https://www.faz.net/-hry-a2a3h

Der Moment ... : ... in dem ich Instagram gelöscht habe

  • -Aktualisiert am

Instagram vom Handy löschen ist wie Urlaub – so fühlt es sich zumindest für unsere Autorin an. Bild: Reuters

Bananenbrot-Rezepte und Fotos vom Leben auf dem Balkon: Durch Corona wurde Instagram zum digitalen Zufluchtsort. Aber dann wurde es zu viel. Unsere Autorin über den Moment, in dem sie die App von ihrem Handy verbannte.

          2 Min.

          Während des Lockdowns im Frühjahr war Instagram für mich das letzte Überbleibsel der sonst ziemlich ausgestorbenen sozialen Öffentlichkeit. Am laufenden Band schickte ich an meine digitalen Leidensgenossen Memes , die den surrealen Ist-Zustand irgendwie ins Lächerliche zogen oder einfach damit trösteten, dass alles gerade tatsächlich für jeden ziemlich surreal ist. Die Stories meiner Freunde und Bekannten waren mit bunten „Wir bleiben zuhause“-Stickern versehen. Die Tatsache, dass bei den meisten nichts los war, wurde einfach genauso inszeniert wie die alte Normalität: Jetzt postete man eben Fotos vom Leben auf dem Balkon, dem Abstand in der Einkaufsschlange, das Puzzeln mit der Familie, die neu entdeckte Liebe zum ausgiebigen Kochen. Instagram funktionierte einfach normal weiter – wenigstens dort war noch alles in Ordnung.

          Die App war abgesehen von Whatsapp der Hauptgrund, mein Handy überhaupt in die Hand zu nehmen. Das liegt auch daran, dass ich ein ziemlich neugieriger Mensch bin. Es ist wunderbar bequem dabei zuzusehen, was andere so machen: Ich muss dabei mit niemandem aktiv in Kontakt treten, ich kann mich über ein Bild amüsieren, ohne dass es der oder die andere mitkriegt und wenn man jemanden trifft, hat man oft direkt ein Gesprächsthema parat („…ich habe gesehen, du arbeitest jetzt woanders?“). Da die Bilder und Videos ja in der Regel mit viel Anspruch aufgenommen und bearbeitet werden, ist das Ganze auch immer sehr hübsch anzusehen.

          An einem Donnerstag im Juni habe ich Instagram dann aber von meinem Handy gelöscht. Ohne jemandem Bescheid zu sagen. Es war einfach zu viel geworden. In meinem Feed gab es auf der einen Seite zu viel Belangloses: Gesichtsroller, die eine faltenfreie Stirn versprachen und Influencerinnen, die Dekolleté-Makeup bewarben (benutzen das auch Menschen, die nicht als Model arbeiten?). Auf der anderen Seite war da zu viel Wichtiges: Die Antirassismus-Bewegung, ausgelöst durch den Tod des Afroamerikaners Georg Floyd, und Corona auf der ganzen Welt, mit einer Schreckensnachricht nach der anderen. Wann immer ich die App öffnete, wurde ich überschwemmt mit Meinungen, Ermahnungen und Lese-Empfehlungen.

          Natürlich waren und sind Corona und Antirassismus ohne Zweifel wichtige Themen. Ich würde auch nie bestreiten, dass man sich nicht ab und an (eher: jeden Tag) über das Weltgeschehen informieren sollte. Es mal bequem vorübergehend ausschalten zu können, ist ein Privileg. Aber ich hing dank Homeoffice, Masterarbeit und Onlinestudium nur noch auf Instagram herum. Und ich wollte nicht mehr mitmachen. Als ich die App löschte, war es auf einmal angenehm still.

          Ich war im Urlaub – und keiner wusste davon

          Ich war ein Wochenende an der Ostsee, und fast niemand wusste es, weil das obligatorische Bild vom Meer nicht auf Instagram landete. Wieder in Frankfurt traf ich mich mit Freunden in stilsicheren Cafés – in meiner Story fehlte das Anstoßen mit Bumerang-Effekt. Es war komisch, der Instagram-Welt nicht mehr entgegen zu plärren: „Ich mache gerade diese Sache und du nicht!“, aber es fühlte sich auch sehr selbstbewusst an. Überhaupt: Nicht mehr dem medialen Geltungsdrang zu verfallen, nicht mehr auf der digitalen Bühne aufzutreten – das war wie Urlaub. Ich hatte nie das Gefühl, etwas wirklich Wichtiges zu verpassen. Stattdessen hatte ich plötzlich Zeit, mich tatsächlich mit den Inhalten zu beschäftigen, die vorher in unzähligen Stories an mir vorbeigerauscht waren. Und klar, es gab Momente, in denen ich etwas posten wollte und mir dann einfiel, dass ich das ja gar nicht mehr konnte. Aber dann dachte ich: „Auch ok“, und fühlte mich gut.

          Nach etwas mehr als drei Wochen wurde ich wieder neugierig und wollte wissen, was alle meine Instagram-Freunde so trieben. Ich installierte die App wieder. Inzwischen ist sie aber nicht mehr auf der Startseite meines Handys plaziert, ich muss jetzt einmal nach rechts wischen. Das führt dazu, dass ich Instagram oft tagsüber vergesse – und mich dann am Abend für ein paar Minuten dem sozialen Rausch hingebe. Seit einiger Zeit merke ich, dass auch das langsam wieder zu viel wird. Vielleicht lösche ich die App bald wieder. Ich kann es nur empfehlen.

          Kolumnen auf FAZ.NET

          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort immer mittwochs die Kolumne „Der Moment“die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ und die „Fünf Dinge“-Kolumne. In „Der Moment“ berichten wechselnde Autoren mal von besonderen Momenten, die jeder kennt – und mal von Situationen, die nur manche erleben, in die sich aber jeder hineinversetzen sollte.

          Weitere Themen

          Das sind Gottes neue Sinnfluencer

          Suche nach Sinn und Erlösung : Das sind Gottes neue Sinnfluencer

          Gott hat es bei uns nicht leicht: Wer tritt heute noch als offener, liberaler und moderner Mensch für den Glauben ein? Wir stellen fünf Menschen vor, die mit ihrem Verständnis von Religion neue Wege beschreiten – und Türen öffnen wollen.

          Die Schönheit der Chance

          Musiker J. Peter Schwalm : Die Schönheit der Chance

          Als kreativer Geist der elektroakustischen Musik genießt J. Peter Schwalm seit gut zwanzig Jahren international viel Anerkennung. Der Musiker und Komponist spiegelt mit seinem vielschichtigen Album „Neuzeit“ nicht nur die gegenwärtige Situation.

          Topmeldungen

          Fünf Tote in Trier : Mutmaßlicher Amokfahrer muss vor Haftrichter

          Einen Tag nach der schrecklichen Amokfahrt in Trier entscheidet die Staatsanwaltschaft, ob sie für den festgenommenen Autofahrer Untersuchungshaft oder eine Unterbringung in der Psychiatrie beantragt. Fünf Menschen wurden am Dienstag in der Innenstadt getötet.
          Fragwürdige Ehrung: „Ahnengalerie“ im Bundesarbeitsgericht in Erfurt

          Frühere Bundesrichter : Tief verstrickt in NS-Verbrechen

          Das Bundesarbeitsgericht hat seine Vergangenheit nie aufarbeiten lassen. Jetzt zeigt sich: Etliche seiner Richter hatten in der NS-Zeit Todesurteile zu verantworten oder sich auf andere Weise schwer belastet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.