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Der Moment ... : ... in dem man für zu jung gehalten wird

Noch so jung! Dennoch wurde Shirley Temple im Alter von sechs Jahren mit einem Juvenile Award ausgezeichnet. Bild: Picture-Alliance

Praktikantin, Referendarin, Sekretärin – unsere Autorin ist schon für vieles gehalten worden. „Sie sehen ja noch so jung aus!“, heißt es dann oft. In der Kolumne erzählt sie von Momenten, in denen der Satz kein Kompliment war.

          3 Min.

          Es gibt diesen tollen Satz, den man an der Supermarktkasse zu hören bekommt, wenn man über 18 ist und beim Bier kaufen trotzdem nach dem Ausweis gefragt wird. „Nehmen Sie es als Kompliment.“ Ich habe diesen Satz in meinem Leben schon sehr oft gehört. In ein paar Wochen werde ich 29 Jahre alt, aber ich werde immer noch regelmäßig auf alles zwischen 18 und 25 geschätzt. Mein Freund sagt manchmal, mein Gesicht hätte sich seit der Schulzeit nicht verändert. Er meint das liebevoll und will mich damit necken. Wenn er das sagt, kann ich es tatsächlich als Kompliment nehmen, aus einem einfachen Grund: Es heißt nicht, dass er mich nicht ernst nimmt.

          Anna-Sophia Lang

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          In anderen Lebensbereichen, ganz besonders im Beruf, ist das anders. Je älter ich werde, je mehr berufliche Erfahrung ich sammle, desto mehr stört mich die Überraschung der Menschen, wenn sie mein tatsächliches Alter hören. Es stört mich, weil sie mich davor anders behandeln als danach. Es stört mich, weil sie mich davor automatisch geduzt haben und dann nicht mehr wissen, wie sie mich ansprechen sollen. Und vor allem stört mich, dass sie davor offenbar gedacht haben, ich hätte nichts drauf. Keine politischen Ansichten, keine Meinung, keinen eigenen Kopf. Irgendwann ist mir klar geworden: Mich nervt gar nicht, grundsätzlich für jünger gehalten zu werden. Sondern dass, wer für jung gehalten wird, offenbar nicht für voll genommen wird.

          „Noch viel Spaß im Praktikum“

          Ich bin beim Arbeiten schon für vieles gehalten worden: Praktikantin, Referendarin, Sekretärin. Ersteres höre ich am meisten von Männern. Der Pressesprecher einer großen Bank hat mir bei einer Veranstaltung mal „noch viel Spaß im Praktikum“ gewünscht, obwohl ich ihm zuvor als Redakteurin vorgestellt worden war. Es war, als habe er automatisch entschieden: Kein Anzug, kein Mann, stattdessen klein, blond, weiblich, jung – kann niemand Wichtiges sein. Referendarin und Sekretärin haben damit zu tun, dass ich seit ein paar Monaten als Gerichtsreporterin tätig bin und daher in den Verhandlungen mitschreibe – was schon mehr als einmal zu der Frage eines Richters geführt hat, warum ich das tue: „Sind Sie die Sekretärin einer Anwaltskanzlei?“ Ein anderer Richter hat mich mal am Telefon gefragt, ob ich wirklich Journalistin bin. „Sie klingen ja nett, aber ich kenne Sie nicht persönlich. Es könnte doch sein, dass Sie die Sekretärin eines Strafverteidigers sind, die vor dem Prozess etwas herauszufinden versucht.“

          Auf die Idee, dass ich tatsächlich ausgebildete Redakteurin bin und für eine namhafte Zeitung arbeite, ist bisher von sich aus noch niemand gekommen. Wenn ich es sage, ist die Reaktion darauf oft schlecht überspieltes Erstaunen. Manchmal bekomme ich als Antwort ein überraschtes „Ach, das ist ja toll“. Manchmal ein „Sie sehen ja noch so jung aus.“ „Ja, und?“, frage ich dann innerlich, was soll das jetzt heißen? Dass man als junger Mensch keine gute Journalistin sein kann?

          Vielleicht sollte ich das mal aussprechen, statt zu sagen, was ich in solchen Situationen am häufigsten sage. „So jung bin ich gar nicht mehr. Ich bin schon fast 30.“ Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Ich will keine Spielverderberin sein. Ich will kein Mensch sein, der sich jedes Mal angegriffen fühlt und wütend irgendwelche Zurechtweisungen erteilt. Zu ernst sollte sich selbst niemand nehmen. Manchmal kann ich damit auch ganz entspannt sein, dann lächle ich und denke, ach, vergiss es einfach. Aber manchmal brodelt es in mir, vor allem beim Arbeiten. Dann kann ich für eine Weile meinen Ärger schwer loslassen.

          Wie alt muss man sein, um ernst genommen zu werden?

          Eigentlich habe ich gar keine Lust mehr, mich für mein jugendliches Aussehen zu verteidigen. Oder für die Tatsache, dass ich nicht nur im Hosenanzug rumlaufe, um auf keinen Fall zu sehr mein Frausein zu betonen. Es gab mal eine Situation, in der ich mich am Morgen vor der Arbeit nochmal umgezogen habe, weil jemand zu mir gesagt hat, in einem Oberteil mit Rüschen an den Armen würde mich doch niemand ernst nehmen. Heute denke ich mir: Hätte ich das bloß nicht gemacht. Solange ich nicht halbnackt oder in Jogginghose und Hoodie zur Arbeit gehe, ist es doch egal, was ich anhabe. Was zählt, ist meine Arbeit. Die mache ich seit fünf Jahren. Manchmal frage ich mich, welches Alter, welche Erfahrung und welches Aussehen man denn vorweisen muss, um ernst genommen zu werden.

          Je mehr ich in den vergangenen Monaten die Diskussionen um Kevin Kühnert oder Greta Thunberg und „Fridays for Future“ verfolgt habe (um nur ein paar Beispiele zu nennen), desto klarer ist mir eins geworden. Auf meinungsstarke Jüngere reagieren große Teile der älteren Meinungsführer in unserem Land mit einer „Werdet erst mal erwachsen und übernehmt selbst Verantwortung, dann können wir weiter reden“-Attitüde. Thomas Bareiß von der CDU, parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, hat am Tag nach der Europawahl bei Twitter das starke Abschneiden der Grünen unter jungen Wählern kommentiert. Das ging so: „Wenn die Erstwähler mal ihr eigenes Geld verdienen und selber spüren, wer das alles bezahlen muss, sieht die Wahl vielleicht auch wieder anders aus. Ich bin sicher, dass schlussendlich die Vernunft siegt. Also mal abwarten …“

          Ich finde, die Gesellschaft ist gut beraten, jungen Leuten mehr zuzutrauen – und ganz besonders jungen Frauen.

          Kolumnen auf FAZ.NET

          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort immer mittwochs die Kolumne „Der Moment“, die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ und die „Fünf Dinge“-Kolumne. In „Der Moment“ berichten wechselnde Autoren mal von besonderen Momenten, die jeder kennt – und mal von Situationen, die nur manche erleben, in die sich aber jeder hineinversetzen sollte.

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