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Laientheatertruppe in New York : Glück im Spiel

In den Anfangsjahren war die Blue Hill Troupe so etwas wie ein Gesellschaftsspielzeug eines Kreises reicher Familien auf der besseren, der östlichen Seite von Manhattan. Die Abkömmlinge dieser Familien bilden die Aristokratie der Truppe, aber nur noch wenige Proben finden in Wohnungen mit Konzertflügel und Aussicht auf den Central Park statt. Das Mitgliederverzeichnis der Truppe mit den Adressen und Telefonnummern wurde Jahr für Jahr im Taschenkalenderformat mit blauem Umschlag gedruckt und „The Blue Book“ genannt. „Blue Book“ oder „Social Register“ hieß früher in den Großstädten der Vereinigten Staaten auch ein Verzeichnis der Mitglieder der gehobenen Gesellschaft, das namentlich die Heiratskandidatenfindung erleichtern sollte.

Auch die Blue Hill Troupe ist stolz darauf, dass ihr Ruf als Heiratsmarkt der Bedeutung des Themas für die glücklichen Finalszenen der Savoy-Opern entspricht: In den 95 Jahren der Truppe gab es im Durchschnitt eine Hochzeit pro Jahr. Die Druckkosten für das „Blue Book“ werden allerdings neuerdings eingespart.

Zeit: Das knappste Gut in New York

Jedes Jahr wählt die Truppe einen neuen Präsidenten oder eine Präsidentin. Der Amtsinhaber Al Loomis ist der Neffe des Präsidenten von 1970. Sigourney Romaine, Sohn des gleichnamigen Präsidenten der Jahre 1952 und 1956, der 1951 seine erste Vorstellung besuchte, erzählt, dass für die jährliche Mitgliederversammlung früher der Smoking vorgeschrieben war. Nach Romaines Schätzung erfüllten in seiner Jugend 80 bis 90 Prozent der Mitglieder die Kriterien für das „Social Register“. Noch immer haben die meisten Bewerber einen „sponsor“ unter den Mitgliedern, der sie empfohlen hat, aber das soziale Netz wird weiter und weiter ausgeworfen: Die Truppe wäre längst ausgestorben, wenn sie ihre Rekrutierung auf Personen beschränkt hätte, die einander aus der Privatschule oder vom Debütantinnenball kennen.

Auf einem solchen Stück kann man Locken drehen: Cynthia Whitman richtet im Frauen-Umkleideraum ihr Kostüm.
Auf einem solchen Stück kann man Locken drehen: Cynthia Whitman richtet im Frauen-Umkleideraum ihr Kostüm. : Bild: Tobias Everke

Bei der Aufnahme von „backstagers“ geht es vor allem um eine Prognose in der heiklen Frage, ob die Kandidaten auch wirklich in der Lage sein werden, die nötige Zeit zu investieren. Zeit: das nach dem Raum knappste Gut in New York. Wenn Anfang April Premiere ist, öffnet die Werkstatt Anfang Januar. Dann ist es in New York noch eiskalt, und die angemieteten Lagerräume, in denen man samstags und sonntags zusammenkommt, um die Kulissen zu bauen und die Kostüme zu nähen, verfügen nicht immer über eine Heizung. Innerweltliche Askese wird erwartet, wobei die Welt, wo der „workspace“ eingerichtet wird, durchaus ihren pittoresken Reiz hat: die letzten Winkel eines von der Gentrifizierung zurückgedrängten New York, das eine Metropole der Drecksarbeit war.

Hilfreich ist es, wenn man als Hinterbühnenarbeiter ein proletarisches Klassenbewusstsein entwickelt und auch auf Verrichtungen stolz sein kann, deren Ergebnisse unsichtbar bleiben und nichts Individuelles an sich haben, wie das stundenlange Bestreichen von Holzplatten mit Brandschutzfarbe. „Backstage“ und „Frontstage“: Der Unterschied der beiden Welten hat nicht dieselbe schicksalhafte Gewalt wie die ebenfalls durch räumliche Trennung markierte Unterscheidung der Sphären von „Upstairs“ und „Downstairs“ in der klassischen Fernsehserie über den Haushalt einer Adelsfamilie im nachviktorianischen England. Auf die Schauspieler, zumal diejenigen, die sich regelmäßig Hauptrollen sichern, richtet sich auch innerhalb der Truppe die größte Aufmerksamkeit. Aber den Lieblingen des Lichts ist sehr wohl bewusst, was sie der Selbstlosigkeit der Arbeiter im Schatten verdanken, und das dichte gesellige Leben, das die Proben und Werkstattstunden umrankt, bietet Gelegenheiten, den Dank rituell abzustatten.

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