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Dating-Regeln : Warum ruft er mich nicht an?

Allen Ratgebern zum Trotz: Die richtige Strategie für die Pärchenbildung gibt es nicht Bild: Thilo Rothacker

Beim Dating sind viele Deutsche verunsichert, denn es fehlen klare Regeln. Selbst moderne Frauen fühlen sich wohler, wenn der Mann die Initiative ergreift. Doch wie verhält man sich nach einem Date richtig?

          7 Min.

          Nach drei, vier Treffen, bei denen die Lehrerin sich verliebt hatte, weil er ihr gleich nach der ersten gemeinsamen Nacht den Schlüssel zu seiner Wohnung überlassen hatte, weil sie auf ihrem Balkon Gitarre gespielt hatten, wie es schon immer ihr Traum gewesen war, weil diesmal alles zu passen schien und sie wirklich dachte, „Das ist er“, fuhr er an einem Freitag in den lange geplanten Urlaub. Als Parole gab er aus: Nicht telefonieren. Im Zweifelsfall E-Mail, Whatsapp, SMS.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Trotzdem rief die Lehrerin gleich am Samstag an. Nur ganz kurz, einmal nachfragen, ob er gut gelandet sei. Die Lehrerin weiß, dass man das kritisch sehen kann: „Man kriegt ja immer gesagt, man soll sich so was von beherrschen“, sagt die Mittvierzigerin. Schließlich heiße es in einschlägigen Ratgebern: Männer wollten jagen. Sobald sie merkten, dass eine Frau leichte Beute sei, lasse ihr Interesse nach. Selbst ihre emanzipierteste Freundin, sagt die Lehrerin, schwöre auf weibliche Zurückhaltung.

          Aber dann war da noch dieser andere Impuls. „Vielleicht freut er sich auch“, dachte die Lehrerin oder vielmehr: hoffte sie. „Wenn man sich so oft getroffen hat, darf man ruhig mal zeigen, dass man seine Stimme hören will.“

          Darf man wirklich? Oder besser: Darf Frau? Und was sagt diese Frage aus über Männer und Frauen, über den Stand der Emanzipation im 21. Jahrhundert und das Kunststück, zueinanderzufinden?

          Klar ist die Lage in Amerika, wo die Spielregeln aus romantischen Hollywoodkomödien auch in Wirklichkeit gelten: Ein Blick, ein Flirt, ein Date – und anschließend ergreift er die Initiative. Lässt er es bleiben, ist das ein Korb. Spätestens nach drei Tagen herrscht Gewissheit. So will es die Konvention.

          Hierzulande hingegen landen Frauen typischerweise vor dem Telefon. Erst schmachtend. Dann grübelnd. Zuletzt, worst case, verzweifelt: Warum ruft er nicht an? Sollen sie vielleicht selbst zum Hörer greifen? „Das ist ein Riesenthema“, sagt die Psychologin Lisa Fischbach, die in ihrer Praxis in Hamburg Männer und Frauen auf Partnersuche berät. „Wir haben in Deutschland keine einheitliche Flirt- und Dating-Kultur. Das schafft Freiheit, aber auch Unsicherheit. Außerdem kann die gleiche Handlung unterschiedliche Wirkung entfalten, je nachdem, auf wen man trifft. So entstehen Missverständnisse.“

          Als Leiterin der Marktforschung bei der Online-Partnerbörse „Elite-Partner“ zitiert Fischbach eine repräsentative Studie unter Internetnutzern: 44 Prozent der Männer melden sich demzufolge schnell nach dem ersten Date, wenn es ihnen gefallen hat. 36,6 Prozent der Frauen würden niemals den ersten Schritt tun.

          Nur: Was ist mit den anderen?

          Zwei Studentinnen in einem Café in Berlin-Friedrichshain, Latte Macchiato mit laktosefreier Milch. „Man fühlt die Situation“, sagt Lena (Name geändert). „Wenn man Lust hat, sich bei jemandem zu melden, sollte man das tun. Wenn derjenige cool ist, wird er dir da keinen Strick draus drehen.“ Ihre Freundin Anne schaut ungläubig: „Hast du keine Angst, dass du dir dadurch etwas verbaust?“

          Man weiß eine Menge darüber, warum Männer und Frauen sich voneinander angezogen fühlen, dass Äußerlichkeiten dabei eine größere Rolle spielen als die vielbeschworenen inneren Werte und dass ein Flirt ein Wechselspiel aus kleinen, vor allem nonverbalen Reizen und Signalen ist. Wie die Sache im Idealfall ausgeht, ist ebenfalls erforscht: flirrende Hormone und ein rosarot verklärter Blick, Sex, schließlich Liebe, womöglich Kinder. Das Problem ist nur, dass aus einem Flirt nicht zwangsläufig Verliebtheit folgt, schon gar nicht gleich für beide. Anne sagt: „Die Grundangst ist die, dass man den Schuss nicht hört und nicht merkt, dass bei dem anderen gar nichts passiert. Dass ich mich da reinsteigere und er noch nicht ready ist.“

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