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Kolumne : Der Moment, in dem das Tor fällt

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Wo waren Sie in diesem Moment? Mario Götze kurz nach dem WM-Sieg-Treffer 2014 Bild: dpa

Die Plätze sind leer, die Tribünen verwaist, die Bälle liegen in den Schränken – aber wenigstens die Erinnerungen an die großen Momente im Leben eines Fußballfans sind noch da. Die Kolumne „Der Moment“, diesmal von neun Autoren.

          13 Min.

          „Der größte Augenblick aller Zeiten“ heißt in dem Buch „Fever Pitch“ das Kapitel, in dem Nick Hornby über den Moment schreibt, in dem der FC Arsenal 1989 in der letzten Minute des letzten Saisonspiels das entscheidende Tor schoss und nach 18 Jahren wieder englischer Meister wurde. „18 Jahre, in einer Sekunde komplett vergessen. Was ist der passende Vergleich für einen solchen Augenblick?“, fragt Hornby. Sex falle weg, der Höhepunkt sei dabei zu vorhersehbar. Auch bei der Geburt eines Kindes fehle „das entscheidende Überraschungsmoment“ und bei einem Lottogewinn die „gemeinschaftliche Ekstase“. Nick Hornbys Fazit: „Keiner der Augenblicke, die andere Menschen als den besten ihres Lebens beschreiben, scheint mir vergleichbar.“

          Und wann, wenn nicht während der fußballfreien Corona-Krise, wäre der richtige Zeitpunkt, um sich an solche Momente zu erinnern?

          30. Juni 1996: Deutschland gegen Tschechien

          Das Tor, das ich nie vergessen werde, liegt nun vierundzwanzig Jahre zurück. Ich war damals 13 Jahre alt. Unglaublich eigentlich, dass man schon in diesen jungen Jahren das Tor seines Lebens gesehen hat. Aber einen Europameisterschaftssieg der eigenen Mannschaft im legendären Wembleystadion, Block 236, Reihe 2, Sitz 127 – direkt hinter dem Tor, in das Oliver Bierhoff das einzige Golden Goal der deutschen Fußballgeschichte geschossen hat –, das ist nicht mehr zu toppen. Ich bin mir nicht sicher, ob mir in diesem zarten Alter an der Seite meines Vaters schon vollumfänglich klar war, was ich da gerade unter den Flutlichtern erlebte, als Jürgen Klinsmann den Pokal wenig später in den Londoner Nachthimmel hob und selbst die Queen nur wenige Tribünen von mir entfernt saß.

          Obwohl seitdem meine Liebe zum Fußball nicht geringer geworden ist und meine Fußballabenteuer auch nicht kleiner: Dieses Tor, das Oliver Bierhoff am 30. Juni 1996 gegen Tschechien in der 95. Minute nur 20 bis 30 Meter Luftlinie von uns entfernt erzielte, das löst bis heute Gänsehaut bei mir aus.

          Das Goldene Tor: Oliver Bierhoff zieht 1996 im Wembleystadion ab.
          Das Goldene Tor: Oliver Bierhoff zieht 1996 im Wembleystadion ab. : Bild: Picture-Alliance

          Seit der Rückkehr aus London hängt über meinem Schreibtisch ein Plastikhut in den Farben der deutschen Flagge, mit einem Werbeaufdruck der britischen Boulevardzeitung „The Sun“. Diesen hatte mir mein Sitznachbar im Taumel der Siegesgefühle auf den Kopf gesetzt. Der Hut hat diverse Umzüge, neue Schreibtische und Lebensveränderungen überstanden – und immer wieder einen Platz über meinem Arbeitstisch gefunden.

          Zu verdanken habe ich dieses einmalige Erlebnis meinem fußballverrückten, begeisterungsfähigen und unternehmungslustigen Vater, mit dem ich noch zahlreiche andere, auch nicht weniger legendäre Fußballerinnerungen teile. Aber ich bin mir sicher, dass dieses Tor, dieser Jubel, diese Reise auch zu den allergrößten seiner Fußballabenteuer zählt.

          Am Tag nach dem Endspiel konnte ich natürlich nicht um acht Uhr in der Schule sitzen. Mein Vater ließ es sich nicht nehmen, mir eine Entschuldigung zu schreiben, die in etwa so lautete: „Hiermit entschuldige ich meine Tochter für den 1.7.1996. Sie konnte am Montag nicht am Unterricht teilnehmen, weil sie am Abend zuvor der deutschen Nationalmannschaft im Wembleystadion zujubeln musste.“

          Lucia Schmidt

          26. Mai 1999: Bayern München gegen Manchester United (I)

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