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Der Moment ... : ... in dem ich die alte Dia-Sammlung meines Vaters entdeckte

Weiter flussabwärts: Mein Vater streichelt ein kleines Dromedar. Bild: Uwe Ebbinghaus

Was macht Vater auf dem Dach der Hagia Sophia? Und könnte das in Ägypten sein? Unser Autor hat 5000 Dias seines Vaters entdeckt und digitalisiert – und erzählt in der Kolumne „Der Moment“ von ihren Rätseln und Dramen.

          5 Min.

          Als ich mit den 50 verstaubten Diakästen, die in ihren grauen Gehäusen jeweils Platz für 100 Rähmchen bieten, den Kofferraum füllte, sagte eine ältere Passantin: „Unsere können sie gleich mitnehmen. Wir haben noch einen ganzen Keller voll damit.“ Und ging weiter. Sie dachte wohl, ich sei auf dem Weg zur Müllkippe. Bei der Abfahrt war der Wagen hinten deutlich abgesenkt, bilde ich mir im Nachhinein ein. Da ahnte ich schon, was mir die 5000 Fotoschnipsel aus den Jahren 1957 bis 1990 für eine Arbeit bereiten würden. Wie hoch reichte der Turm wohl, würde man alle Diakästen, die in den Kellern und auf den Dachböden der Republik verstauben, übereinander stapeln?

          Uwe Ebbinghaus
          Redakteur im Feuilleton.

          Es mag noch Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen geben – warum nicht 50 von ihnen in der gedehnten Zeit der Pandemie bergen und ihnen mit einer Art von Elan den Schrecken einer Altlast nehmen? Wenn die Zukunft schon unsicher ist, will man wenigstens die Vergangenheit in Ordnung bringen. Zudem verhießen diese Dias eine Welt fast ohne Reisebeschränkungen. Mein Vater brachte es im Lauf seines Lebens auf mehr als 300 Reisen, viele davon hinter Mauern und Zäune in den damaligen Ostblock, die meisten aber in den Süden. In der Welt der Dias scheint fast immer die Sonne.

          Die schönsten Aufnahmen sind die frühen aus den fünfziger und sechziger Jahren, noch in Glas gefasst: mein Vater, noch Junggeselle, mit Fes auf einem orientalischen Kuppeldach, ohne Jacke am Nordkap, mit Kufiya vermummt in Syrien, jedes Mal mit einem fast triumphalen Gesichtsausdruck. Auf dem Leuchttisch weisen die Aufnahmen eine fast altmeisterliche Farbigkeit auf. Es sieht auf ihnen so aus, als hätte die Welt damals mehr Kontur, mehr Stil gehabt. Die Menschen in den europäischen Metropolen sind elegant gekleidet, die Autos schnittig, es gibt eigentlich keine Fremdkörper, alles ist an seinem Platz, so scheint es. Fotografieren war teuer, die wenigen Aufnahmen, die man sich leisten konnte, überlegte man sich gut.

          Doch für die Nachgeborenen heißt es: aussortieren und digitalisieren oder anbauen. Auch Dias meiner Mutter und meines Großvaters sind dabei. Die Akropolis, der Kreml und Ephesus, die sich wenig verändert haben, sind gleich mehrfach vertreten, da fällt die erste Auswahl leicht. Aber auch die angestrebte Halbierung der Sammlung verursacht keine allzu großen Verlustängste. Nach drei Nächten, den Kopf tief über den Leuchttisch gesenkt, stellt sich mit den letzten Magazinen Nackensteife ein. Doch voller Eindrücke – ein Dutzend Leben und die eigene Kindheit und Jugend sind an einem vorbeigezogen – geht man zufrieden ins Bett und träumt von seinen Vorfahren. Standbilder werden zu Bewegtbildern – und das war erst Level eins auf dem Weg zur digitalen Familienchronik.

          Wer ist wer auf dem alten Familienbild?

          Denn jetzt werden Daten erzeugt, wird digitalisiert, geordnet, das Tor aufgestoßen zu einer unendlichen Reihe von Seiteneingängen. Der Diascanner, ein Leihgerät, kommt mit der Post. Er sieht aus wie ein Diaprojektor, verschluckt die Aufnahmen automatisch für etwa drei Minuten, putzt sie, indem er die Staubflusen her-ausrechnet, und überführt sie in digitale Dateien. Das Ergebnis ist besser als die Papierabzüge in den Fotoalben des gleichen Jahres.

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