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App unterstützt Hatespeech : Es war noch nie leichter, gemein zu Mädchen zu sein

  • -Aktualisiert am

Junge Mädchen sind besonders von der App Tellonym betroffen (Symbolbild) Bild: Picture-Alliance

Die App Tellonym sorgt nicht nur für Komplimente und schöne Nachrichten im Netz. Gerade junge Mädchen werden Opfer von zum Teil heftigen Beleidigungen, die sie verunsichern.

          Für viele Mädchen gibt es nichts Verlockenderes, als im Mittelpunkt zu stehen. Sie wollen beachtet werden. Eine App verspricht ihnen, dass das ganz einfach geht. Und zwar sogar da, wo die Konkurrenz besonders groß ist: in den sozialen Netzwerken. Die App heißt Tellonym – ein Wortspiel aus „tell“, erzählen, und „anonym“. Man kann sich damit anonyme Nachrichten senden lassen. Zum Beispiel Liebeserklärungen, Komplimente oder einfach nur Herzchen. Die anonymen Nachrichten können die Mädchen veröffentlichen, damit jeder sieht, was andere im Geheimen über sie denken.

          Das ist so, als stünden die Mädchen plötzlich vor einer unsichtbaren Jury. Sie erfahren, wie andere sie finden, aber nicht, wer die anderen sind. Schön, wenn dann Liebeserklärungen oder Komplimente kommen. Aber oft kommt etwas anderes. Beleidigungen, Belästigungen, unangenehme Fragen. Die Anonymität ist dann eine Hecke, aus deren Schutz geschossen wird. Trotzdem nutzen mehr als eine Million Menschen die App täglich, ein Drittel in Deutschland, der Rest vor allem in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Brasilien. Insgesamt erreicht Tellonym mehr als 40 Millionen Menschen. Und das Besondere daran: Etwa siebzig Prozent der Nutzer sind weiblich.

          Heckenschützen und anonyme Nachrichten

          Viele Mädchen entdecken die App auf Instagram. Dort sehen sie sich Fotos und Videoclips an und zählen eifersüchtig, wie viele Follower andere Mädchen haben. Und was die für Komplimente bekommen. Auch von anonymen Absendern. Denn viele Mädchen veröffentlichen nette Sachen, die ihnen die unsichtbare Jury in der App schreibt, auf Instagram. Wie Fanpost. Zum Beispiel Schmeicheleien wie „Du bist voll hübsch!“ oder Fragen wie „Hast Du schon einen Freund?“.

          Die Beleidigungen pinnen sie da nicht hin. Aber die gibt es auch. Und nicht zu knapp. Die Macher der App unterstützen die Heckenschützen sogar. Sie schreiben beruhigend: „Du musst keine Angst haben dass du enttarnt wirst wenn du etwas gemein warst.“ Was die Mädchen an Gemeinheit erfahren, müssen sie mit sich selbst ausmachen. Wir haben zwei Mädchen gefragt, wie es ihnen auf Tellonym ergangen ist, Lisa und Pauline. Sie sind 14 und 15 Jahre alt. Lisa mag die App, Pauline nicht mehr.

          „Schickt mir Tells“

          Lisa nutzt Tellonym, seit sie zwölf ist. Auf Instagram hat sie die Komplimente gesehen, die Mitschülerinnen bekommen haben. Das wollte sie auch. Sie lud sich die App runter. Dann postete sie den Link dazu auf Instagram und forderte ihre Follower auf: „Schickt mir Tells.“ So heißen die Botschaften, die man über Tellonym bekommt.

          Lisa musste nicht lange warten. Am ersten Tag kamen dreizehn Botschaften. „Bist übel nett und hübsch“ lautete eine. „Wie groß bist Du?“ eine weitere. Das war aufregend. Lisa vermutet, dass die Absender welche aus ihrer Klasse waren, die ihr auf Instagram folgen. Dass die sie befragten, fand sie toll. Als wäre sie ein Star, der ein Interview gibt.

          Lisa versucht, immer möglichst sachlich und korrekt zu antworten. Wenn sie von der Schule nach Hause kommt, legt sie sich erst mal auf ihr Bett und beantwortet Tells. Sie schreibt kaum mehr als zwei Sätze. Die Fragen, die sie bekommt, sind meist noch kürzer. Eine Frage beantwortet sie nicht: Da will jemand wissen, wer ihre beste Freundin ist. Ein anderes Mal ging es um ihren Freund: „Ey jz mal ist Emil hübsch Skala 1-10“. Da wollte Lisa selbst nichts zu sagen. Eine Freundin hat für sie geantwortet und sich die Bewertung verbeten. Aber Lisa wehrt sich auch selbst. Auf die Anfrage, ob sie noch Jungfrau sei, schrieb sie: „Nee, Krebs“. Abends um acht muss sie das Handy bei ihren Eltern abgeben.

          Anonym bleiben ist die Devise

          Lisa benutzt auf Instagram nicht ihren echten Namen; aber sie zeigt ihre Fotos öffentlich. Jeder kann sie sehen. Lisa will das so, denn dadurch bekommt sie mehr Follower als mit einem privaten Account. Ein Foto zeigt Lisa, wie sie vor ihrem Bett steht und sich im Spiegel fotografiert. Der Blitz verdeckt ihr Gesicht, aber ihr Körper ist gut zu sehen. Diese Art, sich zu zeigen, ist gerade in. Davor haben die Mädels alle ein Duckface gemacht, also die Lippen zu einem Kuss geschürzt. Auf einem anderen Foto sieht man Lisas Gesicht. Sie drückt es eng an ein Kuscheltier.

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