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Der Moment ... : ... in dem man einfach mal nichts tut

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Der Lockdown mag vielleicht das öffentliche Leben herunterfahren, aber die Köpfe vor den Bildschirmen laufen heiß. Bild: dpa

Kein soziales Abendprogramm, dafür längere To-Do-Listen: Seit Beginn der Corona-Pandemie verbringt unsere Autorin auch ihre Abende arbeitend am Schreibtisch – bis zu dem Moment, in dem sie entscheidet: Zeit, mal nichts zu tun.

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          Schon wieder eine anstrengende Woche, noch dazu in dieser zäh-hektischen Vorweihnachtszeit. Tagsüber hatte ich stundenlang an Statistik-Tabellen rumgebastelt und die letzten Seiten meiner Abschlussarbeit geschrieben, abends in Spätdiensten meinen Lebensunterhalt verdient. Am Freitagnachmittag saß ich in der Bibliothek. Draußen war es schon dunkel und kalt, drinnen war alles in ungemütliches Licht getaucht. Ich war erschöpft. Ich wollte nach Hause, auf die Couch, und mich keine Sekunde länger konzentrieren. Aber ich dachte auch an alles, was ich noch tun könnte. Konnte ich jetzt wirklich einfach nach Hause gehen?

          Oft ignoriere ich, dass ich müde bin. Ich denke mir, ich bin ja nicht die Einzige, der es so geht. Es ist doch irgendwie normal, dass man unter der Woche nicht ausgeschlafen aufsteht. Also mache ich in der Regel einfach weiter. Wenn ich längere Zeit wenig schlafe, melden sich irgendwann die Kopfschmerzen. Trotzdem fällt es mir schwer, Pausen einzulegen. Und wenn ich abends schon mal um 17 Uhr den Computer ausmache, habe ich ein schlechtes Gewissen. 

          Das Corona-Jahr zerrt an mir, dabei hatte ich in vielerlei Hinsicht Glück: Ich habe meinen Job behalten, konnte im Home-Office arbeiten und musste nicht nebenbei Kinder betreuen. Wie viele andere junge Menschen saß ich „nur“ am Schreibtisch und war dennoch oft erschöpft. Dank #wirbleibenzuhause hat man abends keine Pläne mehr – und keinen Grund, mit der Arbeit aufzuhören. Diese neu gewonnene Zeit macht uns zu Produktivitäts-Maschinen. Der Lockdown hat vielleicht das öffentliche Leben runtergefahren, aber die Köpfe vor den Bildschirmen laufen heiß.

          „Deadline“

          Ich kenne zwei Bekannte, die ihre Abschlussarbeit schreiben während ihres neuen Vollzeitjobs. Eine Freundin von mir hat in den vergangenen Wochen gefühlt rund um die Uhr gearbeitet. Eine andere hat in der Vorweihnachtszeit ein Festival auf die Beine gestellt, obwohl die Hausarbeit gleichzeitig fertig werden musste. Neulich schickte mir ein Bekannter abends gegen 23 Uhr ein Bild mit wild aussehenden Diagrammen. Ich schrieb ihm: „Hör‘ auf zu arbeiten!!“ Er antwortete nur: „Deadline.“

          Für viele in meinem Umfeld fallen Corona und der Berufseinstieg ungünstig zusammen. Da gibt es viel Unsicherheit, über die will man hinwegglänzen. Insgeheim fühlt sich das so an, als ruderten wir permanent, um es durch das Wildwasser irgendwie in ein halbwegs trockenes Ziel zu schaffen. Nebenher machen Plattformen wie Linkedin uns weis, wir müssten rund um die Uhr etwas tun, um – ja, um was eigentlich? Um andere zu beeindrucken? Um unserem Gedanken-Wirrwarr in dieser Krise bloß nicht genug Raum zu geben?

          Die viel kritisierten #besonderehelden-Videos der Bundesregierung fand ich bemerkenswert. Nicht, weil sie so besonders lustig waren. Sondern weil mir beim Anschauen auffiel: In der Öffentlichkeit wirbt eigentlich so gut wie nie jemand dafür, einfach mal nichts zu tun. Vor Corona schon gar nicht. Klar, gut und effektiv zu arbeiten, das ist sinnvoll. Aber Dauer-Stress ohne Pause, was bringt uns das am Ende?

          Menschen gehen unterschiedlich mit Stress und Belastungen um. Aber Ruhe brauchen alle zwischendurch  – das sollte kein Grund sein, sich schlecht zu fühlen. An besagtem Freitag beschloss ich, einfach nach Hause zu gehen. Dort habe ich mir einen Tee gemacht, ein bisschen gelesen und ins Leere gestarrt. Es war der beste Abend seit langem.

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