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Laientheatertruppe in New York : Glück im Spiel

Vorhang auf, Ränge leer: Die Blue Hill Troupe probt „The Yeomen of the Guard“. Bild: Tobias Everke

In New York führt eine Laientheatertruppe Stücke von Gilbert und Sullivan auf. Anwälte verwandeln sich in Matrosen, Lehrer in Lords, Managerinnen in Mädchen. Und alles endet im Lobgesang auf die Dichtung.

          13 Min.

          Ungefähr alle 13 Jahre verwandeln sich in New York gestandene Rechtsanwälte, Lehrer, Datentechniker und Bibliothekare in Piraten. Und im Jahr darauf in Matrosen. Oder in englische Lords. Oder in japanische Lords. Und seriöse Verlagslektorinnen, Hedgefonds-Managerinnen, Immobilienmaklerinnen und Bauingenieurinnen spielen noch einmal junge Mädchen. Die Töchter eines Generals. Die Nichten des Marineministers. Groupies eines Doppelgängers von Oscar Wilde. Oder eines japanischen Barden. Im kommenden Jahr wird man sich nach ältester italienischer Mode ausstaffieren, die Herren mit Querstreifen und Strohhüten, die Damen mit Hochzeitssträußen: Gondelschiffer und deren Bräute wird der Chor verkörpern, wenn die Blue Hill Troupe im April 2019 „The Gondoliers“ auf die Bühne bringt.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Das Libretto dieser 1889 in London uraufgeführten komischen Oper schrieb William Schwenck Gilbert, die Melodien Arthur Sullivan. Wie auch Text und Musik von „The Mikado“, „The Pirates of Penzance“, „H.M.S. Pinafore“, „Iolanthe“, „Patience“ und „Utopia Limited“. Dreizehn abendfüllende Stücke umfasst der Kanon der Gemeinschaftsarbeiten von Gilbert und Sullivan oder kurz G&S, und die Blue Hill Troupe behandelt dieses Repertoire tatsächlich als Kanon – wenn man so will, sogar in doppeltem Sinne, nicht nur als Vorrat unverbesserlicher Erfolgsstücke, sondern auch wie einen Rundgesang: Wenn man einmal durch ist, fängt man wieder von vorne an. Alles dreht sich im Kreis, und das in New York, wo an jeder Ecke ein neues Restaurant, eine neue Galerie, ein neuer buddhistischer Tempel mit Eröffnungsangeboten lockt.

          Kanonpflege ist ein Ausdauersport: Die Truppe – „the Troupe“ ist die interne Selbstbezeichnung, mit den militärischen Anklängen von Korpsgeist und Opferbereitschaft – nähert sich ihrem hundertsten Geburtstag.

          Ein Naturschauspiel ohne Eintrittsgeld

          1924 fand die erste Aufführung statt, im Städtchen Blue Hill an der Küste des Bundesstaats Maine oder genauer gesagt vor Blue Hill, auf dem Wasser, an Bord der Yacht einer New Yorker Familie, die in Neuengland standesgemäße Ferien verbrachte. Die perfekte Kulisse für „H.M.S. Pinafore“: Diese Oper spielt auf einem Schiff der Kriegsmarine Ihrer Majestät, das nicht auf den Namen einer Königin oder Göttin getauft ist, sondern nach dem Emblem guter Haushaltsführung heißt, der Schürze. Wie viele Stücke von G&S nimmt „H.M.S. Pinafore“ den Standesdünkel unter Beschuss, die verschwenderische Überproduktion von Rangunterscheidungsmerkmalen im britischen Klassensystem – wobei auch die Gegenfigur des Aufsteigers zur Zielscheibe des Spotts wird, der Marineminister, der seine gesamte Karriere zu Lande absolviert hat.

          Ein reisender Spaßmacher hinter der Bühne: David Loewy interpretiert die Figur des Jack Point als Meister pointierter Routine, die durch Understatement bezwingt.
          Ein reisender Spaßmacher hinter der Bühne: David Loewy interpretiert die Figur des Jack Point als Meister pointierter Routine, die durch Understatement bezwingt. : Bild: Tobias Everke

          Schon seit der dritten Spielzeit, 1926, tritt die Blue Hill Troupe nicht mehr in Blue Hill auf, sondern in Manhattan. Das Stadtbild der Insel ist so etwas wie der Prospekt eines Naturschauspiels ohne Eintrittsgeld: Man sieht die Versteinerung der Aufstiegsdynamik. New York ruft jeden, der es hier schaffen will, der es machen will, sein Glück. Aber im Laufe der Zeit haben Reichtum und Ehrgeiz in der Musterstadt der amerikanischen Republik eine neue Apparatur der Distinktion hervorgebracht, eine Systematik der feinen und nicht so feinen Unterschiede. Erkennen die Aktiven der Blue Hill Troupe in der barocken Mechanik des Gesellschaftlichen bei Gilbert und Sullivan, im Reiz-Reaktions-Schematismus der überregulierten Typenkomödie, etwas von ihrer New Yorker Lebenswelt wieder?

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