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Laientheatertruppe in New York : Glück im Spiel

Die Blue Hill Troupe muss zusehen, dass es ihr nicht ergeht wie Jack Point, dem reisenden Spaßmacher in „The Yeomen of the Guard“, von David Loewy interpretiert als ein Meister der Geläufigkeit, der durch Understatement bezwingenden Routine: Diesem König der Pointe kommt eines unschönen Tages seine Dauerverlobte abhanden. Die Zuschauerzahlen der Truppe gehen seit Jahren zurück. Für eine Amateurkompagnie, die mit Profis mithalten will, schafft das Formelhafte bei G&S, das Spiel mit Versatzstücken, ideale Voraussetzungen, aber das Publikum erwartet heutzutage mehr Abwechslung. Schon 1984 hat die Truppe ihren Jahresspielplan um ein zweites Stück erweitert. Die Herbstproduktion in kleinerem Rahmen ist meistens ein Musical, oft eine Genreliebhaberei im parodistischen Register. Für den wohltätigen Zweck erwirtschaftet man damit freilich auch keinen Überschuss.

Ein bemaltes Betttuch als Tower

In den zehn Vorstellungen von „Yeomen“ war das Haus voll – aber auch nur, weil man in ein kleineres Theater ausweichen musste. Das Theater im Museo del Barrio an der Fifth Avenue in Spanish Harlem wird renoviert. Die Sammlungstätigkeit dieses Museums ist auf die Volkskunst der Einwanderer aus Lateinamerika gerichtet. Im Museumstheater sieht man davon nichts – das Gebäude wurde als Waisenhaus errichtet, und sein Erbauer, der gebürtige Hamburger August Heck-scher, schenkte den Kindern ein Theater mit 600 Plätzen, geschmückt mit wandhohen Märchenbildern des berühmten Buchillustrators Willy Pogany: für die wunderlich versponnenen Geschichten von W. S. Gilbert als Rahmen wie gemacht, ähnlich wie 1924 die Yacht im Hafen von Blue Hill.

An der Ecke von 76. Straße und Lexington Avenue: Die Truppe tritt nun im Keller der katholischen Kirche St. Jean Baptiste auf – wo es aber recht eng ist.
An der Ecke von 76. Straße und Lexington Avenue: Die Truppe tritt nun im Keller der katholischen Kirche St. Jean Baptiste auf – wo es aber recht eng ist. : Bild: Tobias Everke

Als Ersatz diente in diesem Jahr ein Theater im Keller einer katholischen Kirche an der Ecke von 76. Straße und Lexington Avenue. Es hat 200 Plätze, und entsprechend klein ist die Bühne. Für Charlie Morgan, der seit 1953 als „backstager“ aktiv ist, gab es nichts zu tun. Jahrzehntelang hat er sich um das „rigging“ gekümmert, die Seilmaschinerie, mit der die Kulissenteile in den Schnürboden befördert werden. Hier war der Tower ein bemaltes Betttuch.

Charles F. Morgan war der jüngste Partner in der Geschichte der Familienbank Morgan Stanley und der letzte Nachkomme von J. P. Morgan, der in dieser Funktion eingestellt wurde. An seinem Hochhausarbeitsplatz machte er sich ebenfalls als Obermaschinist nützlich, etwa bei der Überwachung des Einbaus einer neuen Telefonanlage. Ron Chernow erzählt in seiner Geschichte des „House of Morgan“ eine Anekdote. Bei Morgan Stanley war ein neuer Partner angeheuert worden, der seinem ersten Arbeitstag mit einiger Aufregung entgegensah, weil er sich sein Büro mit dem jungen Mr. Morgan teilen sollte. Er war pünktlich zur Stelle und traf einen Handwerker an, der mit der Reparatur der Türklinke beschäftigt war. Der andere Schreibtisch war leer und blieb leer. Es dauerte etwas, bis dem Neuling aufging, dass der Mann mit dem Schraubenzieher der junge Mr. Morgan war.

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