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Der Moment ... : ... in dem WhatsApp-Nachrichten zur Last werden

  • -Aktualisiert am

Beiläufige Nachrichten von Freunden sind lieb gemeint – sie zu beantworten fällt unserer Autorin aber oft schwer. (Symbolbild) Bild: dpa

Unsere Autorin fand es immer wichtig, schnell auf WhatsApp-Nachrichten zu antworten. Doch im Lockdown wurde ihr alles zu viel – in der Kolumne „Der Moment“ erzählt sie von schlechtem Gewissen und einer Entscheidung.

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          Als ich 18 Jahre alt war, habe ich meine beste Freundin in einer Sache überhaupt nicht verstanden. Wir besaßen inzwischen alle ein Smartphone, und eine Internet-Flatrate kostete längst kein Vermögen mehr. Sie war trotzdem nicht zu erreichen. Selbst auf simple WhatsApp-Nachrichten („Was geht so?“) antwortete sie tagelang nicht. Trafen wir uns dann mal richtig, sagte sie: „Oh, an dem Tag habe ich nicht mehr auf mein Handy geguckt“ – und ich war baff. Ich habe es immer als höflich empfunden, direkt zu antworten. Wieso waren ihr diese Push-Nachrichten völlig egal? Wie konnte sie diese rote Eins, die über dem WhatsApp-Symbol prangte, ignorieren? Ich weiß es bis heute nicht, sie ist immer noch so. Inzwischen bewundere ich sie dafür.

          Kim Maurus
          Volontärin.

          Spätestens seit sich mein Alltag wegen der Pandemie fast nur noch vor dem Bildschirm abspielt, finde ich es wahnsinnig anstrengend, neben der Arbeit auch noch auf jede private Nachricht zu antworten. Natürlich freue ich mich, wenn sich eine Freundin bei mir erkundigt, wie es mir denn geht, was der Job so macht und wie der Umzug gelaufen ist. Aber an sehr vielen Tagen in diesem endlosen Lockdown kann ich diese Fragen so spontan überhaupt nicht beantworten.

          Wenn ich müsste, würde ich in diesen Momenten – meist abends – zurückschreiben: Ich weiß nicht, wie es mir geht, ich muss erst mal den Tag (oder die Woche) kurz sacken lassen. Im Job passiert viel, das sollte ich dringend selbst mal sortieren. Und zum Umzug gibt es zwar ein paar Anekdoten, ja, das Sofa hat am Ende doch durchs Treppenhaus gepasst, und ich würde dir das wirklich alles gerne schreiben – nur nicht jetzt um 22 Uhr, wenn die Wäsche endlich aufgehängt ist und ich zum ersten Mal kurz auf dem Sofa sitze.

          Abends auf dem Sofa einfach mal Ruhe

          Richtig erschöpfend sind in so einem Moment mehrminütige Sprachnachrichten, bei denen ich mir theoretisch Notizen machen müsste, um danach auf alle Fragen und erzählte Geschichten wirklich eingehen zu können. Diese Mitteilungen, so formlos und lieb sie sind, fühlen sich an wie unangenehme E-Mails, die ich abarbeiten muss. Das ist auch dann so, wenn sie von einem guten Kumpel stammen, von dem ich ewig nichts mehr gehört habe und dem ich sowieso die ganze Zeit mal schreiben wollte. Aber abends auf meinem Sofa will ich einfach mal auf nichts reagieren.

          Zu Beginn habe ich deswegen häufig erst mal nicht geantwortet, und es schließlich ganz vergessen. Dann waren schnell zwei, drei Wochen vorbei, und mir ist auf einmal unter der Dusche eingefallen, dass ich mich ja immer noch nicht gemeldet habe. Kaum war ich aus dem Bad raus, habe ich beschämt „Sorry, für die späte Antwort :-(“ geschrieben, hastig einen kleinen Roman runtergetippt (damit mein Gegenüber keine Sprachnachricht anhören muss) und mich schlecht gefühlt. Oder ich habe mir gedanklich die Notiz „L. endlich antworten!“ gemacht, dieses Vorhaben weitere Wochen mit mir herumgetragen, den Chat immer wieder auf „ungelesen“ gesetzt und mich in dieser ganzen Zeit noch schlechter gefühlt.

          Inzwischen kein schlechtes Gewissen mehr

          Inzwischen habe ich deswegen kein schlechtes Gewissen mehr. In der Pandemie habe ich gemerkt, wie lange ich selbst auf Antworten meiner gut gemeinten Nachrichten warte, und zwar nicht nur von besagter bester Freundin. Ich glaube, ich bin nicht die einzige, die einiges um die Ohren hat und deshalb nicht auf allgemeine „Wie geht’s dir?“-Fragen reagiert. Wir sitzen alle im gleichen Boot. Ich möchte ja gerade mit guten Freunden ehrlich sein und nicht nur schnell mit „Alles gut, bei dir?“ antworten. Umgekehrt würde ich deswegen auch lieber länger auf eine ausführliche Antwort von einer Freundin warten.

          Ich glaube, das ganze Drumherum lohnt sich nicht: Weder ein schlechtes Gewissen zu haben, weil ich selbst nicht antworte, noch enttäuscht zu sein, weil sich jemand anderes nicht schnell meldet. Ich habe volles Verständnis dafür, dass jemand gerade keinen freien Kopf hat, um auf irgendwas zu antworten. Weil er in der Pandemie seine Arbeit verloren hat, frustriert ist vom Homeoffice oder der allgemeinen Weltlage, oder auch weil er gerade frisch verliebt ist, einen neuen Job anfängt oder ein Sofa durchs Treppenhaus bugsieren muss. Und auch ganz ohne Grund, manchmal ist es halt einfach so.

          Es heißt immer, gute Freunde seien da, wenn man sie braucht. Genauso wichtig ist es, zu respektieren, wenn sie manchmal nicht da sein können. Mit meiner besten Freundin halte ich es auch heute noch so. Völlig ignorieren muss man die WhatsApp-Nachrichten dafür nicht. Ich habe mir angewöhnt, direkt zu schreiben: „Melde mich später“. Mit einem Herz-Emoji, weil ich mich wirklich freue – nur gerade wirklich nicht antworten kann. Oder will.

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