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Der Moment ... : ... in dem es sehr weihnachtet

Will schon Weihnachtsstimmung verbreiten: Der Christkindlmarkt in Wien hat bereits am Freitag eröffnet. Bild: dpa

Die ersten Weihnachtsmärkte eröffnen die Glühweinsaison, und in den Supermarktregalen stapeln sich die Lebkuchen, doch unsere Autorin fühlt sich noch kein bisschen weihnachtlich. Über den Moment, in dem wirklich Weihnachten ist.

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          Nein, der erste weihnachtliche Moment ist nicht der, in dem ich mir die Riesenpackung Lebkuchen kaufe. Erstens passiert das meist im Spätsommer, also dann, wenn Discounter uns mit nicht gerade feierlicher Unnachgiebigkeit sehr wichtige und unbedingt zu kaufende Maxi-Rationen weihnachtlicher Schokoladigkeiten anzudrehen suchen. Und zweitens ist das kein hoheitlich-festlich-weihnachtlicher Moment, sondern eine persönliche Schwäche, die zugegebenermaßen häufiger als einmal pro Weihnachtsschokoladensaison eintritt.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Der erste weihnachtliche Moment ist auch nicht der, in dem ich mir auf den allerletzten Drücker im Sonderangebot einen schon leicht zerrupften Adventskranz kaufe – in einem Anfall schlechten Gewissens darüber, dass ich keine so organisierte und wohl dekorierende Person bin wie ungefähr alle anderen Mitmenschen und Nachbarn, die Fensterscheiben mit Sterngedöns und Haustüren mit Kränzen schmücken. Die Kerzen sind dann meist aus minderwertigem Wachs, die aus dem Keller gekramte Lichterkette gibt nach drei Minuten ihren Geist auf und der krümelig gewordene Weihnachtstee vom Jahr davor schmeckt auch nicht mehr so richtig – nicht einmal in Kombination mit dem Riesenlebkuchen.

          Es ist auch nicht besonders weihnachtlich, sich entweder am 23.12. durch stickige Buchhandlungen und überfüllte Einkaufspassagen zu quetschen oder aber im November auf Amazon alles zurecht zu bestellen. Genauso wenig sind Weihnachtsmärkte mit einer Stimmung wie auf einem drittklassigen Junggesellenabschied und aneinander gereihten Glühwein- und Fressbuden ein Indikator für weihnachtliche Gefühle (Randnotiz: der erste Glühwein kann das unter Umständen ändern). Über dem Ganzen liegt wie ein Schleier des Vergessens der glühweingeschwängerte Atem. Oh holy night, you smell so bright?

          Weihnachten mit der kleinen Hexe

          Was alles nach Stress und Konsum und Dauerbeschallung klingt, war für mich als Kind freilich ganz anders. Da gab es den ersten Nutella-Crêpe auf dem Weihnachtsmarkt, unerhört lecker. Das Plätzchenbacken mit Mama (und Rolf Zuckowski). Die Kirche. Der Gesang. Die erhebenden Gefühle, die man mit all diesen Dingen verbindet, schwinden im Laufe des Älterwerdens. Immer seltener geschah es, dass ich ein Reißen hinterm Bauchnabel verspürte, das mir bedeutete: etwas in mir rührt sich. Ein Gefühl, eine Erinnerung, ein alter Brauch.

          Solche alten Bräuche pflegen wir zum Glück noch in der Familie, und darum kann ich heute voller Überzeugung sagen: Weihnachtlich ist es für mich, wenn mein Papa die Geschichte über die Weihnachtshexe vorliest. Er fing damit an, als meine Cousine noch ganz klein war und man ihr Weihnachtsbilderbücher vorlesen musste. Eben auch „Die kleine Hexe feiert Weihnachten”. Zu Besuch bei der kleinen Hexe namens Lisbet ist Trixi, die Nichte der Weihnachtshexe, die allerlei Blödsinn im Kopf hat und der kleinen Hexe, die vor Weihnachten noch wahnsinnig viel zu tun hat, zum Beispiel Plätzchen backen, noch ein bisschen Extra-Vorweihnachtsstress beschert.

          Die kleine Hexe spricht in der Version von meinem Papa übrigens Kölsch, weil wir Weihnachten traditionell alle zwei Jahre im Rheinland verbringen. Und ihre Stimme klingt in etwa so, wie, ja...kennen Sie „Das Leben des Brian” von Monty Python? Ungefähr wie Brians Mutter, nicht nur, was Stimmlage und -volumen, sondern auch die Lautstärke betrifft, so klingt die kleine Hexe, wenn mein Vater sie spricht. Darum ist er jedes Mal danach heiser und verschluckt sich mit großem Tamtam und anhaltendem Hustenanfall auch mindestens zweimal beim Lesen.

          Das ist inzwischen so anstrengend für meinen Papa geworden (und meine kleine Cousine ist jetzt außerdem über 20), dass wir anderen ihn meist überreden müssen, noch einmal die Weihnachtshexe zu lesen. Die kölsche kleine Kreischhexe ist nämlich so lustig, dass die ganze Familie um den Esstisch herumsitzt und Tränen lacht. Tatsächlich kann man meinen Vater bzw. die kleine Weihnachtshexe auf einigen der Videos, die wir vom Vorlesespektakel gemacht haben, kaum verstehen, weil wir anderen so laut lachen.

          Inzwischen sind wir am Heiligen Abend meist zu acht, wir waren auch mal neun. Manchmal werden wir mehr, wenn jemand den Partner oder die Partnerin mitbringt. Aber jedes Jahr sitzen wir irgendwann in versammelter Runde beisammen, haben meinen Papa gerade in mühseliger Überzeugungsarbeit breitgeschlagen – und dann fängt die kleine Hexe an, Kölsch zu reden. Dann ist für mich Weihnachten.

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