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Laientheatertruppe in New York : Glück im Spiel

Die aberwitzigen Volten von Gilberts Libretti beruhen oft auf Finten eines juristischen Überscharfsinns, und Sullivans „patter songs“, zungenbrecherische Sachlosigkeitsvorträge, finden im Rechtswörterbuch das Material für ihre Wortkettensägenmassaker. Der angelsächsische Gerichtsprozess beruht auf dem Wettbewerbsprinzip, auf dem Kampf der Parteivertreter, die schauspielerisch agieren müssen, weil sie vor Publikum auftreten, vor den Geschworenen.

Miller und Rutherfurd bringen außer ihrer Fachkompetenz auch eine Gesangsausbildung mit. Das ist nicht untypisch: Etliche langgediente Mitglieder haben im College Musik studiert und dann einen anderen Beruf gewählt. Es sind vor allem Herren, die in dieser Weise die Verbindung zu ihrer Lebenstraumwelt des Theaters halten, während unter den Frauenstimmen eher die jungen Sängerinnen hervorstechen, die von der Musik leben wollen und sich von der Mitgliedschaft Bühnenerfahrung versprechen.

Auf jung muss er sich nicht schminken: Sandy Kennedy, seit 67 Jahren dabei, bereitet sich vor.
Auf jung muss er sich nicht schminken: Sandy Kennedy, seit 67 Jahren dabei, bereitet sich vor. : Bild: Tobias Everke

Im Frühjahr 2018 hat die Blue Hill Troupe ihre neunte Inszenierung von „The Yeomen of the Guard“ gezeigt, dem gewichtigsten Werk des Kanons. Der Schauplatz ist der Tower von London im Zeitalter der ersten Königin Elisabeth; auf die komischen Liebesverwicklungen legt sich der Nebelhauch einer Ahnung von der tragischen Gewalt der Zeit. Rich Miller war schon 2007 der schmucke Oberst Fairfax, der wegen Zauberei hingerichtet werden soll, aber den Damen die Köpfe verdreht und deshalb den seinen behält. Rutherfurd, Mitglied seit 1969, spielte diese Rolle 1977 und 1988. Für ihn war die jüngste Produktion der „Yeomen“ seine fünfte. Den Wechsel vom Tenor- ins Baritonfach vollzog er etwas früher als Plácido Domingo; zum dritten Mal nach 1997 und 2007 ist er der grundgütige Sergeant Merrill, der Kommandeur der Titelhelden, des im Tower kasernierten Wachregiments.

Ein zarter Anflug von Regietheater

Diese Gardisten sind Pensionäre, Veteranen, die auf dem Burghügel im Alter ein Ehrenbrot erhalten. Auch dem Chor der Blue Hill Troupe bleibt das Problem der Überalterung zumal der Männerstimmen nicht erspart. In diesem Jahr müssen die Chorsänger nicht auf jung geschminkt werden. Die Bühnenlaufbahn von Sandy Kennedy dauert jetzt schon 67 Jahre – 1951 debütierte er am Broadway als Louis, der Sohn der Gouvernante Anna, in der Uraufführung von „The King and I“ neben Gertrude Lawrence und Yul Brynner. Die Schöpfer dieses Musicals, der Komponist Richard Rodgers und der Textdichter Oscar Hammerstein, sind nach Überzeugung von Win Rutherfurd die amerikanischen Erben von Gilbert und Sullivan.

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2015 gewann die Blue Hill Troupe mit „Patience“, einer Satire auf den Dichterkult des Ästhetizismus, den ersten Preis beim Internationalen Gilbert-und-Sullivan-Festival im englischen Kurort Harrogate. Sandy Kennedy bekam einen Sonderapplaus für seinen Kopfstand als Dragoner. Der Regisseur Gary Slavin, der den kompletten Satz der Savoy-Opern mit der Truppe in Szene gesetzt hat, verlegte die Handlung nach Oklahoma und in die Epoche der Beat-Poeten. In einem Feld von Mitbewerbern, die sich G&S mit dem nostalgischen Puritanismus von Museumskuratoren widmen, ergab dieser zarte Anflug von Regietheater einen markanten Akzent, obwohl die Aktualisierung mit einer Turnhalle als Bühnenbild in der Truppe nicht unumstritten war.

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