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Geruchssinn : Duft der Wildnis

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Er hat seine Handschuhe vergessen, und die nackten Hände sollte man hier nur benutzen, wenn man genau sehen kann, wohin man greift. Séverac hält sich an die Regeln, seit er einmal bloß eine Handbreit neben einen Hundertfüßler gefasst hat, dessen Nervengift wilde Schmerzen und Lähmungen hervorruft. Auch Schlangen sind im Dickicht unterwegs. Manchmal sieht man sie erst von den umwucherten Bäumen heruntergleiten, wenn man direkt vor dem Stamm steht.

Für die Industrie auf der Suche nach Neuem

Vor dem Gift der Pflanzen hat Séverac keine Angst. Solange er nichts hinunterschluckt, besteht keine ernsthafte Gefahr. Er geht kaum zehn Meter, dann hat er schon wieder eine Blüte gepflückt, eine Knolle ausgegraben oder eine Samenkapsel mit dem Messer zerteilt und in den Mund gesteckt.

800 Öle hat er schon nach Grasse geschickt: 4 wurden genommen.

Er zerbeißt das Stück, bewegt es mit der Zunge hin und her, öffnet den Mund und atmet ein. Im Mundraum entwickelt sich ein Geruch, der durch die Nebenhöhle zur Nase aufsteigt. So kann er erahnen, wie ein Öl davon riechen würde. Aber letzte Gewissheit bringt erst das Öl selbst.

Über die Jahre hat er viele Blätter, Wurzeln, Blüten zu Öl destilliert und an Luxushotels und Parfümeure verkauft. Bis 2009 hatte er zusätzlich einen festen Vertrag mit dem Laboratoire Monique Rémy, einer Tochter des amerikanischen Duft- und Aromaherstellers IFF, die in Grasse natürliche Duftstoffe verarbeitet. Für sie hat er nach neuen Düften gesucht.

Wer Ralph Lauren kauft, bekommt Séverac

Bei rund 800 Proben, die Séverac nach Grasse geschickt hat, hat es vier Mal geklappt. Was bei 300 bis 400 bekannten natürlichen Duftstoffen eine ganze Menge ist. Es müssen aber nicht immer neue Pflanzen sein. Manchmal ist es nur eine kleine Variation, die den Geruch so besonders macht. Wer heute eine Flasche „Polo Blue“ von Ralph Lauren öffnet, kann in der Herznote frischen, kräftigen Basilikum riechen - Séveracs Basilikum aus Vietnam.

In den Bergen von Ha Giang sucht er vor allem nach wildem Ingwer. Tien, der in einem Ort in der Nähe wohnt und seit Jahren als verlässlicher Führer dient, weiß, wo der Ingwer wächst. Die Gruppe folgt ihm von schmalen Pfaden auf schmalste Pfade, spaziert über Lichtungen, taucht wieder ins Dickicht ein.

Séverac wühlt, gräbt und probiert, reicht alles herum und erklärt. Die Praktikanten aus Frankreich versuchen die beschriebenen Gerüche zu erschnuppern, was nicht immer gelingt. „Richtig verstehe ich die Düfte erst, seit ich selbst Parfums herstelle“, sagt Séverac. Er nimmt sie jetzt bewusster wahr, fügt sie im Kopf zusammen. Erst vor sechs Jahren hat er damit angefangen. „Ich bin jetzt an jedem Schritt beteiligt - wie ein Weinbauer.“ Vom Anpflanzen und Aussuchen der Ware bis dahin, dass er das Etikett seiner Firma Aromasia aufklebt.

„Wenn so einer das sagt, dann hältst du die Klappe.“

Seit 2008 baut er auf einer 15 Hektar großen Plantage vier Autostunden südlich von Hanoi viele seiner Rohstoffe wie Kaffee, Patschuli, Grapefruit oder Basilikum selbst an. Ohne Chemie und bald nach biodynamischen Kriterien, sagt Séverac. Was er für seine Parfums braucht, aber nicht selbst anpflanzen kann, kauft er von Bauern, die er bei den Touren kennengelernt hat. Düfte, die nicht aus der Natur stammen, kommen nicht in seine Parfums.

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