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Der Moment... : ... in dem ich mich von meiner Zwillingsschwester trennen musste

  • -Aktualisiert am

Die Zwillinge schlechthin: Die Romanfiguren Hanni und Nanni, für den Film 2012 gespielt von Jana (links) und Sophia Münster (Archiv). Bild: Picture-Alliance

Unsere Autorin und ihre Zwillingsschwester haben fast jede Minute miteinander verbracht – bis eine für ein Auslandssemester nach Frankreich ging. Wie ist das, wenn man als Zwilling plötzlich alleine ist? Die Kolumne „Der Moment“.

          Man soll Zwillinge nicht trennen. In der Liste pädagogischer Ratschläge, die man unseren Eltern für eineiige Zwillinge mitgab, stand das zwar nicht drin, zumindest für uns gilt es aber. 

          Tatsächlich waren wir in den ersten 20 Jahren unseres Lebens nie länger als eine Woche getrennt. Nie. Meine Schwester und ich sind – da trifft das Klischee wirklich zu – wie Hanni und Nanni. Wie Fred und George Weasley. Wie Lisa und Lena. Wir sehen nicht nur fast identisch aus, wir bestellen im Restaurant meist das gleiche Gericht und vervollständigen bisweilen die Halbsätze der anderen. Und wir verbringen jede freie Minute miteinander.

          Für uns war es selbstverständlich, dass wir uns nach dem Auszug aus dem Elternhaus für das gleiche Studium einschrieben, nach einem Jahr wieder aus- und für ein neues Fach einschrieben und natürlich in eine gemeinsame Wohnung zogen. Wir nannten sie die Zwillings-WG. Niemals wollten wir uns trennen, das erzählten wir jedem, der fragte. Sogar für ein Auslandssemester in Frankreich bewarben wir uns gemeinsam.

          Angenommen wurde nur meine Schwester. „Die Trennung wird euch guttun“, sagten unsere Freunde. „Ihr könnt doch nicht ewig aufeinander hängen, ihr habt doch ein eigenes Leben!“ Stimmt, so schlimm wird’s nicht werden, dachten wir, und meine Schwester nahm den Platz an einer Uni in Bordeaux an.

          Eine Hälfte fehlt

          Als sie mit einem Koffer, der fast genauso groß war wie sie selbst, in den Zug stieg, bin ich innerlich zusammengebrochen. Es fühlte sich an, als sei eine Hälfte von mir auch gerade den Bahnsteig hinuntergefahren und nach ein paar Sekunden hinter der ersten Kurve verschwunden. Wie abgerissen, eine klaffende Wunde hinterlassend. Ich geriet in Panik. Irgendwie hatte ich es nicht für möglich gehalten, dass ein vollkommen gemeinsames Leben utopisch sein könnte. Wir hatten uns eine heile Welt geschaffen, die zwangsläufig nicht bestehen konnte.

          Wieder vereint: Unsere Autorin (rechts) besucht ihre Schwester in Bordeaux – und hat natürlich auch ihr neues Lieblingseis bestellt.

          In der Tat war die Trennung über drei Monate eine Zäsur. Wir haben uns zwar zwei, drei Mal gesehen. Das war schön und sehr wichtig für uns. Die Zeit dazwischen aber war geprägt von einer Art Dauer-Sorge um meine Schwester: Was macht sie? Sind die Leute nett zu ihr? Hat sie Heimweh?, fragte ich mich quasi rund um die Uhr. Ich sorgte mich so sehr, dass ich kaum merkte, wie schlecht es mir selbst damit ging. Ich fing mir in dieser Zeit alle Erkältungen ein, die gerade zu haben waren, war dauerhaft nervös. Die gemeinsame Wohnung war passé, ich hatte plötzlich mein eigenes Leben. Und trotzdem tat ich mir schwer, vor anderen Leuten in der Ich-Form anstatt in der gewohnten ersten Person Plural zu sprechen.

          Als sie wieder zurückkam, kehrten wir sofort wieder zu unserem zwillingshaften Alltag zurück. Wir zogen zwar nicht wieder zusammen, schrieben aber sogar eine gemeinsame Bachelorarbeit. Ab jetzt, so sagten wir uns, kann uns wirklich nichts mehr trennen. Natürlich kam es anders. Wir wurden nicht für denselben Masterstudiengang angenommen. Aber es ist okay für uns. Heute habe ich sogar Freunde, die meine Schwester gar nicht kennen. Das war lange unvorstellbar. Trotzdem ertappe ich mich noch immer dabei, wenn ich ganz unvermittelt „wir“ sage, auch wenn ich für mich alleine spreche. Es kommt noch häufig vor, auch wenn wir nun nicht mehr zusammen leben, nicht mehr dasselbe studieren und wohl auch im Arbeitsleben getrennte Wege gehen werden.

          Und doch weiß ich heute ganz genau, dass es nicht ohne meine Schwester geht. Ein Job in einer anderen Stadt? Ok. Eine eigene Familie? Auf jeden Fall! Aber niemals wollen wir langfristig getrennt sein. Damit sind wir zwar noch immer Individuen, aber auch abhängig voneinander. Und wir stehen dazu, sind sogar ein bisschen stolz darauf.

          „Ist es nicht nervig, andauernd verwechselt zu werden? Oder immer miteinander verglichen zu werden?“ Diese Fragen hören wir oft, die Frage „Seid ihr Zwillinge?“ sogar fast immer, wenn wir gemeinsam unterwegs sind. Nein, es ist nicht nervig, es ist einfach unsere Identität. Meine Schwester gehört zu mir wie mein rechter Arm, wie mein Pfefferfleck auf dem großen Zeh. Genau das ist mir in dem Moment klar geworden, in dem ich sie zum ersten Mal gehen lassen musste.

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