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Geruchssinn : Duft der Wildnis

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In ihrer und ihres Mannes Destillerie gewann er sein Öl. Oft lief die Anlage rund um die Uhr. In kalten Nächten dösten Séverac und Madame Binh neben dem brodelnden Kessel. Von ihr lernte er, fließend Vietnamesisch zu sprechen. „Ich habe mit dieser Frau mehr Zeit verbracht als mit jedem Mädchen“, sagt er. „Mehr Zeit als mit meiner Mutter.“

Der Herrscher des Dschungels

 Während der Fahrt mit den Praktikanten kriegen sich die beiden gelegentlich in die Haare wie ein altes Ehepaar. Madame Binh will nicht zugeben, dass sie den Weg vergessen hat und sich der Fahrer deswegen andauernd verfährt. Das regt ihn auf. Es imponiert ihm aber, wenn sie nicht zugibt, dass sie etwas nicht kann, und sich dann so lange reinkniet, bis sie es kann. „Madame Binh, glauben Sie, Sie können Parfum machen?“, fragte er sie, als er wusste, dass er nicht mehr nur Öle herstellen wollte. „Natürlich“, antwortete sie. Und fing damit an.

Kunst und Handwerk: Früher hat Séverac die Industrie mit seinen Ölen versorgt. Heute macht er alles selbst - bis zum Füllen der Flakons.

 Im Bus sitzt Madame Binh hinten bei der Assistentin Dung, davor sitzen die Studenten, auf der Bank hinter dem Fahrer Séverac. Den Arm auf der Lehne des leeren Platzes neben ihm, schaut er auf Reisfelder, Bambushaine und grün überwucherte Felsen. Mit dem langen Haar und der scharf geschnittenen Nase wirkt er fast aristokratisch, wie der absolutistische Herrscher des Dschungels.

Am ersten Tag, als der Kleinbus Séveracs Wahlheimat Hanoi verlässt, als die Autos immer weniger werden und die Schlaglöcher immer mehr, lässt er sich seinen Kulturbeutel nach vorne reichen. Darin bewahrt er eine Auswahl seiner ätherischen Öle auf, ohne die er nie verreist. Er reibt sich etwas Pfefferminzöl unter die Nase und an den Hals. Mit geschlossenen Augen atmet er tief durch: „Das ist gut gegen die Reisekrankheit.“ Wobei seine Reisekrankheit eher daher rührt, dass er in der Nacht davor mit einigen französischen Militärs Rotwein getrunken hat.

 „Ich mag den Geist der Legion“

Séverac hat eine Schwäche für Wein, aber er bereut den Wein von gestern, denn er war „ohne Geist“. Nicht voll und reich wie der, den sein Großvater gemacht hat, für den er als Kind mit nackten Füßen die Trauben zertrat. In Séveracs Küche gibt es einen zweiten Kühlschrank, der Rotwein vor der Tropenschwüle schützt und die Flaschen auf 17 Grad hält. Es sind biodynamische Weine oder Naturweine. Nur in ihnen erkennt er, was er einst im Wein des Großvaters geschmeckt hat.

Laurent Séverac hat auch eine Schwäche für das Militär. Für die Fremdenlegion, für das Starke, das Konsequente. Er hat einige Freunde, die als französische Unteroffiziere dort gedient haben. Ihm gefällt, dass er sich auf sie verlassen kann. Manchmal trifft er sich mit ihnen, dann singen sie zusammen. „Ich mag den Geist der Legion“, sagt er. Im Dschungel trägt er oft ein graues T-Shirt der „Légion étrangère“. An Armen und Brust kann man dann gut sehen, dass er sich jahrelang durch Boxen fit gehalten hat.

Séverac – der vorsichtige Wildnispirat

Für jeden Tag im Dschungel hat Séverac ein eigenes Outfit. Als die Gruppe in den Bergen im Osten der Provinz Ha Giang zu Fuß ins Dickicht aufbricht, trägt er ein Khaki-Hemd mit Schulterklappen und eine breite Schärpe, wie sie auch dem Piraten Jack Sparrow gut stehen würde. Madame Binh verteilt riesige Regenschirme. Wenn es hier regnet, dann rauscht es wie unter einem Wasserfall. Den Schirm braucht Séverac aber auch, um Farne und Blätter beiseite zu drücken und Hölzer umzudrehen.

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