebelhauch einer Ahnung von der tragischen Gewalt der Zeit. Rich Miller war schon 2007 der schmucke Oberst Fairfax, der wegen Zauberei hingerichtet werden soll, aber den Damen die Köpfe verdreht und deshalb den seinen behält. Rutherfurd, Mitglied seit 1969, spielte diese Rolle 1977 und 1988. Für ihn war die jüngste Produktion der „Yeomen“ seine fünfte. Den Wechsel vom Tenor- ins Baritonfach vollzog er etwas früher als Plácido Domingo; zum dritten Mal nach 1997 und 2007 ist er der grundgütige Sergeant Merrill, der Kommandeur der Titelhelden, des im Tower kasernierten Wachregiments.

          Ein zarter Anflug von Regietheater

          Diese Gardisten sind Pensionäre, Veteranen, die auf dem Burghügel im Alter ein Ehrenbrot erhalten. Auch dem Chor der Blue Hill Troupe bleibt das Problem der Überalterung zumal der Männerstimmen nicht erspart. In diesem Jahr müssen die Chorsänger nicht auf jung geschminkt werden. Die Bühnenlaufbahn von Sandy Kennedy dauert jetzt schon 67 Jahre – 1951 debütierte er am Broadway als Louis, der Sohn der Gouvernante Anna, in der Uraufführung von „The King and I“ neben Gertrude Lawrence und Yul Brynner. Die Schöpfer dieses Musicals, der Komponist Richard Rodgers und der Textdichter Oscar Hammerstein, sind nach Überzeugung von Win Rutherfurd die amerikanischen Erben von Gilbert und Sullivan.

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          2015 gewann die Blue Hill Troupe mit „Patience“, einer Satire auf den Dichterkult des Ästhetizismus, den ersten Preis beim Internationalen Gilbert-und-Sullivan-Festival im englischen Kurort Harrogate. Sandy Kennedy bekam einen Sonderapplaus für seinen Kopfstand als Dragoner. Der Regisseur Gary Slavin, der den kompletten Satz der Savoy-Opern mit der Truppe in Szene gesetzt hat, verlegte die Handlung nach Oklahoma und in die Epoche der Beat-Poeten. In einem Feld von Mitbewerbern, die sich G&S mit dem nostalgischen Puritanismus von Museumskuratoren widmen, ergab dieser zarte Anflug von Regietheater einen markanten Akzent, obwohl die Aktualisierung mit einer Turnhalle als Bühnenbild in der Truppe nicht unumstritten war.

          Die Blue Hill Troupe muss zusehen, dass es ihr nicht ergeht wie Jack Point, dem reisenden Spaßmacher in „The Yeomen of the Guard“, von David Loewy interpretiert als ein Meister der Geläufigkeit, der durch Understatement bezwingenden Routine: Diesem König der Pointe kommt eines unschönen Tages seine Dauerverlobte abhanden. Die Zuschauerzahlen der Truppe gehen seit Jahren zurück. Für eine Amateurkompagnie, die mit Profis mithalten will, schafft das Formelhafte bei G&S, das Spiel mit Versatzstücken, ideale Voraussetzungen, aber das Publikum erwartet heutzutage mehr Abwechslung. Schon 1984 hat die Truppe ihren Jahresspielplan um ein zweites Stück erweitert. Die Herbstproduktion in kleinerem Rahmen ist meistens ein Musical, oft eine Genreliebhaberei im parodistischen Register. Für den wohltätigen Zweck erwirtschaftet man damit freilich auch keinen Überschuss.

          Ein bemaltes Betttuch als Tower

          In den zehn Vorstellungen von „Yeomen“ war das Haus voll – aber auch nur, weil man in ein kleineres Theater ausweichen musste. Das Theater im Museo del Barrio an der Fifth Avenue in Spanish Harlem wird renoviert. Die Sammlungstätigkeit dieses Museums ist auf die Volkskunst der Einwanderer aus Lateinamerika gerichtet. Im Museumstheater sieht man davon nichts – das Gebäude wurde als Waisenhaus errichtet, und sein Erbauer, der gebürtige Hamburger August Heck-scher, schenkte den Kindern ein Theater mit 600 Plätzen, geschmückt mit wandhohen Märchenbildern des berühmten Buchillustrators Willy Pogany: für die wunderlich versponnenen Geschichten von W. S. Gilbert als Rahmen wie gemacht, ähnlich wie 1924 die Yacht im Hafen von Blue Hill.

          An der Ecke von 76. Straße und Lexington Avenue: Die Truppe tritt nun im Keller der katholischen Kirche St. Jean Baptiste auf – wo es aber recht eng ist.
          An der Ecke von 76. Straße und Lexington Avenue: Die Truppe tritt nun im Keller der katholischen Kirche St. Jean Baptiste auf – wo es aber recht eng ist. : Bild: Tobias Everke

          Als Ersatz diente in diesem Jahr ein Theater im Keller einer katholischen Kirche an der Ecke von 76. Straße und Lexington Avenue. Es hat 200 Plätze, und entsprechend klein ist die Bühne. Für Charlie Morgan, der seit 1953 als „backstager“ aktiv ist, gab es nichts zu tun. Jahrzehntelang hat er sich um das „rigging“ gekümmert, die Seilmaschinerie, mit der die Kulissenteile in den Schnürboden befördert werden. Hier war der Tower ein bemaltes Betttuch.

          Charles F. Morgan war der jüngste Partner in der Geschichte der Familienbank Morgan Stanley und der letzte Nachkomme von J. P. Morgan, der in dieser Funktion eingestellt wurde. An seinem Hochhausarbeitsplatz machte er sich ebenfalls als Obermaschinist nützlich, etwa bei der Überwachung des Einbaus einer neuen Telefonanlage. Ron Chernow erzählt in seiner Geschichte des „House of Morgan“ eine Anekdote. Bei Morgan Stanley war ein neuer Partner angeheuert worden, der seinem ersten Arbeitstag mit einiger Aufregung entgegensah, weil er sich sein Büro mit dem jungen Mr. Morgan teilen sollte. Er war pünktlich zur Stelle und traf einen Handwerker an, der mit der Reparatur der Türklinke beschäftigt war. Der andere Schreibtisch war leer und blieb leer. Es dauerte etwas, bis dem Neuling aufging, dass der Mann mit dem Schraubenzieher der junge Mr. Morgan war.

          Der New Yorker Regisseur Whit Stillman hat 1990 einen Spielfilm über seine Herkunftswelt gedreht, die New Yorker Oberschicht. Er spielt zwischen den Jahren, in der weihnachtlichen Ballsaison. Der Hofphilosoph eines kleinen Kreises junger Leute eröffnet seinen Freunden, dass sie auch sozialgeschichtlich in einer Zwischenzeit lebten: Die „Urban Haute Bourgeoisie“ sei zum langsamen Abstieg verdammt; die zweite Generation habe gar nicht die Möglichkeit, es der ersten an Tatkraft gleichzutun. Charlie Morgan, der schon 1964 zum Präsidenten der Blue Hill Troupe gewählt wurde, behielt noch jenseits seines achtzigsten Geburtstags die Seile und Winden in der Hand. Anders als die kulturkritischen Prämissen der Dekadenztheorie aus Stillmans Film es wollen, muss die Hinwendung zu Kunst und Philanthropie keinen Abschied vom tätigen Leben bedeuten.

          Winthrop Rutherfurd, Jr., Präsident des Jahres 1979, ist ein Abkömmling von Peter Stuyvesant, dem letzten niederländischen Generaldirektor der Kolonie, die 1664 nach der Eroberung durch die britische Flotte den Namen New York erhielt. Unter seinen Vorfahren sind John Winthrop, der erste Gouverneur von Massachusetts, Lewis Morris, ein Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung, Senator John Rutherfurd und Vizepräsident Levi Parsons Morton. Einer seiner Brüder war mit der Halbschwester von Jackie Kennedy verheiratet.

          Keine Andeutung von Melancholie

          Über die Zukunftsaussichten der Blue Hill Troupe spricht Rutherfurd ohne jede Andeutung von Melancholie. Er hofft, dass der Umzug ins kleinere Theater eine Zwischenlösung bleiben wird. Für den opernhaften Reichtum der Partitur von „Yeomen“ sei der Orchestergraben zu klein gewesen. Nur für einen Hornisten war Platz. Den Überlegungen, das Repertoire zu erweitern, kann Rutherfurd nichts abgewinnen. G&S sei das, was die Truppe von anderen Amateurkompagnien unterscheide. Sie dürfe auch nicht vergessen, dass sie aus Amateuren bestehe und dem Broadway kein Publikum abjagen könne. Als im Frühjahr 2017 das Experiment gemacht wurde, ein Musical statt der turnusmäßigen Savoy-Oper auf die große Bühne zu bringen, hat er gestreikt. Aber er sieht, dass die Zeiten sich geändert haben: Als er vor einem halben Jahrhundert der Truppe beitrat, kannten die meisten Mitglieder Gilbert und Sullivan aus Schulaufführungen. Er ist jetzt 76 Jahre alt und weiß, dass das finanzielle Geschick der Truppe zu sehr an den Karten hängt, die er persönlich unter die Leute bringt.

          Nach jeder Premiere versammeln sich alle „troupers“, „Frontstage“ und „Backstage“, auf der Bühne. Sekt wird ausgeschenkt, und die Hymne der Truppe wird vierstimmig gesungen, „Hail Poetry“. Dieser Lobgesang auf die Dichtung, die als „im Himmel geborene Jungfrau“ apostrophiert wird, erklingt im Finale des ersten Aktes der „Pirates of Penzance“, als die Piraten sich von der Lebensgeschichte des Generals erweichen lassen, der sich ihnen als Waise vorstellt. Er war aber gar kein Waisenknabe, die rührende Geschichte ist eine Fiktion. Das Pathos ist bei Gilbert und Sullivan das Werk von Witzbolden, denen es widerfahren kann, dass sie sich von ihren eigenen Erfindungen überwältigen lassen.

          In der Inbrunst, mit der die Mitglieder der Blue Hill Troupe „Hail Poetry“ schmettern, steckt das Wissen, dass es für die Ewigkeit ihrer poetischen Geschäftstätigkeit keine Garantie gibt. Im Dezember will Win Rutherfurd für die Rolle des Großinquisitors vorsingen. Die „Gondoliers“ sind in seinen Ohren eines der positivsten, melodischsten, glücklichsten Stücke im Kanon.

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