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Deutsche Parfum-Tradition : Der Duft der Berliner Luft

  • -Aktualisiert am

Richtig zu riechen muss man lernen: Mitgründerin von Urban Scents Marie LeFebvre. Bild: DOREEN GEYER

Es gab sie wirklich mal: die deutsche Parfum-Tradition. Und sie war sogar experimentell. Jetzt wird sie wiederbelebt. Hat da jemand den richtigen Riecher?

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          Zeitgeist ist wandelbar, avantgardistisch und ziemlich sexy. Gestochen scharf und würzig beißt er zu, bevor er wie ein warmer, rauchiger Schleier betörend den Körper umhüllt. Zeitgeist ist eine prickelnde, sinnliche Erfahrung - zumindest, wenn es nach Lutz Herrmann und Tamas Tagscherer geht.

          Die beiden Köpfe hinter dem Duftlabel J.F. Schwarzlose haben eines ihrer Parfums, eine Komposition aus Amber und Moschus, Zeitgeist genannt.

          Und mit dem Duft, genau wie mit den anderen Wässerchen aus dem Sortiment des Hauses, treffen die beiden diesen Zeitgeist tatsächlich ziemlich gut. Denn J.F. Schwarzlose ist eine der feinen Marken im wachsenden Segment der Nischenparfums, die zur Zeit ihre Spur ziehen durch die Berliner Luft.

          Nischenparfums werden meist von unabhängigen Parfümeuren entwickelt. Sie produzieren nicht für den Massenmarkt, sondern nur in kleinen Mengen, deshalb können sie Aromen komplexer miteinander verketten. So entstehen Düfte, die manchmal nur wenige Fans ansprechen. Der Hype um ausgefallene Geruchserlebnisse, wie sie auch J.F. Schwarzlose anbietet, ist nicht neu - aber heute größer denn je.

          “Uns gibt es in dieser Form seit 2012“, sagt Tamas Tagscherer. „In den vergangenen fünf Jahren ist der Markt stetig gewachsen. Ständig poppen neue kleine Marken auf, nicht nur in Berlin.“ Und: „In Deutschland gibt es mittlerweile eine richtige Szene für alternative Düfte.“

          Berlin hat eine echte Parfumtradition

          In Deutschland? Schon das klingt ungewöhnlich, gelten doch Frankreich und vielleicht noch Italien als eigentliche Duftnationen Europas. Dabei lieben die Deutschen Parfums. Allein mit Düften wurde 2016 nach einer Studie des Industrieverbands Körperpflege- und Waschmittel (IKW) hierzulande ein Milliardenumsatz generiert. Im Segment Beauty- und Haushaltsbedarf kauft im Europavergleich niemand lieber ein als die Deutschen. Laut IKW sind die Verkaufseinnahmen im vergangenen Jahr auf 18 Milliarden Euro gestiegen - damit ist Deutschland Spitzenreiter.

          Die Produkte kommen nicht nur aus dem Ausland. Auch Parfums „Made in Germany“ haben eine lange Tradition. Das beste Beispiel ist das Eau de Cologne, das vom frühen 18. Jahrhundert an von Köln aus seinen Siegeszug antrat und gar eine eigene Parfumkategorie prägte.

          Auf Tour: Ein ehemaliger Firmenwagen von J.F. Schwarzlose

          „Berlin hat eine echte Parfumtradition“, sagt Lutz Herrmann von J.F. Schwarzlose. „Weil viele heimische Marken in der Vergangenheit an große Konzerne wie L'Oréal, Unilever oder Procter & Gamble verkauft wurden, ist das nur in Vergessenheit geraten.“ In der Hauptstadt wissen das wohl wenige besser als er – schließlich erzählt er mit J.F. Schwarzlose ein Stück Berliner Geschichte.

          Als Produktdesigner kreiert Herrmann eigentlich die Flakons zu den Düften etablierter Marken. Zufällig stieß er auf die Geschichte eines Berliner Parfumhauses, das 1856 von Joachim Friedrich Schwarzlose gegründet wurde und mehr als 100 Jahre lang die Duftkultur der Hauptstadt prägte. Herrmann war gefesselt von der bewegten Vergangenheit der Firma, die bis in die Siebziger existierte. Zwei Jahre lang recherchierte er gemeinsam mit Tagscherer, bis sie das Unternehmen 2012 gemeinsam mit der französischen Parfümeurin Véronique Nyberg neu ins Leben riefen.

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