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Diese Songs haben uns durch 2020 gebracht

Video: F.A.Z.

30. Dezember 2020 · Das Jahr 2020 war im besten Fall durchwachsen. Doch eine Konstante ist geblieben und hat uns durch Lockdown und Social Distancing getragen: Musik. Diese Songs haben den F.A.Z.-Redakteuren besonders geholfen.


Taylor Swift – „August“

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Tobias Rüther
Tobias Rüther
Das Jahr der abgesagten Pläne, der unausgelebten Ferien und des fehlenden Fernblicks, und hineingeweht kam eine neue Platte von Taylor Swift, „Folklore“, mit extraleisen Songs, in denen sie über sanft weinende Gitarren hinweg über abgesagte Pläne, unausgelebte Ferien und fehlenden Fernblick sang. Mittendrin auf dieser alles überragenden Platte, von der Swift im Dezember sogar noch einen Zwilling veröffentlichte, „Evermore“, erzählt sie in „August“ von einer Sommerliebe, die nie wurde. Die nur Hoffnung war und Warten, hinter der Mall, am Telefon, vergebens – das ganze Geheimnis der schmerzlich-süßen Erinnerung an unerfüllte Wünsche. (Ein Glück, dass sie niemand erfüllt hat, sonst würde der Welt eine Menge großer Kunst fehlen.) Und wenn dieses 2020 eines Tages tatsächlich nur noch eine Erinnerung sein wird, werde ich immer noch, so wie tausend Mal in den letzten Monaten, zu dieser einen Stelle in „August“ zurückkehren, genau auf der Hälfte des Songs – an der Taylors Stimme über den perfekt hingeworfenen Herzschmerztext aufsteigt, „Back when we were still changing for the better“, singt sie, „Wanting was enough/For me it was enough/To live for the hope of it all/Cancel Plans just in case you’d call/And say ‚meet me behind the mall’/So much for summer love and saying ‚us’/ ’Cause you weren’t mine to lose.“ In diesem sich kurz riesengroß verzehrenden „miiiiiiiiiiiine to loooose“ ist all das Unerfüllte dieses komischen, schweren Jahres aufgehoben. Und aller komischen, schweren Jahre davor auch. Wer weiß, von wem Taylor Swift da singt. Vielleicht von allen, die denken, dass sie damit gemeint sind.


International Music – „Farbiges Licht“

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Anna-Sophia Lang
Anna-Sophia Lang
Ist das nicht der coolste erste Satz überhaupt? „Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich abends Rosen gieße.“ Als ich diese Zeile Anfang September das erste Mal wieder bewusst gehört habe, war ich gerade auf Kreta. Mein Freund und ich hatten uns ein Häuschen gemietet für diesen Urlaub, von dem wir lange gedacht hatten, wir könnten ihn überhaupt nicht machen. Ich lag also am Pool, blinzelte unter meiner Sonnenbrille in die griechische Sonne und hörte dem Meer beim Rauschen zu. Über mir der blaue Himmel, ringsherum nichts als ein paar Häuser und struppiges Gras, hinter uns die Berge, vor uns die Brandung. Alles war gut. Und Peter Rubel sang: „Endlich wieder farbiges Licht. Endlich wieder freie Sicht auf nichts, auf nichts. Endlich wieder frische Luft um mich herum. Farbiges Licht.“ In diesem Moment dachte ich: Verdammt, ist das schön, dieses Leben. Es war, als hätte ich mir Zuversicht in meinen Aperol gemixt. Jedes Mal, wenn ich „Farbiges Licht“ jetzt höre, kommt dieses Gefühl zurück. Dann überschwemmt es den Nieselregen und die Dunkelheit, die täglichen Meldungen und die Sorgen um meine Großmutter. Ich muss lachen und an einen Brief denken, den sie mir im April geschrieben hat, als sie wochenlang keinen Besuch in ihrem Seniorenstift bekommen durfte: „Lass dir deinen Lebensmut von Corona nicht nehmen, weil jeder Mensch einen Schutzengel hat und wir nicht einfach Ausgelieferte sind.“ Manchmal singe ich in diesem Moment laut mit und es ist mir egal, wer mich schief anguckt. Vielleicht, denke ich dann, färbt ja ein bisschen was auf die Leute ab.


Lady Gaga & Ariana Grande – „Rain On Me“

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Alfons Kaiser
Alfons Kaiser
Wer mag schon Regen? Lady Gaga und Ariana Grande wären auch lieber im Trockenen. Aber den Regen als Metapher für alle Widrigkeiten des Lebens deuten sie schon im Titel um. „Rain On Me“ klingt erst wie eine traurige Zustandsbeschreibung, am Ende wie eine trotzige Aufforderung: Lass es doch regnen, macht mir nichts aus! Das Lied könnte als Disco-Kracher mit Latex-Bodys und Neunziger-Appeal schnell in Vergessenheit geraten, wenn, ja: wenn sich nicht zwei der größten Popkünstlerinnen zusammengetan hätten; wenn nicht alles vorangetrieben würde durch diesen unglaublichen Rhythmus, von dem sich Ava Max ein paar Takte abschneiden könnte; wenn die Lyrics nicht biographisch aufs Schlimmste beglaubigt wären. Denn hier geht es auch um Traumata: bei Gaga um die Vergewaltigung als Neunzehnjährige, im Musikvideo symbolisiert in dem Messer, das sie aus ihrem Oberschenkel zieht; bei Ariana um die Erinnerung an den islamistischen Terroranschlag nach ihrem Konzert in Manchester 2017, die sie immer noch und immer wieder wegtanzt. In diesem Lied geht es um alles: ums Überleben, ums Durchhalten, ums Jetzt-erst-recht. Und das mit dieser Musik! Mit Gagas Stimme! Mit Arianas Pferdeschwanz! Nichts könnte uns in diesen Zeiten mehr helfen.

 

Boney M  – „Ma Baker“

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Julia Bähr
Julia Bähr
Ich mag diesen Song nicht. Eigentlich hasse ich ihn inzwischen sogar. Aber der Oldie-Radiosender meines Vertrauens hat eine besondere Vorliebe für ihn, deshalb kann ich sicher sein, ihn jede Woche mindestens einmal zu hören. Jawohl, die Existenz von Streamingdiensten ist mir bekannt, aber ich bin eben diesem Radiosender treu, obwohl er meine Sympathie manchmal auf eine harte Probe stellt. Ich koche: „Ma Baker“ läuft. Ich putze die Zähne: „Ma Baker“ läuft. Ich schalte das Radio aus Verzweiflung ein, um einen anderen Ohrwurm loszuwerden: „Ma Baker“ läuft. „Ma Baker“ ist eine skurrile Kombination. Die Melodie stammt von einem tunesischen Volkslied, der Text handelt von einer amerikanischen Kriminellen aus den Dreißigern, die mit ihren Söhnen im mittleren Westen ihr Unwesen trieb. Eigentlich hieß sie Ma Barker, aber wenn man den Refrain einmal damit zu singen versucht, versteht man die Namensänderung. Es ist nicht das schlechteste Lied von Boney M und nicht das beste, aber vor allem ist es nicht das einzige, deshalb ist mir völlig unklar, warum ich nie „Rasputin“ zu hören bekomme und selten „Daddy Cool“. (Dafür bin ich froh, dass nicht „Rivers Of Babylon“ das Lieblingslied meines Radiosenders ist.) Und wie konnte mich also dieses Lied durch die Krise bringen, obwohl ich es nicht mal mag? Ganz einfach: Kontinuität. An normalen Tagen läuft „Ma Baker“, damit ist gefühlt jeder Tag, an dem „Ma Baker“ läuft, ein normaler Tag. Nichts fühlt sich nach Krise oder gar Ausnahmesituation an, solange ich dieses Lied höre. Selbst wenn morgen die Aliens bei uns landen und uns den intergalaktischen Krieg erklären, kann ich sicher sein, dass das Radio wie immer „Ma Baker“ spielt. Und ich singe gelangweilt mit.


Phoebe Bridgers – „I Know The End“

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Benjamin Fischer
Benjamin Fischer
„Yeah, I guess the end is here“ – in Zeiten einer Pandemie ein Album mit diesen Zeilen zu beschließen, erscheint reichlich dystopisch und/oder zeugt von einem recht kruden Humor. Wahrscheinlich würde Phoebe Bridgers beides unterschreiben. Ihr zweites Album („Punisher“) war zwar mutmaßlich fertig, bevor das Coronavirus überhaupt Thema wurde. „I know the end“ hätte sie andernfalls aber wohl erst recht genau so aufgenommen. Nun wäre die 26 Jahre alte Kalifornierin mit „Punisher“ sicher lieber fleißig getourt. Alleine der Ausflug nach Australien im Schlepptau ihrer Bekannten von The National stand seit Mitte 2019 fest. Stattdessen spielte sie unter anderem einen exzellenten Live-Auftritt in einem menschenleeren Theater (siehe Video), der obendrein sehr gut die traurige Lage all jener unterstrich, die vor, hinter und auf der Bühne normalerweise ihrer Arbeit nachgehen. Als gemeiner Homeoffice-Täter ohne Verdienstverlust oder zu betreuender Kinder will man sich da – trotz aller zweifellos nervigen, aber nun mal notwendigen Einschränkungen (und schmerzlich vermisster Konzerte!) – nicht allzu laut beklagen. Und dafür kann sich unsereins ja auch während der Arbeit hin und wieder dieses unheimlich tiefgründige und facettenreiche Album einer höchst interessanten Künstlerin auflegen. Spätestens wenn dann auf „I Know The End“ Bläser, Streicher, Schlagzeuger und alle anderen ein herrlich opulentes Finale einläuten, steht die Arbeit aber hintenan. Dass zwei der vier Grammy-Nominierungen von Bridgers auf den Song „Kyoto“ abfallen, ist übrigens auch alles andere als Zufall.


Prefab Sprout – „Bonny“

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Kai Spanke
Kai Spanke
Ein Freund hat mich vor zwei Jahren auf meine eklatanten Bildungslücken hingewiesen. Inkompetenzbereich: kanonische Platten der Achtziger. Man dürfe sich da keine Illusionen machen, es gebe einiges nachzuholen. Ob mir „Steve McQueen“ bekannt sei. Das Album von 1985, nicht der Schauspieler. Nein? Das habe er sich gedacht. Ob mir wenigstens die dazugehörige Band Prefab Sprout etwas sage. Auch nicht? Jesus Christ. Ob der Groschen falle, wenn ich die Song-Titel „Bonny“ und „When Love Breaks Down“ höre. Nada? Kennen Sie, lieber Leser, diesen Moment, wenn selbst der Missionar seinen Eifer verliert, weil die Ahnungslosigkeit des Schülers die Grenzen des Zumutbaren überschreitet? An dem Punkt waren wir. Trotzdem lautete die Hausaufgabe: „Steve McQueen“ anhören, und zwar asap. In diesem Frühjahr habe ich den Auftrag ausgeführt: Was für ein Erlebnis! Nicht nur kannte ich „Bonny“ und „When Love Breaks Down“, nein, die ganze Platte war mir vertraut. Ich hatte sie in den Achtzigern ständig bei meinem Onkel gehört – und dann vergessen. Nun weckten die Songs so lebhafte Erinnerungen, dass ich mich fühlte, als wäre ich wieder der Siebenjährige von damals. Ein irrer Effekt, wie bei Proust, nur nicht ausgelöst durch frische Madeleines, sondern Musik. „Bonny“ hatte es mir besonders angetan, und ich brauchte gar keine Lyrics, um in der Enge des Shutdowns diese Reise in die Vergangenheit anzutreten. Die Musik reichte: sanfte Gitarren, Drums, die an eine tickende Uhr denken lassen, und ein formvollendet harmonischer Refrain. Okay, hier doch noch eine Kostprobe des schmerzhaft schönen und schön schmerzhaften Texts: „I count the hours since you slipped away / I count the hours that I lie awake (…) All my silence and my strained respect / Missed chances and the same regrets / Kiss the thief and you save the rest / All my insights from retrospect“. Toll, oder? Shutdown überstanden, Bildungslücke geschlossen.


Yo La Tengo – „My Little Corner Of The World“

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Julia Anton
Julia Anton
Eines der Gefühle, die in diesem Jahr ein wenig zu kurz kamen, ist Geborgenheit. Draußen schien überall das Virus zu lauern, während es drinnen zunehmend beklemmender wurde: der Stress von Arbeit oder permanenter Kinderbetreuung zogen zu Hause ein, und mit dem Herbst kam dann noch Kälte dazu, die Aerosole sollen schließlich ausgelüftet werden. Also musste das Gefühl von Geborgenheit woanders herkommen. Zum Beispiel, indem man Bücher aus Kindertagen noch mal las. Oder die Lieblingsserie direkt wieder von vorne startete, nachdem man bei der letzten Folge angelangt war. Oder, indem man „My Little Corner Of The World“ von Yo La Tengo hörte und gedanklich der Einladung der Indieband in ihr verheißungsvolles Eckchen auf diesem Planeten folgte, um sich dort vor dem Rest der Welt zu verstecken. „My Little Corner Of The World“ ist ein Cover, aber ein besonders gelungenes: Die Originalversion stammt aus den Sechzigern von der amerikanischen Country-Sängerin Connie Smith, und Yo La Tengo haben den Song 1997 mit ruhigen, aber keineswegs deprimierenden Gitarrenklängen und sanftem Gesang und so viel Wärme neu aufgelegt, dass er auch 23 Jahre später noch so klingt, wie sich eine warme Umarmung anfühlt. Das Lied sagt: Vergiss die Welt da draußen – hier, in diesem Moment, an diesem Ort, ist alles gut.


Joyner Lucas – „Will“

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Sebastian Eder
Sebastian Eder
Was gab es 2020 zu wenig? Richtig: Schöne Geschichten. Also bitte: Der Rapper Joyner Lucas veröffentlichte im März das Lied „Will“, eine Hymne auf sein Vorbild Will Smith. In dem liebevollen Musikvideo spaziert Lucas zunächst als Prinz von Bel-Air durch ein Filmset, verwandelt sich dann in einen Bad Boy, einen Man in Black und viele weitere Charaktere, die Smith im Laufe seiner Karriere verkörpert hat. Dem Schauspieler gefiel dieses Video so gut, dass er es auf Instagram teilte, Lucas kontaktierte – und wenig später einen Part für einen Remix aufnahm. Abgesehen von dieser schönen Geschichte rappt Joyner in dem Lied wieder sehr gut, und auch die Message passt: Man sollte sich nicht erst bei seinen Idolen bedanken, wenn sie tot sind – „give ’em a rose while they still alive“. Lucas zitiert mehrfach eine Geschichte, die Will Smith mal in einem Interview erzählt hat: Als Kind habe er für seinen Vater eine zehn Meter lange Mauer bauen müssen. Tag für Tag habe er nach der Schule daran gearbeitet und nicht daran geglaubt, dass sie jemals fertig werde – bis sie es nach eineinhalb Jahren dann war. Smith sagte dazu: „Ich habe gelernt, dass du nicht versuchen solltest, eine riesige Mauer zu bauen. Du solltest versuchen, jeden Tag einen Stein perfekt zu platzieren. Irgendwann hast du eine Mauer.“ Ein bisschen American-Dream-Kitsch, klar, aber so ähnlich haben wir es doch auch durch 2020 geschafft. Tag für Tag. Brick by brick.


Queen – „Innuendo“

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Maria Wiesner
Maria Wiesner
In der Bibliothek des Dorfes, in dem ich aufgewachsen bin, hatte ich diese Platte ein halbes Jahr lang dauerentliehen. Sobald der Anfang des Sechseinhalb-Minuten-Stücks (ja, das ist länger als „Bohemian Rhapsody“) lostrommelt, bringt es für wenige Sekunden jenen viel zu heißen Sommer zurück, in dem ich davon träumte, dieses Dorf irgendwann zu verlassen. Wenn Freddie dazu sang: „You can be anything you want to be“, half das. Wie viel anderes Wahres er noch in das Lied steckte, fand ich in diesem Jahr heraus, als das Pandemiefrühjahr es im Bedürfnis nach kuscheliger Nostalgie wieder in die Playlist spülte, denn wenn Stewe Howes Flamencointerludium von Brian Mays „Red Special“-Gitarre aufgenommen, verstärkt und ins nächste Jahrhundert geblasen wird, dann ist für ein paar Minuten alles in Ordnung. Obwohl natürlich schon damals nichts in Ordnung war. Freddie Mercury war an Aids erkrankt, vor der Presse hielt er das noch geheim, seiner Band sagte er, lieber wolle er solange Musik machen, bis er umfalle. Es war das letzte Queen-Album, dessen Veröffentlichung er erlebte. In Innuendo rechnet er mit der Menschheit ab („Our lives dictated by tradition, superstition, false religion/ Through the aeons, and on and on“), ruft Gott persönlich an (If there’s a God or any kind of justice under the sky…Show yourself/ destroy our fears/ release your mask) und endet dann doch schicksalsergeben: „And whatever will be will be / We’ll keep on trying”. Wenn jemand, der gerade seine Todesnachricht erhalten hat, etwas so Großes schaffen kann, muss man daraus Hoffnung schöpfen.


Oscar Peterson trio – „You Look Good To Me“

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Andreas Krobok
Andreas Krobok
In der ersten Coronaphase des Jahres hatte ich nur wenig Bezug zu Musik, ab und zu mal ein paar wilde Tänze mit den Kindern, das war’s. Im Sommer kam die Musik zurück, jetzt, im zweiten Lockdown, hilft sie, in eine andere Welt abzutauchen. Seit Oktober allerdings spiele ich viel Jazz auf dem Klavier, oder sagen wir, ich versuche es. Immer genauso lange, bis ich an den eigenen Ansprüchen scheitere. Weit mehr Zeit verbringe ich mit dem Hören von Jazz (und auch Podcasts! Aber hier geht’s ja um Musik). Eines der ersten Stücke, das mir die mit akustischen Eisengittern verschlossenen Tore des Jazz einen Spalt breit geöffnet hat, ist „You look good to me“ des kanadischen Pianisten Oscar Peterson, aufgenommen in New York im Herbst 1964. Die Besetzung ein klassisches Trio, am Piano Peterson, am Bass Ray Brown, am Schlagzeug Ed Thigpen. Das Stück macht es einem in jeder Hinsicht leicht. Über die ersten zwölf Takte schmeichelt sich, unterstützt vom gestrichenen Bass, eine einfache, wunderschöne Melodie ins Ohr, die im Folgenden swingend zerrupft wird, dass es Konfetti regnet. Peterson halte ich für einen der technisch perfektesten Jazzpianisten, in dessen linker Hand ein hämmernder, swingender Bass wohnt. Seine rechte perlt bunt wie der beleuchtete Wasserfall unter der Brooklyn Bridge und geht ab wie Schmitz Katze, ohne auch nur eine Tausendstel-Sekunde aus dem Rhythmus zu springen. „You look good to me“ ist leichtfüßig, voller Optmismus und voller sprühender Einfälle, geradezu kindlicher Spielfreude. Und in diesem Pandemie-Jahr steht es für mich wie eine Erinnerung und ein Versprechen zugleich dafür, wie das Leben auch sein kann: voller Leichtigkeit.


Talking Heads – „Once In A Lifetime“

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Marcus Jung
Marcus Jung
So viel Musik wie in diesem Jahr gab es schon lange nicht mehr. Doves, The Streets und Fleet Foxes brachten neue Alben raus. Das Radio lief ständig im Auto, im Sommerurlaub und während der kleinen Fluchten ins Bergische oder die Eifel. Immer The Weeknd, Dua Lipa oder Dermot Kennedy im Ohr. Hängengeblieben ist aber der Song „Once In A Lifetime“ von den Talking Heads, der vor Kurzem 40 Jahre alt geworden ist. Als Kind der „Generation MTV“ kenne ich das Lied, vielmehr das Video, in dem Sänger David Byrne vor einem Blue Screen herumschwebt, aber erst seit Ende der Achtziger. „Same as it ever was“ ist das Mantra des Songs – und so waren auch viele Tage im Jahr 2020. Byrne singt darüber, dass wir den größten Teil des Lebens einfach unbewusst verbringen. Und das man sich nicht gegen alles stemmen kann: „Time isn’t after us“. Auch wenn 2020 in vielerlei Hinsicht ein verbrauchtes (und für Kinder ein gestohlenes) Jahr ist, hat es doch gezeigt, dass man irgendwie funktionieren muss. Jeder Tag braucht dafür etwas Abwechslung. Für mich funktionierte das häufig nur mit gitarrenlastiger, sehr lauter Musik, selten mit den leisen Tönen. Und dann gibt es eben die Talking Heads. Eine prägende Band des New Wave, mit der ich offen gestanden sonst wenig anfangen kann. Aber immer, wenn ich „Once In A Lifetime“ in diesem Jahr hörte, habe ich mich danach viel besser gefühlt.


Billie Holiday – „Trav’lin All Alone“

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Elena Witzeck
Elena Witzeck
Als Billie Holiday mit 16 Jahren „Trav’lin All Alone“ sang, fühlte sie sich augenblicklich in die Lyrics ein: „Head bowed down with misery, nothing now appeals to me“. Es war 1932, sie wohnten in New York, und während ihre Mutter im Bordell arbeitete, putzte sie die Flure. An einem Wintertag lief sie hungrig und frierend bis zur 133. Straße, die als „Swing Street“ bekannt war. Sie hatte entschieden, in Jerry Prestons Nachtclub vorzutanzen. Preston war nicht begeistert. Sie könne auch singen, rief Billie eilig. Der Pianist klimperte die ersten Takte, Billie stimmte ein, und die Leute im Club ließen ihre Gläser stehen. „Trav’lin All Alone“ hat unbestritten eine Verzweiflungsbotschaft. Eine Frau ist allein auf Reisen oder jedenfalls unterwegs, und während sie erkennt, wie mühsam es ist, sich allein durchzuschlagen, trägt sie traumatische Erinnerungen mit sich herum. Das ist Billie, die spätere Lady Day. Aber es ist auch purer Swing, der drängend nach vorn weist und zeigt, dass es immer irgendwie weitergeht. Bloß in Bewegung bleiben. Mit ihrem Gesang veränderte Billie das Original, es wurde bluesiger, emotionaler, ironischer, sogar schon ein wenig lebensweise. Sie hat so viel gelitten, sagten die Leute, in ihrer Musik trägt sie unsere Lasten davon. Man glaubte ihr jedes Wort, das sie sang.


Incubus – „Our Love“

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Martin Benninghoff
Martin Benninghoff
Incubus hatte ich ein wenig aus den Ohren verloren. Anders als Faith No More oder Primus, aber vielleicht liegt das daran, dass Incubus immer solider und auch ein wenig langweiliger waren. Aber mit ihrer relativ neuen Single „Our Love“ bieten die Kalifornier so etwas wie den perfekten Komplexitätsreduzierer in diesem schwierigen Corona-Jahr. Der Song lebt von der Rhythmik und natürlich der charismatischen Stimme Brandon Boyds, die schon vor 25 Jahren mühelos aus manchem Alternative- und Indie-Einerlei herausstach. Es ist ein echtes Lied. Kein Riffaneinandergeklebe wie in so manchem Progressive-Rock-Song, kein ungeplantes Herumgeschrammel, sondern wunderbar auf die Essenz der Band reduziert, die funkig angefangen hatte und dann in den Neunzigern zu einer der größten Alternative-Bands avancierte. Die Produktion ist zeitgemäß, aber unterscheidet sich wohltuend von den komprimierten und daher furchtbar seelenlosen Gitarrenwänden, die die Musikindustrie in Sachen Rockmusik gefühlt im Sekundentakt herausgibt. Incubus wirkt dagegen so schön kratzig-analog, was beispielsweise sehr gut an der crunchigen Gitarre am Schluss des Songs zu hören ist. Die klingt – oberflächlich betrachtet – hingeschludert, aber das ist sie natürlich nicht. Überhaupt ist der Song klug und genau durchkomponiert, aber nicht zu verkopft, sondern mit viel Raum für Gefühle zwischen laut und leise, kratzig und weich, nachdenklich und rockhymnisch. Der Beat und das ziemlich einfache Gitarrenriff laufen derweil wie ein Fließband unterm Song entlang und fundieren ihn und all die Instrumente, die nebst der Stimme noch oben auf sind. Dadurch entwickelt sich ein leichtes Gefühl, man mag fast tänzeln, auch weil Boyd von Zuversicht und Liebe zu dem, was er am liebsten tut, nämlich dem Musikmachen, singt. Deshalb ist „Our Love“ ein ziemlich gelungener Song für 2020, dem Jahr der erzwungenen Innerlichkeit bei dem gleichzeitigen Wissen darum, dass es uns allen so geht.


Gentleman, Luciano, Ezhel – „Devam“

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Aylin Güler
Aylin Güler
Bevor Rapper Gentleman am 13. November sein erstes deutschsprachiges Album „Blaue Stunde“ veröffentlichte, überraschte er seine Fans mit der Single „Devam“. Darin bekommt er Unterstützung von den Rappern Luciano und Ezhel. In dem Song kombinieren die drei Rapper ihre persönlichen Stile: Ezhel übernimmt die melodische Hook auf Türkisch und Luciano und Gentleman haben jeweils einen Rap-Part auf Deutsch. Dabei harmonieren die Musiker mit den Dancehall-Beats, um die sich die Produzenten „Jugglerz“ gekümmert haben. Der Inhalt des Songs ist sehr motivierend: „Devam“ bedeutet auf Türkisch „weiter“. So singen Luciano und Ezhel auf Türkisch: „Halte an meinem Traum fest / Die Schwierigkeiten hierbei sind eine Ausrede / Geh, mach weiter“. Es geht also darum, an seine Träume zu glauben und sich auf dem Weg nicht durch Ausreden aufhalten zu lassen. Die Kollaboration gibt den unterschiedlichen Gedanken der drei Künstler zu diesem Thema eine Bühne. Eine wichtige Message, gerade in der schwierigen Corona-Zeit, in der viele Menschen in Quarantäne waren, ihre Jobs verloren oder nicht mehr an sich geglaubt haben. Musik kann eben helfen, die Krise besser zu bewältigen. Genau aus dem Grund hat es diese motivierende Dancehall-Hymne ganz nach oben auf meine Playlist geschafft. „Devam“ ist gerade zur richtigen Zeit erschienen und trägt die richtige Botschaft, egal ob auf Türkisch oder Deutsch: Bleibt stark, Leute. Macht immer weiter und hört nicht auf, an eure Träume zu glauben.


Beabadoobee – „Care“

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Philipp Krohn
Philipp Krohn
Die Vermessung von Musik ist absurd. Ende des Jahres schickt der Streamingdienst, was man gehört hat: „Time“ von Pink Floyd am häufigsten, unser Schulgong während des Homeschoolings. Dahinter „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, Lieblingslied meines jüngsten Kindes, bis wir Michael Rothers wundervolle Platte „Dreaming“ entdeckt haben. An dritter Stelle folgte „Boys Don’t Cry“ von The Cure, womit mein mittleres Kind das ausgefallene Musikfestival im Stadtteil kompensierte. Die Statistik verrät aber nichts über die Emotionen, die das Debütalbum einer zwanzigjährigen Britin ausgelöst haben: Beabadoobee oder Bea Kristi oder Beatrice Laus. Durch das fabelhafte Soloalbum von Gründer Stephen Malkmus schien meine Pavement-Dosis für 2020 erreicht. Nicht vermutet hätte ich, dass noch jemand den Eifer seiner Band aufbringen würde, dabei ein bisschen wie Liz Phair und Veruca Salt mit Einsprengseln der Breeders klingen könnte. Etwas Merkwürdiges ist passiert: Drei Jahrzehnte lang konnte man Rock seine Lieblingsgattung nennen, ohne dass es sich komisch anfühlte. In der Post-Nirvana-Ära war Grunge/Indie gemeint. Jetzt ist wieder breitbeiniger Lederhosen-Kram im Umlauf, Radio-Bop-Rock. Als letzte überzeugende Indie-Platte ist mir „Antisocialites“ von Alvvays in Erinnerung geblieben. Drei Jahre her. Jetzt also Beabadoobee (der Plattenhändler, der schon zweimal bestellen musste, hat’s aufgegeben). Variable Gitarrensounds, die sich übereinander schichten. Meldodiebögen, die sich aneinander schmiegen. Altersgemäße Lyrics über Beziehungsstress. Im Refrain eine dEUS-/Smashing-Pumpkins-Gedächtnispause. Mann, ist das gut! Und wird bleiben, weit über dieses blöde Jahr 2020 hinaus.


Slayer – „Dissident Aggressor“

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Dietmar Dath
Dietmar Dath
Das Stück stampft mit erzdicken Füßen durch Matsch, Blut und Unschlitt, mit dem hoch erhobenen Kopf aber hat es längst die Atmosphäre verlassen und niest und hustet dreckig in die eiskalte Leere des Weltraums rein, um die Sonne anzustecken. Alles also genau wie 2020, sogar mit Nazis drin und Dummheit aus Stein, die knirscht, wenn sie vorübersegelt, perfekt parallel zu diesem Jahr. Eine so klare Form für den gerade von allen erlittenen Inhalt schafft Freude durch Idealübereinstimmung, oder auch Angst und Hass, jedenfalls passende Gefühle. Eigentlich ist die Originalfassung von Judas Priest schon fast vollkommen, aber es fehlt da halt Dave Lombardo am Schlagzeug. Außerdem werden Slayer böse, wenn man die Urfassung vorzieht. Na ja, was heißt böse – noch böser halt. Das muss nicht sein.


Billy Joel – „Vienna“

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Antonia Mannweiler
Antonia Mannweiler
Billy Joel hat den Song „Vienna“ Mitte der Siebziger geschrieben, als er nach vielen Jahren das erste Mal seinen Vater wiedergesehen hat, der von Amerika in die österreichische Hauptstadt ausgewandert war. Und es war auch das erste Mal, dass er seinen jüngeren Halbbruder, der mittlerweile Dirigent ist, getroffen hat. Keinen anderen Song habe ich in diesem Jahr wohl so oft gehört wie Vienna. Dabei bin ich eher zufällig auf ihn gestoßen. Die amerikanische Schauspielerin Joey King hatte das Lied in einer eigenen Version auf dem Keyboard gespielt und auf Instagram geteilt. Und obwohl ich Vienna schon in der Vergangenheit gehört habe, hatte ich den Song schon fast vergessen. Manchmal langt es schon, dass ein Titel einen lediglich mit seiner Melodie fesselt. Dass der mittlerweile schon über 70 Jahre alte Joel aber noch dazu einen wundervollen Text gedichtet hat, macht den Song so grandios. Dabei setzt er gleich zu Beginn den Ton: „Slow down you crazy child“ – einfach mal runterfahren. „Take the phone off the hook and disappear for a while. It’s alright, you can afford to lose a day or two“. Das Lied ist eine Hommage an Wien. Die Stadt von Mozart und Stefan Zweig, von der der Altmeister des Rock in dem Song singt, steht für mich aber auch für die Sehnsüchte und Wünsche, die man lange aufgeschoben oder vernachlässigt hat, weil man von so vielen Dingen des Alltags getrieben ist. Manchmal können sie aber auch einen Moment warten, denn: „When will you realize, Vienna waits for you?“


Bruce Springsteen – „No Surrender“

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Carsten Knop
Carsten Knop
Wir fuhren durch die Straßen von Buffalo. Ich war 16 Jahre alt. Es war der erste längere Auslandsaufenthalt, ein Schüleraustausch mit der Partnerstadt meiner Heimatstadt Dortmund. Der „Sistercity“, wie die Amerikaner sagen. „My Hometown“, das allein klingt schon wie ein Lied von Bruce Springsteen. Eines der Kinder meiner Gastfamilie in der heruntergekommenen Arbeiterstadt am Erie Canal durfte längst Auto fahren. Im Radio, einem braunen Ford Escort, lief ein Song von einem Album, das im Jahr zuvor in Amerika dem Genre Rock’n’Roll auch an der Ladenkasse alle Ehre gemacht hatte: „Born in the USA“. „Yeah, 1984 certainly was his year“, sagte mein Gastbruder leicht verkniffen am Steuer – man konnte spüren, dass er zuletzt ein paar Songs von Springsteen zu viel gehört hatte. Das Gefühl hatte ich nie: Springsteen hat den Soundtrack meines Lebens geschrieben – und einfach ist in einem solchen Leben nicht immer alles. Wer wüsste das besser zu vertonen als der Boss? „No Surrender“ ist der eine Song, der damals in Buffalo nicht rauf und runter gespielt worden ist; tatsächlich stand er nie an der Spitze der Charts. Aber er ist, das passt zum Titel, einer der Songs der Platte, die bis heute am liebsten gehört werden. Auf Live-Konzerten kommt Gitarrist Steven Van Zandt gemeinsam mit Springsteen ans Mikrofon. Dafür gibt es einen Grund: Ohne ihn hätte es „No Surrender“ nicht auf das Album geschafft. Ich mag solche Geschichten, den Schwung des Lieds. Aufgeben zählt sowieso nicht in diesem Corona-Jahr: „No retreat, baby, no surrender“.


Declan McKenna – „Beautiful Faces“

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Anna-Lena Ripperger
Anna-Lena Ripperger
Die ersten Töne von „Beautiful Faces“ schrauben sich nach unten, dem letzten Akkord entgegen. Eine kleine Synthesizer-Sequenz, wie gemacht für jene Momente in Quizshows, wenn Kandidaten eine falsche Antwort geben. Oder für ein Corona-Jahr, in dem sich viele Pläne schon erledigt hatten, bevor sie überhaupt zu Ende gedacht waren. Doch das, was klingt wie ein melancholischer Schluss, ist nur ein Auftakt-Seufzer, der schnell in einen energetischen Popsong mündet, mit treibendem Schlagzeug und schrammeligen Gitarren. Declan McKenna, das Wunderkind der britischen Indie-Szene, beschreibt darin die Macht sozialer Netzwerke, die uns rund um die Uhr das scheinbar perfekte Leben der anderen zeigen, und uns, die wir nicht genug bekommen von diesen Bildern. Obwohl wir wissen: Sie sind nicht alle echt und sie tun uns nicht gut. Doch am Ende ist es nicht die Kritik am Zeitgeist, sind es nicht die ausgefallenen Sprachbilder (wer sonst würdigt die großartige Nascherei Erdbeerschnüre?), die „Beautiful Faces“ zu meinem Song des Jahres machen. Es ist das Psychedelisch-Hymnische, das vor allem dann zum Tragen kommt, wenn man den Refrain richtig, richtig laut hört und dazu – corona-konform – wild durch die eigene Wohnung tanzt. Schließt man dann noch die Augen, spürt man für Sekunden eine pulsierende, feiernde Menge um sich herum. Und weiß: Irgendwann werden wir wieder tanzen, nicht nur allein in der Küche, sondern auch zusammen im Club.


Olivia Dean – „Ok Love You Bye“

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Thomas Holl
Thomas Holl
Jetzt hat auch Spotify in meinem Jahresrückblick 2020 fast amtlich bestätigt, dass ich diesen Song in den unendlichen Corona-Monaten rauf und runter als mein Lieblingslied gestreamt und gehört habe. Aber zuerst habe ich nach meiner Erinnerung „OK Love You Bye“ im Homeoffice vor dem Laptop gehört. Im nebenbei laufenden Deutschlandradio Kultur, vor oder hinter einer deprimierenden Nachricht über die neuesten Lügen von Donald Trump oder einer düsteren Covid-19-Reportage. Und der Song, lässiger Soulpop mit einem Schuss Sarkasmus und Melancholie im Liebesliedtex.t geht sofort ins Ohr, bleibt ewig hängen. Gesungen mit hinreißendem britischen Akzent, fast wie Kate Nash vor 15 Jahren. Jedenfalls ein Stück, das sofort gute Laune macht und ein echter Stimmungsaufheller in dieser Zeit ist und war. Die Sängerin Olivia Dean, hierzulande (noch) unbekannt, ist 21 Jahre alt, kommt aus East-London und nennt Amy Winehouse, Carole King und Paul Simon in seiner Graceland-Phase als Vorbilder. Besser geht´s nicht.


Haim – „Now I’m In It“

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Johanna Dürrholz
Johanna Dürrholz
Wie so viele andere habe auch ich im Lockdown Zuflucht und Trost in der Musik gefunden, dort, wo ich eigentlich immer Trost finde. Um meine Laune zu heben, mache ich morgens gern die Beatles an, zum Beispiel den Walrus-Song, und singe schief mit und tanze doof durchs Wohnzimmer. Oder ich renne so schnell ich kann die drei Mini-Hügel im Park um die Ecke rauf und runter und knalle mir dazu Queen-Hits rein. Doch es waren nicht nur alte Songs, die mich durch die Zeit der Pandemie getragen haben, sondern auch viele neue, die Altes in mir berührten. Ich glaube, ein guter Song ist manchmal so: Man denkt schon beim ersten Hören, man kennt ihn ewig. Er gibt ein Gefühl, eine Situation so genau wieder, als würde er das eigene Leben erzählen. So war’s auch bei Haims „Now I’m In It“. Die drei Schwestern der kalifornischen Band waren jahrelang non-stop auf Tour gewesen. Als Danielle Haim wieder zu Hause war, ging es ihr schlecht, sie fiel in ein Loch – und merkte es zunächst gar nicht. In „Now I’m In It“ geht es um den Moment, in dem sie spürt, dass sie drin ist, in den Depressionen, ganz tief unten, einfach weg. Im Video sieht man sie in einer Wolke aus merkwürdig diesigem Nebel. Ein bisschen so habe ich mich in den ersten Wochen im Lockdown gefühlt: Ich schwebte hier oben, auf meiner Wolke, und hab’ die Menschen flussauf- und flussabwärts gesucht, naja, fast. Ich bin manchmal raus auf den Balkon, der vielleicht der höchste in meiner Straße ist, direkt unterm Dach, und habe runtergeschaut auf die Straße und mich vergewissert, dass es da draußen noch menschliches Leben gibt, abgesehen von den beiden verlorenen Menschlein in meiner Wolke im Dachgeschoss. Und hab’ mich gefreut, wenn ich welches zu sehen kriegte, auf dem Rad oder beim Joggen. Und war so richtig „in it“.

Musik der zehner Jahre Der Sound eines Jahrzehnts
Video-Theaterserie Mit vergessenen Stücken ans Theater erinnern

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 31.12.2020 11:45 Uhr