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Der Moment ... : ... in dem die Nachbarn zu laut sind

  • -Aktualisiert am

Es ist auch wichtig, dass Eltern einigermaßen ausgeruht sind und Ressourcen haben, um das Kind gut zu versorgen. (Symbolbild) Bild: Picture-Alliance

Unsere Autorin wollte nie zu denen gehören, die sich pausenlos über ihre Nachbarn aufregen. Aber im Homeoffice kann sie den Momenten, in denen es im Wohnhaus laut ist, nur schwer entgehen – was also tun?

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          Von oben sind wieder dumpfe Schritte zu hören. Nebenan toben zwei Kinder durch die Wohnung und es hört sich so an, als ob sie sich aus vollem Lauf gegen die Wand werfen würden. Es ist kurz vor acht Uhr, und ich möchte in aller Ruhe meinen Minztee trinken bevor meine Frühschicht im Homeoffice anfängt. Aber in Ruhe den Tag beginnen – das kann ich vergessen.

          Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal eine von denen werde, die sich über die Nachbarn aufregt. Machen das nicht nur Menschen, die nichts Besseres zu tun haben als Buch darüber zu führen, wer wann aus dem Haus geht oder den Müll nicht richtig trennt?

          Doch in den vergangenen Monaten ist Zuhause mehr denn je zu unserem Rückzugsort geworden: Im Lockdown wurde dort gelernt, studiert, gearbeitet, gegessen, Sport gemacht und virtuell Freunde getroffen, und auch jetzt findet noch nicht alles wieder in Präsenz statt. Wenn die Zeit in den eigenen vier Wänden einen aber zur Weißglut treibt, weil mal wieder jemand auf die Idee kommt, Regale aufzubauen oder einen Karaoke-Wettbewerb (so klingt es jedenfalls) zu veranstalten, wird es schwierig. Aber der Spießer, der an der Tür klingelt und um Ruhe bittet, will man auch nicht sein. Und Umziehen ist auch kein Spaß – zumal einem niemand garantieren kann, dass die neuen Nachbarn ruhiger sind. Den ganzen Tag mit Oropax zu verbringen ist auch keine Lösung. Was also tun?

          Ich nehme meinen Mut zusammen

          Ich, eher der introvertierte Typ, fresse den Ärger erst einmal in mich rein. Schokolade soll ja Glückshormone freisetzen. Nach einer ganzen Tafel ist es in der Wohnung über mir immer noch laut – und mir etwas schlecht. Bei der Suche nach Ablenkung lande ich auf YouTube und entdecke Videos von Menschen, die mein Schicksal teilen. Manche berichten von missglückten Konfrontationsversuchen oder geben Tipps, wie man sich zu verhalten hat. Ein Amerikaner hat sich doch tatsächlich eine Fernbedienung gekauft, mit der er sämtliche Geräte seiner Nachbarn kontrollieren kann. So weit möchte ich nun wirklich nicht gehen.

          Eine beliebte Methode auf der Plattform – die ich intuitiv schon ausprobiert und über Bord geworfen hatte – ist es, Rache zu nehmen, indem man noch lauter wird als die Nachbarn selbst. Bei mir hat es nicht funktioniert; im Gegenteil, ich war nur von mir selbst genervt. In anderen Videos wird das Thema künstlerisch aufgearbeitet, indem Nutzer ihre Erfahrungen in Comedy umwandeln. Letzteres erscheint mir dann doch etwas übertrieben, also nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und gehe eine Etage höher.

          Oben wohnt natürlich eine Frau, die sympathischer nicht hätte sein können. Als sie die Tür aufmacht, hole ich kurz Luft und bitte sie, etwas leise zu sein. Einen Augenblick lang schaut sie mich etwas überrascht an. Doch dann sprühen die Worte nur so raus aus ihr: Tagsüber arbeite sie und finde abends nur recht spät Zeit, um ihre neuen Möbel aufzubauen. Es tue ihr sehr leid und sie werde sich beeilen. Nun stehe ich also da und fühle mich wie der letzte Depp. Natürlich verstehe ich das, sage ich, und biete deshalb auch meine Hilfe an. Sie lehnt dankend ab und ich gehe etwas beschämt zurück in meine Wohnung.

          Zur Entschuldigung ein Rosé

          Fast einen Monat nach dem ersten Mal Klopfen sehe ich mich aber nochmal gezwungen, sie anzusprechen. Doch statt sie anzusprechen entschließe ich mich spontan dazu, einen Zettel samt Kekse vor ihre Haustür zu legen. Am nächsten Tag erwartete mich vor meiner Tür ein kleines Fläschchen Rosé. Ich muss also doch nicht zu denen gehören, die wutentbrannt bei den Nachbarn sturmklingeln und zum spießigen Nachbarsschreck mutieren – aber ich muss auch nicht alles einfach hinnehmen.

          Herrscht seitdem durchgängig idyllische Stille im Wohnhaus? Nein, aber damit kann ich leben. Und falls es doch zu wieder zu laut wird, muss ich einfach Kekse backen.

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