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Der Moment … : ... in dem ich beschloss, nie mehr online Kleider zu bestellen

Auf dem Foto sah das anders aus

Als weitaus härterer Gegner erwies sich aber mein faules Feierabend-Ich. So sehr ich es in meinem Leben vor dem Onlineshopping gehasst hatte, von Laden zu Laden und von Umkleidekabine zu Umkleidekabine zu hetzen – in jenen Stunden war zumindest klar, was zu tun war. Genau dafür hatte ich mich ja schließlich in die Innenstadt oder ein Einkaufszentrum aufgemacht.

Jetzt, nach meiner Großbestellung, regte sich schon beim Aufschließen der Wohnungstür ein unglaublicher Widerwille, meine hart erkämpfte freie Zeit den auf mich wartenden Paketen zu widmen. Ich wollte aufs Sofa sinken, noch zwei Portionen Nudeln mit Soße essen und mich vom Fernseher berieseln lassen. Das einzige Kleidungsstück, das ich freiwillig gegen meine Jeans getauscht hätte, war meine Jogginghose. Doch das System Umkleidekabine, das ich unbedingt hatte vermeiden wollen, hatte sich in Gestalt eines rechteckigen Pappkartons unbemerkt in meine Wohnung geschlichen. Und ich konnte nicht mal eben den Vorhang beiseiteschieben und aus dem Laden stürmen.

Zumindest gefühlt gleicht das Wohnzimmer schnell einer Zustellbasis.

Ich spielte also auf Zeit. Ignorierte die Pakete. Raffte mich dann kurz vor dem Schlafengehen auf, doch noch ein, zwei Sachen anzuprobieren. War genervt. Verschob die Entscheidung über den Rest des Inhalts auf den folgenden Tag. Bekam Angst vor der Rücksendefrist. Probierte doch noch die anderen Teile an. Verzog mich frustriert ins Bett. Manchmal, weil das Material meiner Mäntel sich nicht schön anfasste oder die Verarbeitung billig wirkte. Manchmal, weil die Modelle ganz anders aussahen als auf den Fotos. Weil mir weder die eine noch die andere Größe passte. Weil ich die verschiedenen Modelle nicht vergleichen konnte – Stichwort Teillieferungen.

Bei vielen Kleidungsstücken hätte ich im Laden keine zehn Sekunden gebraucht, um zu wissen, dass ich sie nicht kaufen will. Doch jetzt wollte ich dem Kram, den ich in stundenlanger Klickarbeit ausgesucht und mit einer gewissen Vorfreude bestellt hatte, zumindest eine Chance geben.

Mit dem letzten Retourenschein fiel eine Last ab

Als nach ein paar Wochen die erste Mahnung kam, wurde mir klar, dass ich längst die Kontrolle verloren hatte. Hätte ich den grauen Kurzmantel in L mit dem zweiten Lieferschein zurückschicken müssen oder mit dem dritten? Musste ich die Versandkosten am Ende doch zahlen, weil die Kleidungsstücke, die ich behalten wollte, insgesamt weniger als 50 Euro wert waren?

Spaß machte das alles schon lange nicht mehr. Am Ende behielt ich nur ein weißes, viel zu transparentes T-Shirt und einen blauen Mantel, von dem ich schon ahnte, dass er an kalten Wintertagen keine gute Wahl sein würde. Aus Trotz. Zu irgendetwas musste es doch gut gewesen sein, dass ich inzwischen so routiniert Blusen zusammenlegen konnte wie eine Einzelhandelskauffrau im dritten Lehrjahr, dass ich die Besonderheiten aller gängigen Pappkarton-Modelle kannte und selbst von jenen Nachbarn den Vornamen wusste, denen ich in den sechs Jahren zuvor nicht einmal in der Waschküche begegnet war.

Als der letzte Retourenschein ausgefüllt war, fiel eine Last von mir ab. Ich war wieder frei, konnte ohne Panikattacken den Briefkasten öffnen, hatte meinen Feierabend zurückerobert. Und während ich im Kleiderschrank nach einem Platz für meinen neuen, dysfunktionalen Wintermantel suchte, schwor ich mir: Nie. Wieder. Online-Shopping.

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