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Geruchssinn : Duft der Wildnis

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Im 19. Jahrhundert begannen Chemiker, Gerüche synthetisch nachzubilden. 1921 kam Chanel No. 5 heraus, das erste Parfum, bei dem die synthetischen Riechstoffe dominierten. Heute bestehen viele Parfums nur noch daraus. „Allein aus natürlichen Düften kann man kein wirklich großes Parfum erschaffen“, sagte Parfümeur und Chanel-Berater Alain Muraour einmal zu Séverac. Er widersprach nicht. „Wenn so einer das sagt, dann hältst du die Klappe.“ Aber gedacht hat er: Doch, das gelingt mir.

Die Mutter mag alles von ihrem Sohn

Auf der Exkursion in den Bergen zeigt Tien der Gruppe neben dem Trampelpfad eine nur von Farnen und niedrigen Bäumen bewachsene lichte Stelle. Dort steht der wilde Ingwer. Séverac buddelt die Knolle aus und probiert. Die raue Schärfe auf der Zunge wird auch noch im Öl zu schmecken sein. Der Duft des Öls aber ist rund und erinnert an milde Zitronen.

Die feinste Nase im Dschungel: Der Parfümeur Laurent Séverac

Er ist ein Teil des frischen Hauchs in der Kopfnote von „Ginger Wood“, einer Parfumkreation Séveracs. „Ginger Wood“ ist für Séverac der Duft von Laos, seinem Lieblingsland in Asien, das er zwei bis drei Mal im Jahr besucht, und in dem einige seiner besten Freunde wohnen. „Ginger Wood ist der Geruch, wenn wir abends bei Sonnenuntergang mit unseren Motorrädern aus dem Dschungel kommen und der Rauch der Kochfeuer sich mit den Düften der Pflanzen vermengt.“

Mit anderen Worten: Es riecht frisch und herb, pfeffrig, holzig, leicht ölig. „Ich kann verstehen, wenn das nicht jeder mag“, sagt Séverac. „Nur meine Mutter mag alles, was ich mache.“ Dass aber ausgewanderte Laoten sagen, sie müssten bei dem Geruch an ihre Heimat denken, erfüllt ihn mit Stolz. Weil es bedeutet, dass es ihm gelungen ist, Erinnerungen zu wecken. Oder, wie es der Parfümeur Jean-Claude Ellena in seinen Büchern ausdrückt: mit Düften Geschichten zu erzählen.

Apfelwiese, Kloster und Hundegeruch

Wie eng Erinnerung und Duft zusammenhängen, erkennt man an den großen Düften der Parfumgeschichte. Das „Eau de Cologne“ geht auf den Duft italienischer Alpenwiesen voller Narzissen zurück, auf denen sein Erfinder Johann Maria Farina seine Kindheit verbrachte. Coco Chanel soll zu ihren klaren Düften durch die Gerüche des Klosters inspiriert worden sein, in dem sie aufwuchs.

Séveracs erste Geruchserinnerung ist Youki, der Hund seines Vaters. Ein ziegelsteinroter Mischling vom Gewicht eines Berner Sennenhunds. Wenn der Vater, der bis zur Rente einen Gemüseladen besaß, auf Jagd und Trüffelsuche ging und mit Youki aus den Wäldern der Provence zurückkam, umarmte der vierjährige Laurent den Hund und vergrub seine Nase im nassen Fell. Es roch nach Lavendel, Rosmarin und Thymian.

Der Geruch des Abends ist der Geruch von Sesam. Séverac und seine Leute sind nach der Dschungelwanderung bei Tien zum Essen eingeladen. Junge Männer stampfen im funzeligen Licht der Glühbirnen vor dem Haus Klebreis mit Bambusrohren zu einem Teig. Auf einer niedrigen Veranda mischen Frauen warmen Sesam mit viel Zucker zu einer Paste, die sie mit dem Teig umhüllen und in ein Bananenblatt wickeln - ein Kuchen.

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