https://www.faz.net/-hrx-a3rc6

Mineralbad Berg : Prickelt wie Champagner

Mit Retro-Charme: Das renovierte Mineralbad Berg soll mehr Gäste anziehen. Bild: Patrick Junker

Das Mineralbad Berg ist frisch renoviert. Für Stuttgarter ist das ein Quell der Freude. Die Liebe zu den Mineralquellen nimmt in der Stadt teils quasireligiöse Züge an.

          4 Min.

          Die Einweihung eines sanierten Mineralbades wäre in Stuttgart eigentlich ein Champagner-Ereignis – schon wegen des prickelnden Wassers der Mineralbäder. Aber Corona-Zeiten sind nicht prickelnd. Beim Rundgang durch das neue Bad Berg kam daher vor kurzem keine große Freude auf, als sich Oberbürgermeister Fritz Kuhn mit Mund-Nasen-Schutz am Beckenrand auf eine der Holzliegen legte.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Im Mineralbad Berg können die Stuttgarter vom 5. Oktober an wieder im prickelnden Wasser schwimmen, aber eben nur unter Einhaltung der Corona-Vorschriften. Das unbeschwerte Gefühl von früher fehlt. Die Saunen bleiben vorerst geschlossen, Schwimmer müssen sich für eines von drei Zeitfenstern anmelden.

          Vor vier Jahren waren im Stuttgarter Osten in der Nähe des Unteren Schlossgartens die Bagger angerollt: Für 34 Millionen Euro sanierte die Stadt das Mineralbad. Im ursprünglichen Kostenplan standen 29 Millionen. Die Sanierung sollte schon 2018 beendet sein, aber an zwei der sechs Quellen entdeckten die Bauingenieure Schäden, die Südquelle musste sogar neu gebaut werden. Jetzt sprudelt das Wasser der Urquelle wieder aus dem Trinkbrunnen im Außenbecken, und auf der Wasseroberfläche des Bewegungsbeckens spiegelt sich der Regenbogen des Glasfensters. Gründer der außergewöhnlichen Anstalt war der Hofgärtner Friedrich Neuner, weshalb die Stuttgarter ihr seit 1856 bestehendes Kultbad bis heute gern „das Neuner“ nennen. Er nutzte den kostbaren „Natrium-Chlorid-Sulfat-Hydrogenkarbonat-Thermalsäuerling“ für sein Privatbad, das Außenbecken war lange das größte deutsche Mineralwasserbassin. Vor dem Bau des Bads nutzte eine Baumwollspinnerei die reichen Wasservorräte.

          Drei außergewöhnliche Mineralbäder

          Erst 2005 kaufte die Stadt das Berg, womit sie – mit dem Leuze und dem Cannstatter Bad – drei außergewöhnliche Mineralbäder betreibt. Das Leuze hat pro Jahr 700.000 Badegäste, das kleine Retro-Bad Berg nur 113.000. Im Sommer treffen sich auf den großzügigen Liegewiesen Halbhöhe, Halbwelt und Club-Szene. Schon im nervösen 19. Jahrhundert hatten die Menschen erkannt, dass ein Bad im Mineralwasser „den Abgang des Urins“ fördert, die Esslust steigert und den Badenden „ein seliges Lächeln“ ins Gesicht zaubert.

          Oberbürgermeister Fritz Kuhn bei der Eröffnung des sanierten Mineralbads.
          Oberbürgermeister Fritz Kuhn bei der Eröffnung des sanierten Mineralbads. : Bild: Patrick Junker

          In Stuttgart nimmt die Liebe zu den Mineralquellen teils quasireligiöse Züge an. Vor dem Entstehen der Freizeitgesellschaft ließ sich die Bürgerschaft in „Leuzianer“ und „Bergianer“ einteilen. Obwohl sich das Wasser in chemischer Zusammensetzung und medizinischer Wirkung kaum unterscheidet, haben beide Schwimmbäder einen ganz unterschiedlichen Charakter. Ältere Millionärinnen vom Killesberg oder schwäbisch-spartanische Spitzenbeamte trifft man eher im Berg an, Familien eher im Leuze. Das Berg ist dagegen bei der Gay Community beliebt, die Stuttgarter spötteln über das „rosa Wiesle“. Während des Streits über Stuttgart 21 wurde über die Frage debattiert, ob die Bauarbeiten der Bahn die Mineralquellen zum Versiegen bringen könnten. In den zehn Jahren seit dem ersten Spatenstich sind bei der Schüttung des Mineralwassers aus zumeist 60 Meter Tiefe aber keine Veränderungen aufgetreten.

          Heute fließen aus den sechs anerkannten Berg-Heilquellen etwa 60 Liter pro Sekunde in die Außen- und Innenbassins des Kultbads. Stuttgart ist nach Budapest die mineralwasserreichste Stadt Europas. Hier gibt es 19 Mineralwasserquellen, 13 sind als Heilquellen anerkannt. 44 Millionen Liter Mineralwasser strömen täglich aus den unterirdischen Quellen. Das ist so viel, dass die Schwaben damit nicht sparen müssen. Nirgendwo sonst in Deutschland reicht die Mineralwassermenge aus, um einzelne Bassins im Durchlaufbetrieb zu betreiben, selbst in einem Thermenkurort wie Bad Füssing nicht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kämpft mit dem Brexit und der Pandemie an zwei Fronten: Großbritanniens Premier Boris Johnson

          Desinteresse in Großbritannien : Für viele Briten ist der Brexit erledigt

          In Großbritannien interessiert sich kaum noch jemand für die Verhandlungen über das künftige Verhältnis zur EU. Das liegt nicht nur an der Corona-Pandemie. Auch das Verhalten des Staatenbundes spielt eine wichtige Rolle.

          Fehlstart für Dortmund : Unerklärlich, desolat und einfach schlecht

          Beim Start in die Saison der Champions League zeigt der BVB bei der Niederlage bei Lazio Rom eine erschreckende Leistung. Die Kritik ist groß. Und nun wartet auch noch eine ziemlich brisante Aufgabe auf die Dortmunder.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.