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Dating-App Tinder : „Frauen wollen geküsst werden“

  • -Aktualisiert am

Der erste kleine Triumph: „It’s a Match!“ Bedeutet: Jemand mag mich auch. Bild: Tinder

So krass geht Dating 2014: Die App Tinder zeigt, wer gerade in der Nähe und flirtbereit ist. Ein Blick aufs Foto, dann die Entscheidung: Gefällt, gefällt nicht. Jetzt muss man nur noch zusammenfinden. Unsere Autoren sprechen über ihre Erfahrungen.

          8 Min.

          Sebastian: Wann hast du zuletzt getindert?

          Lena: Ich habe es gerade offen. Hier, auf dem Display: Carlo, 33. Ein gemeinsames Interesse, drei Fotos. Carlo trägt Tracht.

          Sebastian: Ich habe die Vermutung, du wirst bei Carlo nicht auf den „Herz“-Button drücken.

          Lena: Du hast recht, ich drücke aufs Kreuz: Nein, der nicht.

          Sebastian: Meinst du, er hat bei dir auf „Herz“ gedrückt?

          Lena: Tja, keine Ahnung, ich kenne ja seine Strategie nicht. Ein Freund von mir zum Beispiel drückt bei jeder Frau erst mal aufs Herz. Das ist wie Massenbestäubung. Auswählen, sagt er, kann er später immer noch. Er schaut sich, ehe er die Datenlage auswertet, erst einmal an, wer überhaupt Interesse hat.

          Sebastian: Wäre ein praktischer Button für Männer: „Mein Herz für alle Frauen im Umkreis von 160 Kilometern.“ Ich glaube, Männer können schnell Interesse für Frauen entwickeln - wenn die sich für sie interessieren.

          Lena: Kann gut sein. Ich bin da verklemmter. Ich denke, wenn ich ein Herz vergebe, habe ich die Verantwortung, mich mit dem Mann auseinanderzusetzen. Alles andere wäre unhöflich.

          Sebastian: Du meinst, die App erleichtert nur Männern das Dating, weil sie verantwortungsloser sind?

          Lena: Nein. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass Tinder für Frauen viel verstörender und beängstigender ist. Tinder ist das programmierte Gegenteil von Verbindlichkeit. Null Anspruch auf Exklusivität.

          Sebastian: Entschuldige, dieselbe Befürchtung muss ich als Mann auch haben. Niemand spricht drüber, aber jeder weiß es.

          Lena: Aber Männer sind ja darauf ausgelegt. . . - zu streuen. Das Gelände großräumig abzuchecken und abzustecken. Wie nachts im Club. Ich lege mich gerne fest. Überangebot macht mich nervös. Eigentlich ist Tinder mein Horror. Aber eben sehr effektiv.

          Sebastian: Warum hast du mit Tinder angefangen?

          Lena: Eine Freundin und ich saßen eines Nachmittags in einem Café, es regnete, wir hatten nicht die beste Laune. Und da meinte sie, sie werde mir das jetzt installieren, anders gehe es ja offenbar nicht weiter. Die ersten zwei Stunden war ich nicht mehr ansprechbar. Ich habe, glaube ich, mal eben alle Hamburger Singles zwischen 29 und 46 Jahren durchgeschaut - das ist wahrscheinlich dieses Abarbeitungsprinzip, das mir als Beamtentochter innewohnt. Und bei dir?

          Sebastian: Ich hatte in der Zeitung einen so schlechten Artikel über Tinder gelesen, dass ich dachte, dann muss ich das selbst ausprobieren. Und außerdem, na ja, ich wollte mal wissen, welche Frauen so auf mich stehen, und gerne mal wieder mit einer knutschen. Es hat vier Tage bis zum ersten „Match“ gedauert. Da war ich gleich ganz aufgeregt: dass eine, die ich gut fand, mich auch gut fand. Sie kam aus, ich glaube, Aserbaidschan, wohnte grad in Düsseldorf.

          Lena: Und du hast sie direkt gefragt, ob ihr euch zum Knutschen trefft?

          Sebastian: Ich hab’ ihr gesagt, wir sollten mal was trinken gehen. Sie hat zugestimmt. Aber vermutlich ist deshalb nie was draus geworden, weil neue Matches kamen. Da habe ich echt unschöne Seiten an mir erlebt. Die eine sitzenlassen, weil die nächste besser aussieht.

          Lena: Sebastian!

          Sebastian: Ich hatte vor Tinder ein besseres Bild von mir als nachher.

          Lena: Ja, die App kitzelt nicht gerade den Gutmenschen in einem hervor.

          Sebastian: Erinnerst du dich noch an dein erstes Match?

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