https://www.faz.net/-hrx-7jyuy

Depressionen : Der ganz normale Wahnsinn

  • -Aktualisiert am

Schizophrenie kann mit depressiven Symptomen und sozialem Rückzug einhergehen Bild: ZB

Zu lange getrauert, und schon gilt man als depressiv: Fachleute befürchten, neue Diagnosekriterien könnten aus alltäglichen seelischen Zuständen Krankheiten machen – mit schlimmen Folgen.

          Psychiater sind auch nur Menschen. Und obwohl Alan und Allen einander gut kennen und durch viele Diskussionen ziemlich beste Feinde geworden sind in den vergangenen Monaten, werden sie bei ihrer Debatte am Mittwochmittag auf der großen Bühne des Internationalen Congress Centrums Berlin kurz emotional. „Ich fühle mich getroffen von Allens Härte!“, klagt Alan Schatzberg aus Stanford, nachdem der braungebrannte, weißhaarige Allen Frances aus Coronado - statt im Anzug in Hose und dunkelblauem Rollkragenpullover - ihm vorgeworfen hat: „Er ist smart, aber er versteht nicht, worum es geht! Das ist sein Problem!“

          Noch ist es kein Problem, eine eigene, andere Meinung zu haben. Auch nicht, ein wenig Gefühl zu zeigen. Aber Wutausbrüche bei einem Kind? Das könnte schon auf eine Emotionsregulationsstörung hindeuten, die „Disruptive Mood Dysregulation Disorder“. Im Alter seine Schlüssel nicht auf Anhieb zu finden? Ist nicht unbedingt gleich eine Demenz, kann aber eine leichte kognitive Störung, die „Mild Neurocognitive Disorder“ sein. Zweimal in der Woche unkontrolliert über den Kühlschrank herzufallen? Sind jetzt krankhafte Fressanfälle, eine „Binge-Eating“-Störung. Und den Tod eines nahen Angehörigen länger als zwei Wochen zu betrauern? Hier könnte eine Depression attestiert werden.

          Tabletten gegen gewisse Befindlichkeitsstörungen

          So will es zumindest das neue DSM5, das Diagnosemanual psychischer Krankheiten aus den Vereinigten Staaten, das Schatzberg in seiner Zeit als Vorsitzender der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung mit auf den Weg gebracht hat und das im Mai erschienen ist. Sein wohl erbittertster Gegner ist sein Kollege Frances. Er war der Vorsitzende der Arbeitsgruppe, die das Vorläufermodell aus dem Jahr 1980 verantwortete. Frances befürchtet, dass durch die Neuauflage bisher normale seelische Zustände geradezu inflationär zu Störungen werden. So könnten etliche Menschen eine Behandlung erhalten, die sie nicht brauchen, während jene, die wirklich krank sind, sie nicht bekommen. Davon profitiere vor allem die Pharmaindustrie, die in Amerika verschreibungspflichtige Medikamente direkt beim Endverbraucher vermarkten dürfe. Da kämen viele auf die Idee, gewisse Befindlichkeitsstörungen mit einer Tablette vergessen zu machen. (Siehe Interview unten: „Wir ignorieren die wirklich Kranken“.)

          Psychiater Allen Frances spricht im Interview (s. Kasten) über schädliche Tabletten und den Luxus, unter Burnout zu leiden

          Die hitzige Debatte zwischen den beiden Fachkollegen könnte uns in Deutschland letztlich egal sein, wenn das DSM5 nicht unmittelbare Auswirkungen hätte auf die „International Statistical Classification of Diseases“ (ICD) der Weltgesundheitsorganisation, die auch in Deutschland gilt. Bis 2016 soll deren neue Version vorliegen, ICD11 - und „wenn wir nicht ganz gewaltig in die richtige Richtung lenken“, befürchtet Josef Hecken, CDU, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses, der Therapien und Medikamente für Versicherte beschließt, „wird das DSM5 darin eins zu eins übernommen“. Seine Sorge äußerte Hecken, wie auch Frances, auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) diese Woche in Berlin.

          „Entwicklungs- und Alterungsprozesse werden dadurch pathologisiert“, findet der Präsident der DGPPN, Wolfgang Maier. Der präfrontale Kortex, der das Handhaben von Ärger und Zorn steuert, entwickle sich vergleichsweise langsam; Wutattacken bei Kindern im Alter von acht oder neun Jahren seien daher häufig vorübergehend und nicht behandlungsbedürftig. Gegen die typische Altersvergesslichkeit gebe es gar kein medizinisches Mittel. Und sie gehe auch nur bei 50 Prozent der Betroffenen in eine Demenz über. Warum also Menschen beunruhigen, die nie davon betroffen sein werden?

          Weitere Themen

          Fremde Flora für den Notfall

          Darmentzündung : Fremde Flora für den Notfall

          Ob Abspeckkur oder chronische Darmkrankheit – eine Stuhltransplantation soll neuerdings als Allheilmittel helfen. Aber die Therapie zeigt bisher nur bei einem Leiden klare Erfolge.

          Topmeldungen

          Brände im Regenwald : Das ökologische Endspiel am Amazonas

          Der Amazonas-Regenwald produziert gut ein Fünftel des Sauerstoffs, den wir atmen. Die andauernden Waldbrände und der Raubbau an ihm sind nicht nur eine ökologische Katastrophe – sondern auch eine humanitäre.

          Annäherung an Russland : Macrons Moskau-Wende

          Vor zwei Jahren war der Franzose noch als unerschrockener Kritiker russischen Hegemoniestrebens angetreten. Nun plädiert er für die Einbindung des Landes und warnt: ohne Russland keine europäische Souveränität.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.