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Der Moment ... : ... in dem der Schulbrief endlich da ist

Schüler einer fünften Klasse in einem Hamburger Gymnasium arbeiten im Unterricht an einem Laptop (Archivbild). Bild: dpa

Was für ein Schulzirkus. Und doch macht man ihn mit als Eltern, wenn man will, dass sein Kind auf das gewünschte Gymnasium kommt. In der Kolumne „Der Moment“ durchlebt die Autorin die Zitterpartie noch einmal.

          3 Min.

          Am 5. Juni ist die Zitterpartie endlich zu Ende. Doch ich überlasse es meinem Sohn, den Brief mit dem Absender „Freiherr-vom-Stein-Schule“ zu öffnen. Ein Brief von dem Sachsenhäuser Gymnasium, auf das er gerne von der Grundschule wechseln will. Er soll es als Erster lesen, dass er den „Beauty Contest“ der künftigen Gymnasiasten (und der dazugehörigen Eltern) erfolgreich absolviert hat. Natürlich bringe ich mich in Pole Position, als er das Kuvert öffnet, damit ich die frohe Botschaft gleichzeitig erspähen kann.

          Ina Lockhart
          Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

          Seit dem 31. Mai war er (nun ja, nicht nur er …) in Alarmbereitschaft. Drei Tage zuvor sollte das Schulamt die Zu- und Absagen für die weiterführenden Schulen in die Post gesteckt haben. Und am 31. stoppte mich ein freudestrahlender Vater auf meinem Fahrrad, als ich an dem Brückentag am Christi-Himmelfahrt-Wochenende von der Arbeit nach Hause kam und in unsere Straße bog. „Habt Ihr schon den Brief bekommen?“, fragte er mich erwartungsvoll. „Bei uns war er heute im Briefkasten. Wir sind genommen worden. Sven geht auf die Schillerschule! Die ganze Straße hat heute die Briefe bekommen.“

          Ich konnte nur unwissend mit den Schultern zucken und radelte die letzten Meter nach Hause. Als Erstes schloss ich den Briefkasten auf, nur, um in gähnende Leere zu starren. Auf der Treppe sah ich sie dann liegen – die Post, die anscheinend schon meine von den Nachbarskindern (und -eltern) aufgeschreckten Söhne aus dem Briefkasten genommen und durchforstet hatten. Fehlanzeige, zu uns war kein Schulbrief gekommen. Unser Briefkasten interessiert meine Söhne sonst nie – höchstens, wenn sich dort Mitteilungskärtchen von DHL oder UPS versteckt haben könnten.

          „Habt Ihr schon oder wartet Ihr noch?“

          Als ich die Haustür ins Schloss fallen ließ, erklang von oben die Stimme meines künftigen Gymnasiasten. „Mami? Sven geht auf die Schiller. Die haben heute den Brief bekommen“, rief er ins Treppenhaus. „Wir haben noch nichts!“ Ich erwiderte betont gelassen: „Das kann schon sein. Manchmal braucht die Post unterschiedlich lang, obwohl wir in derselben Straße leben.“ Insgeheim ärgerte ich mich: „Mist! Bislang ist es mir doch gelungen, mich von der allgemeinen Schulhysterie nicht anstecken zu lassen.“

          Doch ich entkam ihr nicht. Am Nachmittag ging es beim Fußballtraining weiter. Thema Nummer eins unter den Eltern: die Schulbriefe. „Habt Ihr schon oder wartet Ihr noch?“ Das war die einzige Frage. Gott sei dank gab es auch andere Eltern mit einem leeren Briefkasten, die weiter zitterten. Wenn es dumm läuft, muss man drei Mal bangen: Mit dem ersten Brief kommt die Absage der Erstwahlschule. Mit dem zweiten dann die der Zweitwahlschule. Der dritte Brief enthält die Zuweisung und teilt mit, auf welche Schule das Kind künftig gehen soll.

          Ärger stieg in mir auf. Zweifel nagten an mir: „Was ist, wenn Christopher doch nicht genommen wird und zu den rund 250 künftigen Gymnasiasten gehört, die von ihren Wunschschulen abgelehnt werden und in der Stadt verteilt werden?“ In der Schulbürokratie heißt das „Lenkungsbedarf“. Will heißen: Schüler werden anderen Schulen zugeteilt – oft neu gegründeten Gymnasien, die teils noch in Containern untergebracht sind und die sich unter den Eltern erst eine gewisse Akzeptanz und Beliebtheit erarbeiten müssen.

          Nachbarschaftsschule ad absurdum geführt

          Leider wird mit dieser Zuweisung oft der Vorteil des deutschen Schulsystems, das Prinzip der Nachbarschaftsschule, konterkariert. Aus einem eigentlich kurzen Fußweg wird dann auf einen Schlag eine deutlich längere Anfahrt per Elterntaxi oder Bus und Bahn. Einen Fußballfreund meines Sohnes hat es getroffen. Er ist abgelehnt worden und soll in das im August 2018 eröffnete Gymnasium Römerhof wechseln. Was noch dem Stadtteil Bockenheim zugeordnet wird, liegt in Wahrheit zwischen TÜV und Bowlingcenter. Mit Bus und U-Bahn wird er ab Südbahnhof für den Schulweg 50 Minuten brauchen – zwei Mal umsteigen inklusive. Die Eltern loten jetzt die Chancen bei günstiger gelegenen Privatschulen aus.

          Seit der Geburt unserer beiden Söhne haben wir auch oft zu den Eltern gehört, die trotz großer Bemühungen – ja, auch wir haben bei „unserer ersten Gymnasiumsbewerbung“ Stunden investiert, um einen Lobbrief auf Schule und Sohn zu dichten – leer ausgegangen sind. Übrigens hat uns das Geschwurbel bei unserem ersten Sohn auch nichts gebracht. Letztlich war es reines Glück, dass ihn die „Freiherr-vom-Stein-Schule“ damals genommen hat – nachdem er schon zwei Absagen bekommen hatte. Sein Schulplatz wurde jetzt zum Karrierebeschleuniger seines jüngeren Bruders. Denn der Schulleiter der „Freiherr-vom-Stein-Schule“ hat Wort gehalten: Geschwisterkind zu sein, ist ein hartes Kriterium für die Schulplatzvergabe.

          Und als mein Sohn den Brief endlich geöffnet hat, erlebe ich ihn zum ersten Mal seit der Geburt meiner Kinder: den Moment, in dem ich mich auf das Betreuungs- und Schulsystem verlassen kann.

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