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WG

Von ZSUZSANNA TOTH, Fotos: JORK WEISMANN

20.06.2018 · Man zieht ein, hängt ab, verliebt sich, verkracht sich. In Wohngemeinschaften ist immer was los. Wir haben uns bei fünf WGs in Berlin eingeladen, uns ihre Geschichten erzählen lassen und Ihnen die neueste Mode mitgebracht.

Alles gespielt, nichts gestellt

Julie, Lena, Joachim, Vincent: „Klar könnt ihr kommen, aber unser Set-up ist schon etwas schräg“, sagt Julie vor dem Interview in der Schauspieler-WG im Bezirk Wedding, die tatsächlich etwas anders ist. Die Geschichte der Bewohner dieser nur knapp 60 Quadratmeter großen Wohnung könnte indes nicht typischer sein. Von der etwas ungezogenen Dreier-Jungs-WG, in der einer der Bewohner notgedrungen immer auf der Couch in der Küche schlafen musste, bis zu den legendären Studentenpartys der Schauspielschule Charlottenburg haben die Wände dieser Altbauwohnung schon viel gesehen.

Die Studienzeit ist nun vorbei. In den vergangenen zwei Jahren wurde aus dem eher chaotischen Set-up eine Pärchen-Wohnung, bestehend aus Vincent und seiner Freundin Julie sowie Joachim und seiner Freundin Lena.

Als Vincent vor mehr als vier Jahren die Wohnung fand und seine Kommilitonin Lena fragte, ob sie mit einziehen wolle, ließ die Joachim den Vortritt. Damals wusste sie noch nicht, dass sie sich einige Monate später in Joachim verlieben und wieder etwas später jenes Zimmer mit ihm teilen würde. Etwa zur gleichen Zeit lernte Vincent, den hier alle Vinnie nennen, Julie kennen, die ebenfalls Schauspiel studierte, zwei Jahrgänge unter ihnen.

Lena: Strickkleid von Vivienne Westwood; Joachim: Pullover von Hermès

Die vier haben durch das Zusammenleben in zwei Räumen nicht nur gelernt, nett zu sein – „manchmal sogar zu nett“, wie Julie hinzufügt. Sondern auch: sich von materiellen Dingen zu lösen. „Es klingt abgedroschen“, sagt Julie, „aber mit den Dingen verhält es sich wie mit den Sorgen: je weniger, desto kleiner. Ich finde es irgendwie beruhigend zu wissen, dass ich alles, was ich besitze, in zwei Koffer packen und schnell weg sein könnte.“

Von einer Sache trennt sich die gebürtige Schweizerin mit indischen Wurzeln allerdings nicht: von ihrem Dirndl. Sie zieht es direkt nach unserem Fotoshooting an, um ihrem Zweitjob nachzugehen – als Kellnerin in einem Restaurant. „Man ist ja immer Schauspieler Schrägstrich noch irgendetwas anderes.“

Julie: Jacke von Véronique Leroy, Panties und Strümpfe von Miu Miu; Vincent: Hemd von Brioni

Nach Berlin verschlug es auch die anderen drei Jungschauspieler zum Studium. Vincent kommt aus Nordrhein-Westfalen, Lena aus Niedersachsen, Joachim aus Paris, aber seine Familie stammt aus Deutschland. „Ich mochte Frankreich überhaupt nicht und habe mit 14 Jahren beschlossen, zurück nach Deutschland zu ziehen“, sagt er. In Stuttgart lebte er in einer Gastfamilie, bevor er für sein Schauspielstudium nach Berlin zog. Heute arbeitet er an der Vaganten Bühne und ist nebenbei Akrobatik-Künstler. Auch seine Freundin Lena ist mit Leib und Seele Schauspielerin. „Man spürt irgendwann instinktiv, was man machen will.“

Die vier werden nicht für immer in dieser Konstellation wohnen bleiben, das ist allen klar. Vielleicht schätzen sie ihr Set-up deswegen so sehr. „Dies ist meins, das ist deins – das löst sich irgendwie auf“, erzählt Julie. „Man genießt es, zusammen zu sein. Und wenn die anderen beiden nicht da sind, bleibt genug Raum, um sich als Paar auch mal richtig zu streiten.“


Nächstes Kapitel:

Jan, Claire, Chayé


Claire: Samt-Anzug von Bottega Veneta

Wiedervereinigung an der Kaffeemaschine

Jan, Claire, Chayé: Noch vor einigen Jahren ging es vor allem um Prenzlauer Berg und Mitte, wenn junge, trendige, szenige Leute nach einer Wohnung suchten. Hier konnte man gut die kurze Blüte der Jugend vorüberziehen lassen: in Restaurants und Geschäften, bei Underground-Partys oder einfach beim Abhängen im Kiez. Seitdem hat sich einiges geändert. Die wichtigsten Treffpunkte und Viertel der jungen Generation haben sich in Richtung Süden verlagert.

Auch Jan, Ende 20, wollte eigentlich auf keinen Fall mehr hier bleiben. Aber ihm gelang der Abschied nicht. Das ist leicht zu verstehen, wenn der Blick von einem Raum zum Hinterraum zur nächsten Etage und Zwischenetage wandert – und dabei an zum Teil sehr alten, zum Teil sehr geschmackvoll modernisierten Elementen hängen bleibt. Laminatfußboden, eine moosgrüne Seventies-Couch, schöner Stuck, der oft gesehene Altbauelemente in den Schatten stellt, und eine Küche, die sogar professionelle Köche vor Neid erblassen lässt.

Jan: Shirt von Brioni, Hose von A.P.C., Boots von Dries Van Noten; Chayé trägt seine eigenen Sachen.

Als Jan die Wohnung mit seiner Prenzlauer-Berg-Skepsis besichtigte, wusste er noch nicht, dass er für seine Zusage doppelt belohnt werden würde. Er bekam einen zweiten bewohnbaren Teil, der alleine nicht zu vermieten gewesen wäre, „einfach dazu geschenkt“. Heute ist er mehr als dankbar, dass er sich auf den Mietvertrag eingelassen hat.

Vor drei Jahren gründete der Architekt die Agentur Dreaminc, die Architektur, Design, Event und Medien verknüpft. Sein Büro, in Kreuzberg natürlich, teilt er sich je nach Auftragslage mit zwei bis zehn anderen, die Wohnung mit seinem langjährigen Freund und Architektenkollegen Chayé, und seit einem Jahr ist auch Claire dabei. Die Australierin zog in das kleinste Zimmer, weil sie oft weg ist: Neben ihrem Wirtschafts-Fernstudium fliegt sie als Model durch Europa. Berlin als Basis wird sie nicht so schnell aufgeben wollen, da ist sie sich sicher. „Ich liebe es immer wieder, hier anzukommen. Berlin war eine gute Idee.“

Das Wohnzimmer im Zentrum der Fünf-Zimmer-Wohnung ist übrigens der einzige Ort, an dem sich die drei häufiger treffen. Alle sind viel unterwegs, und jeder hat sogar seinen eigenen Eingang. Daher bekommen sie oft nichts vom Leben der anderen mit. „Wir telefonieren erstaunlich oft von Zimmer zu Zimmer, das ist ganz schlimm“, sagt Jan. „Dafür freut man sich umso mehr, wenn man sich doch noch an der Kaffeemaschine trifft.“


Nächstes Kapitel:

Ufuk & Fania


Ufuk: Poloshirt von Edition MR, die Hose gehört ihm.

Ehrlich brutal im Bauhaus-Stiel

Ufuk & Fania: Zusammen zu wohnen und zu arbeiten, das kann für eine romantische Beziehung zur echten Belastung werden. Diese Gefahr bestand bei Ufuk und Fania nicht. Sie waren gute Freunde, und als sie vor einem halben Jahr Arbeitskollegen wurden, haben sie keine Sekunde gezögert, auch noch zusammenzuziehen. Nicht als Paar, sondern auch weiterhin als gute Freunde.

Ihre Wohnung liegt in einem denkmalgeschützten Bauhaus-Gebäude am Platz der Luftbrücke. Ufuk hat sie vor Jahren von seinem Onkel übernommen. Im dritten Stock der Baugenossenschaft leben die 22 Jahre alte Berlinerin und der 30 Jahre alte Berliner auf etwa 50 Quadratmetern. „Es ist am Ende doch eine kleine Wohnung für zwei Leute. Wenn du dann jemanden reinholen würdest, der total intro ist, würde das einfach gar nicht funktionieren.“ Intro, wie Ufuk das beschreibt, ist Fania sicher nicht – sonst hätten sie sich nicht vor acht Jahren als Partyfreunde kennengelernt. „Fania war damals rein vom Alter her eigentlich noch ein Kind, gleichzeitig aber extrem weit.“ So begann ihre Freundschaft.

Fania: Seidenanzug von Koché, Top von Skin, die Pantoffeln gehören ihr.

Als die gebürtige Zehlendorferin nach Barcelona zog, um Tanz zu studieren, konnten sie und Ufuk nur noch wenig Zeit miteinander verbringen. Nach zwei Jahren in Spanien entschloss sie sich jedoch, ihre Karriererichtung zu ändern und sich für einen Job bei der Streetwear-Agentur „Highsnobiety“ als Produktionsassistentin zu bewerben. Dort wurde sie von Ufuk interviewt, der seit nun zwei Jahren als Producer angestellt ist. Wenige Wochen später bezog seine „kleine Schwester“, wie er sagt, nicht nur den benachbarten Schreibtisch, sondern auch das nicht genutzte Zweitzimmer.

Kann das bei so viel gemeinsamer Zeit auf so engem Raum gut gehen? Platz sparen die beiden, wie sie sagen, weil sie wie eine Person denken, fühlen und handeln. „Wir sind brutal ehrlich zueinander“, sagt Ufuk. „Das tut manchmal weh und überschreitet Grenzen, wie es andere in einer Freundschaft vielleicht nicht akzeptieren würden. Aber so kommt es bei uns gar nicht dazu, dass etwas im Untergrund brodelt.“

Die Stadt oder den Kiez wieder zu verlassen ist weder für Ufuk noch für Fania eine Option. Sie haben den vielzitierten Wandel hautnah miterlebt. Heute steht Kreuzberg aber für viel mehr: für ihre Heimat, ihr Zuhause. „Klar ist es stellenweise ein bisschen rougher, ein bisschen dreckiger, ein bisschen ehrlicher, ein bisschen mehr Haudrauf! Aber genau deswegen haben wir auch ein paar Geschichten zu erzählen.“ Da sind sich beide einig.


Nächstes Kapitel:

Ai-Ling, Graig, Arienne und Alex


Ai-Ling: eigene Sachen; Alex: Strick-Polo von Brioni; Craig (draußen): Polohemd und Hose von Salvatore Ferragamo; Arienne: Strickkleid von Vanessa Seward

Die Berghütte am Kottbusser Damm

Ali-Ling, Craig, Arienne und Alex: Der Kottbusser Damm ist nicht gerade als Oase der Ruhe bekannt. Auf der sechsspurigen Straße an der Grenze zwischen Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln, an der Discounter-Brautmodeläden und Spätkäufe liegen, ist immer was los. Wer allerdings die Perspektive ändert und wie in diesem Fall fünf Stockwerke nach oben sieht, kann einen ganz anderen – einen großartigen – Blick auf das Geschehen gewinnen.

Genau hier hat sich Ai-Ling, Britin und seit vielen Jahren Wahl-Berlinerin, eine Art Berghütte erschaffen, so nennen es die Bewohner zumindest. Diese Berghütte haben in den vergangenen Jahren viele junge Menschen ihr Zuhause nennen dürfen.

Doch beginnen wir von vorn. Als Ai-Ling vor einigen Jahren das Haus ihrer Familie verkaufen musste und daraufhin von Zimmer zu Zimmer gondelte, merkte sie schnell, dass es vielleicht ihre Bestimmung war, selbst ein neues Zuhause aufzubauen. Mit der lichtdurchfluteten 225-Quadratmeter-Wohnung fand ihre lange Suche schließlich ein Ende. Die Sechsundzwanzigjährige nahm sich viel Zeit und investierte große Mühe in die Einrichtung, bevor sie sich dann nach den perfekten Mitbewohnern umschaute. Das entpuppte sich schnell als utopisch. Gut so.

Bis heute hat Ai-Ling, die als PR-Beraterin und Projektmanagerin für verschiedene Unternehmen tätig ist, in 16 WG-Konstellationen gewohnt. Mit ihrem Zuhause hat sie sich ein Sicherheitsnetz aufgebaut, in dem immer wieder Überraschungen hängen. Die größte war wohl, dass sie ihren Freund Alex in der Wohnung kennenlernte. Nicht als Partygast, sondern als Mitbewohner. „Wir scherzen immer, dass wir einander schon in unsere Betten abgeschleppt haben, noch bevor wir unser erstes richtiges Date hatten.“ Die getrennten Zimmer haben Ai-Ling und Alex, der erst vor knapp einem Jahr aus Newcastle nach Berlin gezogen ist, dennoch behalten. Im Sommer kommt dann noch der Balkon inklusive dort aufgestelltem Bett dazu.

Außerdem wohnen zur Zeit auch Bauleiter Craig aus Melbourne und Arienne aus Peru in der Wohnung. Arienne wiederum brachte ihren Hund mit, der in ihrer früheren Wohnung nicht willkommen war. Sie kümmert sich aber nicht nur um ihr eigenes Tier. Seit sie für ein Gap-Year nach Berlin gezogen ist, arbeitet sie als professionelle Hunde- und Katzensitterin. „Auch wenn ich wegen der Tiere nie ganz alleine bin, habe ich da ein bisschen Zeit für mich.“

Von Alleinsein kann in der aktuellen Vierer-WG nicht die Rede sein. Wenn nicht gerade Abendessen für Dutzende Leute geschmissen werden, läuft zumindest ein Still-Life-Fotograf oder ein spontaner Airbnb-Gast durch die offene Küche. „Es ist schon vorgekommen, dass ich beim Frühstück fünf neue Leute in meinem Zuhause kennengelernt hab“, erzählt Craig. „Aber das ist schon okay. Manche kamen dann ein paar Wochen später als Freunde wieder.“


Nächstes Kapitel:

Paulina, Anna, Lorenzo


Anna: mintgrünes Kleid von Sies Marjan, Leo-Blazer von Versace (Vintage)

Vintage-Prada und Wolfgang Petry

Paulina, Anna, Lorenzo: „Wir haben gestern ein langes Wochenende in nur einer einzigen Nacht erlebt“, erzählt Paulina morgens um zehn. In der Wohnung am Gleisdreieckpark in Kreuzberg macht Red-Bull-Cola die Runde: „Quasi unsere Friedenspfeife zum Samstag.“

Wer in der Berliner Szene unterwegs ist und in den vergangenen Wochen verdächtig oft Fleetwood Mac oder Gigi D‛Agostino in unerwartetem Zusammenhang gehört hat, der war wahrscheinlich ganz in der Nähe von Paulina und Anna, auch bekannt als DJane-Duo WOS. Die gebürtigen Berlinerinnen lernten sich kennen, als sie 16 Jahre alt waren, und bezeichnen sich seither als „Familie, die man sich nicht aussuchen kann“.

Als Anna für ein Praktikum nach New York ging, fand ihre Mutter, die Wohnung im dritten Stock eines Altbau-Mehrfamilienhauses sei in einem renovierungsbedürftigen Zustand. Um sie bis zu Annas Rückkehr wohnlich zu machen, wählten Mutter und Tochter gemeinsam via Skype Wandfarben aus. In den vergangenen Jahren kamen selbstgebaute Möbelstücke von Annas Freund dazu.

Lorenzo: Hemd von Prada, Shorts von Dries Van Noten; Paulina: Seidenbluse von Céline, Hose von Prada

Anna und Paulina sind seit einem Jahr nicht nur beste Freundinnen und DJane-Kolleginnen, sondern auch WG-Partner. Das hatte einen ausschließlich praktischen Grund: Paulina suchte eine neue Bleibe, Anna hatte zwar zu viel Platz, aber auch „echte Zweifel“, wie sie sagt. „Das ist ja eigentlich nicht die geilste Idee, mit der besten Freundin zusammenzuziehen.“ Seit einem Jahr teilen die beiden nun ihr Leben, das zusammen ein Sammelsurium aus Gegensätzen bildet. Paulina, die gerade ihr Medizinstudium abgeschlossen hat, teilt ihre Leidenschaft für Vintage-Mode mit Anna, die neben ihrem Job als Casting-Direktorin für eine Pariser PR-Agentur Politik studiert. Anatomie-Bücher und Schallplatten auf den Regalen werden so durch dekadente Prada-Accessoires ergänzt.

Das kuriose Mädchen-Universum wird noch um einen Mitbewohner erweitert. Lorenzo, Paulinas Freund, hat zwar eine eigene Wohnung, ist aber selten dort. Er ist Mitbegründer des Plattenlabels „Live from Earth“, das zum Beispiel den österreichischen Rapper Yung Hurn – neben WOS – unter Vertrag hat. Der Grundstein für das Label wurde 2013 im Zuge einer Demo gegen rechte Gewalt in Dresden gelegt. „Natürlich habe ich verbotenerweise im Zug geraucht und musste mich daraufhin unter einem Sitz vor dem Schaffner verstecken. Dass sich dann meine zukünftigen Geschäftspartner dorthin setzen würden, war ein krasser Zufall“, erzählt Lorenzo, während Paulina ihm die Haare zerzaust. „Der Neukölln-Atze und der Wolfgang Petry“, sagt Anna. „Nur in cuter.“

Fotografie: Jork Weismann @AKKruse
Styling: Almut Vogel
Casting, Texte: Zsuzsanna Toth
Haare: Christian Fritzenwanker
Make-up: Bérénice Amman
Styling-Assistenz: Katherine Hempel
Foto-Assistenz: David Pichler
Fotografiert am 13. und 14. Januar 2018 in Berlin.

Quelle: F.A.Z.-Magazin

Veröffentlicht: 20.06.2018 08:05 Uhr