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Der Moment … : ... in dem ich beschloss, nie mehr online Kleider zu bestellen

Gemütlich zuhause statt in stinkenden Umkleidekabinen – das ist zumindest das Versprechen von Online-Shopping. Bild: Picture-Alliance

Kein Stress mehr vor Ladenschluss, keine Demütigung mehr in der Umkleidekabine: Online-Shopping schien für unsere Autorin himmlisch zu sein. In der Kolumne beschreibt sie den Moment, in dem mit den Paketen dann aber die Hölle bei ihr einzog.

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          Am Anfang war es die Erlösung: Ich war ihnen nicht mehr ausgeliefert, diesen nach Staub, Textilfarbe und den Parfums fremder Frauen stinkenden Umkleidekabinen. Ich musste mich nicht mehr gegen das tieftraurige Gefühl wehren, das diese menschenverachtende Erfindung aus Vorhang, Pressholzwänden und Kleiderhaken regelmäßig hervorrief, wenn ich in den bodentiefen Spiegel schaute und mein Hirn in wenigen Sekunden sein vernichtendes Urteil fällte: Auch in den vergangenen drei Monaten hast du zu wenige Situps gemacht und zu oft Pizza gegessen. Dein Teint gleicht einer schmutzigen Hauswand, der Lack an deinen Fußnägeln erinnert an Farbreste auf einer antiken Vase und deine Beine hast du offensichtlich ohne Sehhilfe rasiert.

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Auch für mein Gewissen war es eine Erleichterung, Klamotten online zu bestellen. Ökomode muss man im Internet – im Gegensatz zur durchschnittlichen Fußgängerzone – nicht suchen wie das einzig verbliebene Dreierset Baumwollslips in Größe M an einem Restposten-Wühltisch. Es reichen die richtigen Begriffe in der Suchmaschinen-Zeile. Dass der Versand per Paketdienst Onlineshopping nicht unbedingt zur umweltfreundlichsten aller Optionen macht – geschenkt. „Was können ein paar Päckchen schon anrichten im Vergleich zu dem Gewinn, den nachhaltig produzierter Klamotten-Nachschub für die Menschheit, meine Garderobe und die Natur bedeuten würde?“, redete ich mir ein und startete die größte Bestellorgie meines Lebens. Einziges klar definiertes Ziel: ein neuer Wintermantel.

          Stundenlang klickte ich mich durch verschiedene Onlineshops, verglich Modelle, Preise, Farben. Und orderte am Ende ungefähr dreizehn verschiedene Mäntel und jede Menge anderen Beifang: letzte Teile aus dem Sale, Schuhe, einen kuscheligen Wollpulli mit Schalkragen, weiße Blusen (kann man für die Arbeit bestimmt gut gebrauchen). Alles jeweils in zwei Größen, man weiß ja nie.

          Zunächst überwog noch die Euphorie. Ich würde bald mit einem Parka aus recyceltem Polyester oder Bio-Schurwolle der Kälte trotzen. Und – angenehmer Nebeneffekt – ich wäre auch gut gerüstet für den nächsten Sommer: mit neuen Sandalen, Shorts und einem Hemdblusenkleid.

          Eine Tragödie in mehreren Sendungen

          Als das erste Paket ankam, war ich überrascht. Hatten die meisten Sachen nicht eine Lieferzeit von ein paar Wochen? Der Blick auf den Lieferschein offenbarte die ganze Tragik meines Bestellwahnsinns: Meine gefühlt mindestens 34 Teile umfassende Bestellung würde in mehreren Einzelsendungen bei mir eintreffen. Und das betraf nur einen Shop. Geordert hatte ich bei vier verschiedenen.

          Lauert im Briefkasten: die Benachrichtigungskarte

          Ich begann zu ahnen, wer in den kommenden Wochen über die Abendgestaltung entscheiden würde: das Diktat der Benachrichtigungskarten. Ich würde wahrscheinlich nie zur richtigen Zeit zuhause sein, um eines meiner Mantel-Pakete in Empfang zu nehmen. Mit viel Glück würde ein Nachbar sich den Früchten meiner Shoppingwut annehmen. Aber verlassen konnte ich mich darauf nicht. Ich sah mich schon jeden zweiten Abend zum Paketshop im nächsten Nahversorgungszentrum hetzen, um vor Ladenschluss neue Päckchen abzuholen und Rücksendungen abzugeben.

          Auch auf den Horror, der folgt, wenn ein Paket mit Klamotten erst einmal im Wohnzimmer steht, war ich nicht vorbereitet. Sind alle Klebebandstreifen durchtrennt, beginnt ein Kampf mit Plastikbeuteln, Kleiderbügeln und Seidenpapier, in dem man nur zum Verlierer werden kann, wenn man die einzelnen Teile nach dem Anprobieren nicht schnell wieder ihren jeweiligen Verpackungspartnern zuführt.

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