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Der Moment ... : ... in dem ich gegen meinen Sohn beim Tischtennis verlor

Tischtennis lässt kaum Deutungsspielraum – die Punkte sprechen für sich. Bild: Lucas Wahl

Gewinnen lässt unser Autor seinen elf Jahre alten Sohn längst nicht mehr, der Filius schlägt ihn nämlich aus eigener Kraft beim Tischtennis. Über eine väterliche Niederlage.

          2 Min.

          Es war wie immer in dem Sommer vor drei Jahren. Wir standen an der Tischtennisplatte unter den Bäumen im Park, wir schlugen den Ball über das Netz, das hier eine Metallplatte mit Löchern ist, und wir erfreuten uns an dem meditativen Ping und Pong. Aber das Spiel sollte an diesem Tag in traurigem Ernst enden, wie so oft, wenn sich ein Vater mit seinem Sohn duelliert.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Vater und Sohn – diese Konstellation klingt immer nach überzogener Erwartung und verweigerter Erfüllung. Früher ging es vor allem um Berufliches: War der Vater Müller, musste der älteste Sohn auch Müller werden. Die bürgerliche Gesellschaft erfand dann noch das Prinzip der Überbietung: War der Vater Bauer, musste der Sohn schon Lehrer werden, und war der Vater Lehrer, musste es der Sohn zum Professor bringen. Das führte zu vielen Konflikten, die in tragischen Erzählungen von Franz Kafka bis Walter Kohl nachzulesen sind.

          Heute versuchen viele Eltern, ihre Kinder im Sport zu drillen. Finde ich immer leicht übertrieben, wie sie die Körperhaltung korrigieren oder zu Höchstleistungen anspornen. Überzogene Erwartungen? Nicht mit mir! Also versuche ich es mit dem Gegenteil, womöglich nennt man das antiautoritäre Erziehung: einfach kommen lassen und entspannt bleiben. Im Sport ließen wir ihn alles ausprobieren, die Freiwilligkeit macht's. Mit elf Jahren war er so weit, wie ich es nicht einmal mit 15 oder 16 Jahren gewesen war: Fußball, Schwimmen, Skateboard, Skifahren, Tischtennis, Badminton – Kinder lernen schnell. Was ich nicht ahnte: wie schnell.

          Er musste mich doch jetzt noch nicht überbieten!

          Beim Tischtennis spitzt sich der Generationenkonflikt zu. Man steht sich gegenüber, man schaut sich in die Augen, und die Punkte lassen keinen Deutungsspielraum. So stand ich also mit dem Elfjährigen an der Platte unter Bäumen und versuchte alles. Lange waren die Zeiten vorbei, in denen ich ihn gewinnen ließ. Schon in den beiden Tagen zuvor hatte ich nach Sätzen 2:3 und 2:3 verloren. An diesem schönen Spätsommertag stand es nach fünf Partien 1:4. So hatte ich mir das mit seinen sportlichen Erfolgen nicht vorgestellt. Er musste mich doch jetzt noch nicht überbieten, mit elf Jahren! Ich stand an der Platte, schaute entgeistert – und plötzlich weinte ich. Ohne Witz: Mehrere Tränen liefen mir die Wange hinunter.

          Jetzt sah mich mein Sohn entgeistert an, kam zu mir rüber und umarmte mich. Doppelte Demütigung: Ich hatte nicht nur verloren, ich musste mich sogar noch von ihm trösten lassen. Warum weinte ich überhaupt? War es nur das Versagen, die Demütigung? War es die Angst vor dem Ende der väterlichen Allmacht? War es womöglich die Ahnung der eigenen Endlichkeit? Übernahm hier schon die nächste Generation? Oder floss auch Stolz über die Fertigkeiten des Filius ein?

          Inzwischen, mit knapp 14 Jahren, ist er im Tischtennisverein, überragt mich um mehrere Zentimeter, und ausgerechnet am Vatertag habe ich ein Spiel gegen ihn mit 0:11 verloren. Geheult habe ich nicht, das habe ich hinter mir. Wenn ich heute noch eine Partie gewinne, freue ich mich wie ein Kind. Neulich trafen wir an den Platten einen Vater, dessen Sohn ebenfalls über ihn hinauswächst. „Wir können froh sein“, sagte er leicht resigniert. „Stell Dir mal vor, wie es erst ist, wenn sie uns gewinnen lassen.“ Soweit darf es nicht kommen. Ich kämpfe dagegen an, bis zum letzten Ping oder Pong.

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