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Der Moment ... : ... in dem ich meinen Geruchs- und Geschmackssinn verlor

  • -Aktualisiert am

Vergebene Liebesmüh: Mit ihrem Geschmackssinn verlor unsere Autorin auch die Lust am Essen. Bild: dpa

Ob Chlorreiniger oder überreifer Appenzeller: Für unsere Autorin riechen und schmecken während ihrer Covid-19-Erkrankung selbst die intensivsten Dinge nach nichts. Wie lebt es sich ohne Geruch und Geschmack? Die Kolumne „Der Moment“.

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          Ich ertappe mich bei meinem anbrennenden Abendessen. Das Smartphone in der rechten, den Pfannenwender in der linken Hand. Ist meine Aufmerksamkeitsspanne durch ersteres nun endgültig dahin? Irritiert kratze ich das kläglich versengte Pilzragout zusammen. Probieren kann ich es ja mal. Verbrannt schmeckt es nicht, aber auch sonst nach nichts. Nicht nach Zwiebeln, nicht nach Pilzen. Selbst der fettige Sahneersatz versagt als Geschmacksträger, und statt der dazugehörigen Semmelknödel könnte ich auch in Pappe beißen. Hätte ich das unbeabsichtigte Röstaroma nicht wenigstens riechen müssen? Ich ärgere mich, dass ich mich offenbar zu sehr auf die Alarmbereitschaft meiner Nase verlassen habe. Und auch, wenn es komisch klingt: Dass ich das missratene Endergebnis meines simplen Herbstgerichts nicht einmal schmecken kann, frustriert mich an diesem Abend ungemein.

          Es ist Ende Oktober, als mich das Coronavirus zwischen Home-Office und Onlinesemester einholt. Symptome wie hohes Fieber und Atemnot bleiben zum Glück aus. Dafür erwischt mich ein anderes: Das Virus nimmt mir meinen Geschmacks- und Geruchssinn.

          Überreifer Appenzeller oder purer Apfelessig: nichts

          Bei meinen nächsten Mahlzeiten versuche ich, meine olfaktorische Leere imaginär zu füllen. Es gibt frisch gekochten Brokkoli. Um das maximale Ergebnis herauszuholen, frage ich Google „wie schmeckt brokkoli“ und lande auf einer Kurzbeschreibung der mild schmeckenden Kohlsorte. Beim Essen fokussiere ich mich ganz auf das bevorstehende Geschmackserlebnis. Der Brokkoli schmeckt nach: nichts. Auch intensivere Geschütze fahre ich vergeblich auf. Gleichgültig kaue ich auf überreifem Appenzeller, trinke puren Apfelessig und schnüffle unbekümmert an Chlorreiniger. Aus meinem Selbstexperiment wird schnell infantiler Wahnwitz. Darauf folgt Ernüchterung. Dass es vor allem die Gerüche sind, auf die es in kulinarischen Momenten ankommt, wird mir plötzlich schmerzlich bewusst. War ich zuvor noch wählerische Espressotrinkerin, ist mir die braune Flüssigkeit nun erstaunlich fremd. Und ich frage mich täglich: Wie riecht eigentlich Kaffee?

          Eine zähe Woche in häuslicher Isolation vergeht. Meine anhaltende Riechstörung nimmt mir den Appetit und hinterlässt Gleichgültigkeit. Mir wird egal, was meinen Tagesbedarf deckt, aufs Kochen habe ich keine Lust. Also lebe ich von Müsli, Obst und Kuriositäten meiner Vorräte, esse kaum Salze und Fette. Selbst der sonst so verhängnisvolle Industriezucker gibt mir nichts. Eine Diät wäre keine Herausforderung.

          Im Kühlschrank entdecke ich einen angebrochenen Fetakäse. In seiner Konsistenz sieht er mittlerweile weniger appetitlich aus, vermutlich riecht er schon etwas säuerlich und würde jedem Gericht eine strenge Note geben. Normalerweise würde ich ihn entsorgen. Gerade aber denke ich mir: Es ist viel zu schade darum. Zusammen mit Kichererbsen aus der Dose und meiner neuen Genügsamkeit wird das Ganze zu einem prima schmeckenden Mittagessen – so stelle ich es mir zumindest bei den ersten Bissen vor.

          „Ich kann dich gut riechen“ erhält eine neue Dimension

          „Es gab überhaupt keine Düfte in meinem inneren Universum, sondern nur das Fehlen dieser“ – die an Patrick Süskinds Roman angelehnte Wortwahl trifft es. Auch wenn meine blinde Nase wenig mit den genialen Geruchsfertigkeiten des Protagonisten aus „Das Parfum“ gemein hat, denke ich in diesen Tagen oft an Grenouille: Genau wie die Romanfigur habe ich keinen Eigengeruch – wobei Grenouille tatsächlich nach gar nichts riecht, und ich nur mich selbst nicht riechen kann, weder meine Haut noch meine frisch gewaschenen Haare. Ich fühle mich unvollständig. In prophylaktischer Verzweiflung für die Zeit nach der Isolation schreibe ich meiner besten Freundin: Sollte ich jemals stinken, sag es mir bitte!!!

          Nicht nur zu meinem Körper, auch zur Welt um mich herum habe ich den Bezug verloren. Im Alltag könnte dies eine Art Wunderwaffe gegenüber all den unangenehm riechenden Eindrücken zwischen der B-Ebene des Frankfurter Hauptbahnhofs und dem Besuch in einer Raucherkneipe sein – innerhalb der überteuerten vier Wände meiner Frankfurter Innenstadtwohnung nützt mir meine leckende Sensorik allerdings wenig. Im Gegenteil: Mir fehlt der vertraute Geruch meines Freundes. Unsere erzwungene Zweisamkeit in Isolation mischt sich deshalb mit einer befremdlichen Distanz.

          In seinem Roman spinnt Süskind das gesamte Handlungsgerüst seines Romans um die zwischenmenschliche Relevanz von Düften. Ich verstehe das erst jetzt richtig: Das Gegenüber nicht vollends wahrzunehmen, stört die Kommunikation. Die Redensart Ich kann dich gut riechen bekommt für mich eine ganz neue Dimension.

          Mit dem Ende meiner Quarantäne kommen auch meine Sinne urplötzlich wieder – und mit ihnen eine Lebensqualität, die ich erst jetzt zu schätzen weiß: Ich könnte mich in Zimt und Kaffeebohnen, aber vor allem im Wohlgeruch meiner Liebsten baden.

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          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort immer mittwochs die Kolumne „Der Moment“die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ und die „Fünf Dinge“-Kolumne. In „Der Moment“ berichten wechselnde Autoren mal von besonderen Momenten, die jeder kennt – und mal von Situationen, die nur manche erleben, in die sich aber jeder hineinversetzen sollte.

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