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Der Moment ... : ... in dem ich alleine aus einem Flugzeug sprang

Meditation in Hochgeschwindigkeit: In der Luft sind die Strapazen des Absprungs schnell vergessen. Bild: Regina Veltmann

Nach Corona-Monaten in ihrer Einzimmerwohnung sehnt sich unsere Autorin wieder nach einem Abenteuer – und steht im nächsten Moment in 1200 Metern auf einer schmalen Metallstufe: Es ist ihr erster Solo-Sprung mit einem Fallschirm.

          3 Min.

          Außer seinen Namen wusste ich nichts über Matthias, aber für etwa eine Viertelstunde war er der wichtigste Mensch in meinem Leben. Es war der 31. Dezember 2019 und ich wollte das Jahr mit einem Tandemsprung über der Namib-Wüste abschließen. Die Stimmung in unserer Gruppe war ausgelassen. Vor dem Sprung tranken wir uns ein wenig Mut an, währenddessen verließ ich mich voll auf Tandemmaster Matthias, danach lagen wir uns euphorisch in den Armen und sprachen über unsere Vorsätze für das nächste Jahr.

          Annika Brohm

          Redakteurin der digitalen Ausgabe der F.A.Z.

          Sieben Monate später sitze ich in meiner Frankfurter Einzimmerwohnung und sehne mich nach Abenteuer. Zu lange habe ich nichts anderes gesehen als meine eigenen vier Wände. Freunde machen mich auf einen Fallschirm-Schnupperkurs aufmerksam: Ein Tag Theorie und Bodenausbildung, am nächsten Tag eine kurze Wiederholung – und dann der erste Solo-Sprung. Ich zögere nicht lange und melde mich an. Kurz danach kommen schon die ersten Zweifel auf. Der Tandemsprung hatte mich bereits Überwindung gekostet. Nun würde ich in der Luft auf mich allein gestellt sein. Kein Matthias, kein Mut aus Flaschen, nur der Fallschirm und mein nüchternes Ich.

          Trotz aller Bedenken finde ich mich kurz darauf mit fünf anderen Kursteilnehmern auf einem Flugplatz im östlichen Sauerland wieder. In den nächsten Stunden erlernen wir die theoretischen Grundlagen und spielen verschiedene Szenarien durch. Was macht man, wenn sich der Fallschirm nicht richtig öffnet? Was macht man, wenn er sich richtig öffnet? Wie steuert und landet man unbeschadet? Mein Gehirn speichert all die Informationen ab, ohne zu realisieren, dass sie schon am nächsten Tag lebenswichtig für mich sein könnten. Es folgt eine kurze Nacht, in der ich immer wieder die Notfallschritte durchgehe. Hauptschirm abtrennen, Reserveschirm ziehen. Trennen, Reserve, trennen, Reserve, das ist mein neues Mantra.

          Die Maschine hebt ab und mit ihr mein Puls

          Am nächsten Tag erwartet uns ein strahlend blauer Himmel. Es ist perfektes Sprungwetter, auch wenn der Wind den Profis zufolge etwas kräftiger sein könnte. Nach einem Theorietest werden wir in drei Flüge eingeteilt. Am liebsten würde ich alles ganz schnell hinter mich bringen. Aber wie es mein Glück will, soll ich als letzte Schülerin springen. Also heißt es: Warten, den anderen zuschauen und versuchen, dabei nicht durchzudrehen. Das ist gar nicht so einfach. Ein Schüler aus dem ersten Flug bleibt bei der Landung an einem Zaun hängen. Seine Oberarme sehen danach aus, als hätte sich eine Katze an ihnen hochgezogen. Der Nächste bremst zu früh und fällt sehr unsanft ins Gras. Ein Anderer springt erst gar nicht, weil ihn im Flugzeug die Angst übermannt. Nicht gerade eine erbauliche Bilanz.

          Dann ist es soweit. Ich steige ins Flugzeug, mit mir der Pilot, ein Ausbilder und ein weiterer Schüler. Mein Fallschirm wird an einer Leine am Flugzeug festgehakt, sodass er sich während meines Sprungs automatisch entfaltet. Zumindest in der Theorie. Die Maschine hebt ab und mit ihr mein Puls. Ich versuche, mich auf die Aussicht zu konzentrieren. Unter mir breiten sich Wälder und Wiesen aus, zwischendurch ein kleiner See. Schön hier. Schließlich springt der andere Schüler – und nach einer kleinen Extrarunde bin ich an der Reihe.

          Stairway to heaven: Wer es auf den Abtritt geschafft hat, der muss den Sprung auch durchziehen.
          Stairway to heaven: Wer es auf den Abtritt geschafft hat, der muss den Sprung auch durchziehen. : Bild: Luca Elterlein

          Als sich die Flugzeugtür öffnet, schlägt mir der Wind mit voller Wucht entgegen. Plötzlich erscheint der Sprung bedrohlich und unmöglich, schlichtweg wahnsinnig. Ich drehe mich zu meinem Trainer. „Der Wind ist zu stark, ich kann nicht rausklettern“, sage ich, nein, ich brülle. „Das geht gar nicht!“ Kurz hoffe ich, dass er sich erbarmt und die ganze Sache abbricht. Stattdessen schaut er mich nur tiefenentspannt an. Es hilft ja alles nichts. Ich stemme mich dem Wind entgegen. Zu meiner eigenen Verwunderung stehe ich kurz darauf in 1200 Metern Höhe auf einer schmalen Metallstufe. Von nun an gibt es kein Zurück. Ins Flugzeug darf ich aus Sicherheitsgründen nicht mehr. Ich schaue meinen Trainer an, er reckt seinen Daumen in die Höhe. Das Signal für meinen Absprung. Ich nicke kurz, hole tief Luft – und erstarre. Ich kann das nicht, denke ich immer und immer wieder, ich will das auch gar nicht. Da stehe ich nun also, gefangen in meiner ganz persönlichen Twilight-Zone. Und jetzt? Nach einem Moment, der mir ewig vorkommt und doch viel zu kurz, ist es wieder der Blick meines Trainers, der mir Mut macht: Sein Gesichtsausdruck vermittelt mir ein seltsames Gefühl der Ruhe. Und dann falle ich wie ein Stein in die Tiefe.

          Freiheit!

          Wie beschreibt man etwas, das so anders, so viel intensiver ist als das, was man normalerweise im Alltag erlebt? Vor dem Sprung hatte ich mich in Internetforen umgeschaut. Ein Nutzer vergleicht sein Erlebnis mit „Meditation in Hochgeschwindigkeit“, andere mit einem intensiven Drogenrausch. Nicht selten ist von einem „Airgasm“ die Rede. Ich muss mir diese Worte leihen, denn während des Sprungs bin ich einfach nur überwältigt. Wenn ich etwas denke, dann ist es: Freiheit. Nach endlosen, einsamen Wochen liegt mir zwar nicht die ganze Welt, aber zumindest ein Fleckchen Sauerland zu Füßen. Ich fühle mich friedlich und gelassen.

          Eleganz und Haltung spielen bei der ersten Landung nur eine Nebenrolle – wenn überhaupt.
          Eleganz und Haltung spielen bei der ersten Landung nur eine Nebenrolle – wenn überhaupt. : Bild: Regina Veltmann

          Erst als mein Höhenmesser 300 Meter anzeigt, steigt mein Puls wieder. Zeit für den Landeanflug. „Höhe ist Leben“, sagt man im Flugsport. Die eigentliche Gefahr ist der Boden, und der kommt mir nun näher und näher. Per Funkspruch lotst mich ein Trainer auf die richtige Bahn. Es ist kein Zaun in Sicht, das ist schon mal beruhigend. Ich fliege gegen den Wind, bis mich nur noch zwei Meter von der Wiese trennen. Dann ziehe ich kräftig an den Steuerleinen, die im Zusammenspiel als Bremse dienen. Ich lande auf meinen Knien, falle vornüber auf meinen Brustkorb und bin der wohl glücklichste Mensch der Welt. Zeit für ein Alkoholfreies, zur Feier des Tages. Als ich an der Bar am Flugplatz meine Maske überziehe, holt mich die Realität wieder ein. Wenigstens weiß ich jetzt, wie ich Corona für einen Moment davonfliegen kann.

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