https://www.faz.net/aktuell/stil/leib-seele/der-moment/strategien-zum-sparen-auf-dem-pruefstand-spare-ich-wirklich-geld-16313178.html

Der Moment … : ... in dem man unbedingt ein paar Cent sparen will

  • -Aktualisiert am

Auf den größeren Kaffee verzichten oder das Extra-Topping weglassen, um zu sparen – bringt das auf lange Sicht überhaupt etwas? Bild: Kim Maurus

Warum macht man für einen Urlaub mehrere hundert Euro locker, aber wählt beim Cappuccino die kleinste Größe, um 30 Cent zu sparen? Unsere Autorin stellt in der Kolumne „Der Moment“ ihre Sparstrategien auf den Prüfstand.

          2 Min.

          Ich sitze im Schatten auf der Terrasse eines Restaurants auf der griechischen Insel Naxos und blicke auf die Speisekarte. Eine umfassende Auswahl an Feta und lokalen Käse-Sorten springt mir entgegen; frittiert, gebraten mit Knoblauch und Tomaten, im Pfännchen mit Peperoni serviert, oder kalt mit Olivenöl – klingt alles gut. Preislich liegen alle zwischen vier und sechs Euro, das ist nun wirklich nicht teuer. Einen Käse will ich auf jeden Fall essen, nur welchen? Die Bedienung kommt, und ich nehme den Olivenöl-Feta. Nicht, weil ich besonders Lust darauf hatte, sondern weil er mit genau vier Euro das günstigste Käse-Gericht auf der Karte ist.

          Kim Maurus
          Volontärin.

          Nachdem der Kellner weg ist, frage ich mich: Wieso eigentlich? Den Käse mit Peperoni hätte ich eigentlich viel lieber gegessen – er hätte aber 90 Cent mehr gekostet. Es ist nicht so, dass ich als Noch-Studentin ein prall gefülltes Konto habe. Im Vergleich zu vielen anderen Menschen in Deutschland – und überall auf der Welt – geht es mir aber sehr gut. So gut, dass ich es mir leisten kann, in den Urlaub zu fahren, und zwar nicht einfach in den Schwarzwald. Das einwöchige Strandvergnügen in Griechenland hat mich mehrere hundert Euro gekostet. Ich bin dankbar dafür, dass ich das überhaupt bezahlen kann. Warum dann wegen ein, zwei Euro knausern?

          Auch im Alltag nimmt meine Sparsamkeit absurde Züge an. Der Latte Macchiato kostet 2,90 Euro, der Cappuccino nur 2,60 Euro? Dann nehme ich so entschieden den Cappuccino, als würde alles andere ein folgenschweres Loch in mein Monatsbudget reißen. Eine Kugel Karamell mit gesalzenen Macadamia-Nüssen kostet 1,50 Euro statt wie alle anderen 1,30 Euro? Dann überlege ich zweimal, ob sich das wirklich lohnt – und wähle so gut wie immer die Eissorten zum Standardpreis.

          Spare ich wirklich Geld?

          Diese Pfennigfuchserei kann bei mir schnell in Frustration umschlagen, dann, wenn die günstigere Version nicht mehr verfügbar ist. Das Museumsticket für unter 25 Jahre alte Menschen kostet 20 Prozent weniger, und ich merke es erst nach dem Kauf der normalen Eintrittskarte. Der Fünf-Prozent-Rabattcode auf das Shampoo der Hausmarke ist gestern abgelaufen. Die Schuhe, die jetzt endlich ein paar Euro günstiger sind als zu Beginn der Saison, gibt es nicht mehr in meiner Größe.

          Psychologen sprechen bei diesem Dilemma vom sogenannten „Ankereffekt“. Kostet eine Jacke 200 Euro, kommen dem Käufer 20 Euro für ein zusätzliches T-Shirt, das ihm vom Verkäufer angedreht wird, nicht mehr viel vor. Kostet die Jacke von vornherein nur 30 Euro, wird derjenige nicht unbedingt gewillt sein, die 20 Euro noch draufzulegen. Der „Anker“ ist hier der Jackenpreis und daran klammert sich unsere Wahrnehmung fest. 30 Cent mehr für den Latte Macchiato scheinen viel – wenn der Anker-Cappuccino 2,60 Euro kostet.

          Wenn ich darüber nachdenke und die drei Cappuccino und zwei Eiskugeln der vergangenen Woche zusammenrechne, dann habe ich 1,30 Euro gespart. Hat sich das gelohnt? Ich dachte lange, ich spare so wirklich Geld und nicht nur das bisschen Lebensglück, das mir das Extra-Topping auf dem Eis, der Kaffee mit mehr Milchschaum oder die Peperoni auf dem Käse beschert. Natürlich kann es sinnvoll sein, auf manche Dinge zu verzichten. Aber größere finanzielle Entscheidungen – etwa, ob und wohin ich in den Urlaub fahre – machen über den längeren Zeitraum betrachtet den wirklichen Unterschied. Was also will ich in Zukunft tun? Im Zweifelsfall: Durchatmen, das „teure“ Karamelleis und den Peperoni-Käse nehmen – und dafür lieber in den Schwarzwald fahren.

          Kolumnen auf FAZ.NET

          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort immer mittwochs die Kolumne „Der Moment“, die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ und die „Fünf Dinge“-Kolumne. In „Der Moment“ berichten wechselnde Autoren mal von besonderen Momenten, die jeder kennt – und mal von Situationen, die nur manche erleben, in die sich aber jeder hineinversetzen sollte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der russische Präsident Putin am Freitag im Kreml bei der Zeremonie zur Annexion von vier besetzten Gebieten in der Ukraine

          Annexionen in der Ukraine : Putins Kolonialismus

          In seiner Annexionsrede wirft Putin dem Westen Kolonialismus vor. Den praktiziert er in der Ukraine aber selbst. Und die Werte der Freiheit verteidigt nicht er.
          Ein scharfer Schuss? Nein, nur Onomatopoesie.

          Fraktur : Inflation jetzt auch beim Wumms

          Das doppelte Kanzlerwort hat uns ganz schön zusammenzucken lassen: Haben vielleicht wir die Pipelines in der Ostsee gesprengt?
          Ein ukrainischer Soldat schaut nahe der Stadt Lyman aus einem Panzer.

          Vorrücken der Ukrainer : Eingekreistes Lyman wird zur „Todesfalle“

          Die Stadt Lyman im Gebiet Donezk ist nur noch durch einen schmalen Korridor mit dem übrigen russisch besetzen Gebiet verbunden. Der ukrainische Präsident Selenskyj begründet den Beitrittswunsch zur NATO.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.