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Der Moment ... : ... in dem ich merkte, dass ich immer noch Dorfkind bin

Prägend: Eine Kindheit auf dem Land – mit viel Platz und Ruhe, umgeben von Weinbergen. Bild: dpa

Seit fast einem Jahrzehnt wohnt unser Autor schon in Großstädten. In der Kolumne „Der Moment“ beschreibt er, woran ihm auffällt, dass er den Landmenschen immer noch in sich hat.

          Mannheim, mitten in der Stadt vor ein paar Jahren. Gerade bin ich etwas gedankenverloren aus der Haustür getreten. Allein die vier Stockwerke, die ich von meiner Wohnung aus heruntergelaufen bin, sind eigentlich Hinweis genug, dass ich bestimmt nicht im Dorf bin. Trotzdem: Ich gehe ein paar Meter auf dem Bürgersteig und sage dem ersten Menschen, der mir über den Weg läuft freundlich „Guten Tag“. Die Reaktion: keine. Abgesehen von einem völlig ratlosen Blick.

          Ich kann viele Momente nennen, in denen sich das Dorfkind in mir bemerkbar macht – obwohl ich eine Zeit lang dachte, dass es gar nicht mehr in mir steckt. Die Szene in Mannheim ist mir aber als Erstes eingefallen. In diesem Moment hielt ich die Begrüßung für selbstverständlich. Im Dorf ist sie das auch. Wer dort auf der Straße nicht grüßt, egal ob er seinen Gegenüber kennt oder nicht, gilt schnell als arrogant, auf jeden Fall aber als unhöflich.

          Seit neun Jahren wohne ich in Großstädten, bin erst nach Mannheim, dann nach Frankfurt, vor drei Jahren nach Offenbach gezogen. Aufgewachsen bin ich im Nahetal in Rheinland-Pfalz – eine Region, die ich selbst schon oft „Provinz“ genannt habe. Dabei ist mir klar, dass das ein schwieriges Wort ist. Dass die Gesellschaft gerade auseinanderdriftet, hat auch damit zu tun, dass einige, die sich als weltgewandte Großstädter sehen, gerne abfällig von der „Provinz“ sprechen.

          Wie falsch die liegen, die auf dem Land nur dumpfe Hinterwäldler vermuten, müsste ich eigentlich wissen. Aber der Konflikt zwischen Stadt und Land scheint sich nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in mir abzuspielen.

          Viel Platz – und Ruhe

          Ich bin in einem Dorf mit knapp tausend Einwohnern groß geworden, eigentlich gar nicht weit von der nächsten Kreisstadt, Bad Kreuznach, entfernt. Abgelegen hat es sich aber trotzdem angefühlt: Bis ich mit 18 auszog (und noch ein paar Jahre danach), gab es bei uns nicht einmal die langsamste DSL-Verbindung. Das war aus heutiger Sicht vielleicht ganz gut so. Anders als viele aus meiner Klasse in der Mittelstufe blieb ich so von einer World-of-Warcraft-Sucht verschont.

          Frankfurt: In die Anonymität der Großstadt kann man eintauchen – auf dem Land geht das nicht so einfach.

          Während meine Klassenkameraden aus Bad Kreuznach sich also in Online-Fantasiewelten verloren, karrten wir im Dorf unsere Rechner samt Bildschirmen für LAN-Partys von einem Haus ins andere. Oder vertrieben uns, ganz analog, draußen die Zeit – auf dem Bolzplatz oder beim Fahrradfahren in den Weinbergen. Je älter wir wurden, desto eher fühlten wir uns aber von der Außenwelt abgeschnitten. Dass manche im Dorf, auch in meinem Alter, eine ewiggestrige Weltsicht hatten, die sie nicht für sich behielten, hat auch seinen Teil dazu beigetragen. Wie natürlich die ziemlich dürftige Busanbindung.

          Ich hatte aber auch alle Vorteile, die ein Leben auf dem Land für Kinder mit sich bringen kann: Oma und Opa im Erdgeschoss unter uns, großes Haus, riesiger Garten, keine gefährliche Straße in Sichtweite. Überhaupt: viel Platz. Und Ruhe. Manchmal eben auch zu viel davon, vor allem später, als Jugendlicher.

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