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Laientheatertruppe in New York : Glück im Spiel

Der New Yorker Regisseur Whit Stillman hat 1990 einen Spielfilm über seine Herkunftswelt gedreht, die New Yorker Oberschicht. Er spielt zwischen den Jahren, in der weihnachtlichen Ballsaison. Der Hofphilosoph eines kleinen Kreises junger Leute eröffnet seinen Freunden, dass sie auch sozialgeschichtlich in einer Zwischenzeit lebten: Die „Urban Haute Bourgeoisie“ sei zum langsamen Abstieg verdammt; die zweite Generation habe gar nicht die Möglichkeit, es der ersten an Tatkraft gleichzutun. Charlie Morgan, der schon 1964 zum Präsidenten der Blue Hill Troupe gewählt wurde, behielt noch jenseits seines achtzigsten Geburtstags die Seile und Winden in der Hand. Anders als die kulturkritischen Prämissen der Dekadenztheorie aus Stillmans Film es wollen, muss die Hinwendung zu Kunst und Philanthropie keinen Abschied vom tätigen Leben bedeuten.

Winthrop Rutherfurd, Jr., Präsident des Jahres 1979, ist ein Abkömmling von Peter Stuyvesant, dem letzten niederländischen Generaldirektor der Kolonie, die 1664 nach der Eroberung durch die britische Flotte den Namen New York erhielt. Unter seinen Vorfahren sind John Winthrop, der erste Gouverneur von Massachusetts, Lewis Morris, ein Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung, Senator John Rutherfurd und Vizepräsident Levi Parsons Morton. Einer seiner Brüder war mit der Halbschwester von Jackie Kennedy verheiratet.

Keine Andeutung von Melancholie

Über die Zukunftsaussichten der Blue Hill Troupe spricht Rutherfurd ohne jede Andeutung von Melancholie. Er hofft, dass der Umzug ins kleinere Theater eine Zwischenlösung bleiben wird. Für den opernhaften Reichtum der Partitur von „Yeomen“ sei der Orchestergraben zu klein gewesen. Nur für einen Hornisten war Platz. Den Überlegungen, das Repertoire zu erweitern, kann Rutherfurd nichts abgewinnen. G&S sei das, was die Truppe von anderen Amateurkompagnien unterscheide. Sie dürfe auch nicht vergessen, dass sie aus Amateuren bestehe und dem Broadway kein Publikum abjagen könne. Als im Frühjahr 2017 das Experiment gemacht wurde, ein Musical statt der turnusmäßigen Savoy-Oper auf die große Bühne zu bringen, hat er gestreikt. Aber er sieht, dass die Zeiten sich geändert haben: Als er vor einem halben Jahrhundert der Truppe beitrat, kannten die meisten Mitglieder Gilbert und Sullivan aus Schulaufführungen. Er ist jetzt 76 Jahre alt und weiß, dass das finanzielle Geschick der Truppe zu sehr an den Karten hängt, die er persönlich unter die Leute bringt.

Nach jeder Premiere versammeln sich alle „troupers“, „Frontstage“ und „Backstage“, auf der Bühne. Sekt wird ausgeschenkt, und die Hymne der Truppe wird vierstimmig gesungen, „Hail Poetry“. Dieser Lobgesang auf die Dichtung, die als „im Himmel geborene Jungfrau“ apostrophiert wird, erklingt im Finale des ersten Aktes der „Pirates of Penzance“, als die Piraten sich von der Lebensgeschichte des Generals erweichen lassen, der sich ihnen als Waise vorstellt. Er war aber gar kein Waisenknabe, die rührende Geschichte ist eine Fiktion. Das Pathos ist bei Gilbert und Sullivan das Werk von Witzbolden, denen es widerfahren kann, dass sie sich von ihren eigenen Erfindungen überwältigen lassen.

In der Inbrunst, mit der die Mitglieder der Blue Hill Troupe „Hail Poetry“ schmettern, steckt das Wissen, dass es für die Ewigkeit ihrer poetischen Geschäftstätigkeit keine Garantie gibt. Im Dezember will Win Rutherfurd für die Rolle des Großinquisitors vorsingen. Die „Gondoliers“ sind in seinen Ohren eines der positivsten, melodischsten, glücklichsten Stücke im Kanon.

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