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Laientheatertruppe in New York : Glück im Spiel

Wer beim Vorsingen durchfällt, kann sich als „backstager“ bewerben und gegebenenfalls in einem späteren Jahr noch einmal den Sprung auf die Bühne versuchen. Zwischen „Backstage“ und „Frontstage“ besteht ein Verhältnis der spielerischen Rivalität, und es tut der Sache gut, dass nicht alle Werkstattkräfte sich für verhinderte Bühnenstars halten. Im Gegenteil kultivieren einige der fleißigsten Tüftler den Spott über das süße Leben der Sänger und deren kindliche Freude am Applaus. Kooperation und Konkurrenz greifen überall ineinander: Das ist wohl das Betriebsgeheimnis der Blue Hill Troupe.

Der Kanon wird nicht in fester Reihenfolge abgearbeitet; die alljährliche Wahl unter den Werken bewirkt, dass die beliebteren Stücke etwas häufiger einstudiert werden. Die Hauptrollen werden doppelt besetzt. Einerseits vermehrt das die Chancen, so dass nicht selten Jungmitglieder zum Zuge kommen und neue Stars geboren werden. Andererseits ist die Abwägung zwischen den Vorzügen der Premierenbesetzung und dem Personal der letzten Aufführung ein nettes Pausenvergnügen.

Konkurrenz belebt aber auch die außermusikalischen Geschäfte. Dieses wettkampfsportliche Moment des Truppenalltags begegnet keinen moralischen Bedenken, weil alles einem guten Zweck dient: Der Erlös aus dem Kartenverkauf und den Anzeigen im Programmheft, von denen die Mitglieder die meisten selbst aufgeben, wird an eine jährlich wechselnde wohltätige Organisation gespendet. In den Motivationsansprachen, die auf den Treffen einer ganz und gar auf Freiwilligkeit angewiesenen Gruppe Pflichtprogramm sind, wird nicht etwa der Dienst an der Kunst als höchster Wert beschworen, sondern „charity“, ein Zauberwort der amerikanischen Zivilreligion.

Das geflügelte Wort

In den Wochen des Vorverkaufs können die Mitglieder eine täglich aktualisierte Absatzstatistik einsehen. Sortiert nach den Verkäufern: Die meisten Tickets werden durch Mund-zu-Mund-Werbung an den Mann gebracht, das Publikum ist die erweiterte Gemeinschaft der Blue Hill Troupe. Geschäftspartner, Kunden und Kollegen machen den Mitwirkenden die Freude ihrer Anwesenheit und dürfen bei anderer Gelegenheit auf einen ähnlichen Gefallen hoffen. So beruht auch das Geschäftsmodell der Truppe auf der Kooperation in einer Konkurrenzgesellschaft.

Schon seit einem halben Jahrhundert dabei: Win Rutherfurd, ein Abkömmling von Peter Stuyvesant, will sich nicht mehr an jede Neuerung gewöhnen.
Schon seit einem halben Jahrhundert dabei: Win Rutherfurd, ein Abkömmling von Peter Stuyvesant, will sich nicht mehr an jede Neuerung gewöhnen. : Bild: Tobias Everke

Am Nachmittag vor der letzten Vorstellung gibt es im Theater eine Bühnenshow nur für Mitglieder. Dort bekommen die eifrigsten Kartenverkäufer einen Preis, aber neben den Einnahmerekorden wird auch der Geist der Verausgabung zelebriert: Auf einer Ehrentafel wird der Name des Mitglieds eingraviert, das im zurückliegenden Jahr in der Stammkneipe der Truppe die größte Ausdauer gezeigt hat. Zu diesem nach einer Sopranistin des Aufnahmejahrgangs 1974 benannten Wanderpreis passt das geflügelte Wort, die Blue Hill Troupe sei keine Theatergruppe mit einem Alkoholproblem, sondern eine Trinkergruppe mit einem Theaterproblem. Es ist wohl kein Zufall, dass der Tenor und der Bariton, die so etwas wie ein Abonnement auf die Hauptpartien der Savoy-Opern haben, beide Anwälte sind, Partner nobler Kanzleien, die sich auch die Führungsämter im Freundeskreis der Metropolitan Opera teilen. Jahr für Jahr werden Rich Miller und Win Rutherfurd auch die größten Kartenkontingente gutgeschrieben: Wenn man dauernd gewinnt, macht's viel mehr Spaß.

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