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Das riecht so gut!

Die besten Parfümeure helfen heute, Unternehmen gut riechen zu lassen, weil wir Kunden sie dann attraktiver finden. Wissenschaftler hoffen, mit Düften vielleicht einmal schwere Krankheiten bekämpfen zu können. Düfte können uns manipulieren – und glücklich machen. Was ist ihr Geheimnis?

23.08.2018

Text: ALEX BOHN
Fotos: CHAD PITMAN

VEREINIGTE STAATEN, NEW YORK, HEBREW HOME AT RIVERDALE

Im Erdgeschoss des Hebrew Home at Riverdale, einem Altenheim in der Bronx in New York, steht eine mit sechs Bildern bedruckte Wand: Man sieht einen Baseball- Handschuh, eine Rasenfläche, ein Hot Dog, eine Tüte Popcorn, ein Bier und eine Cola. Die 84-jährige Joan Jackson drückt auf den Knopf unter dem Baseball- Handschuh, und ein ledriger Duft strömt aus der Wand. „In diesen Duft haben meine Kinder und ich uns verliebt“, sagt sie.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Zum ersten Mal im Stadion war sie mit sechs Jahren; als ihr Mann 1973 starb, nahm Joan Jackson ihre eigenen Kinder mit ins Stadion. „Ich musste etwas tun, um sie aufzuheitern“, sagt sie, „das Spiel hat unsere Familie zusammengehalten.“

Erinnerungen dieser Art sind für die meisten Bewohner des Hebrew Home at Riverdale ein Geschenk. Viele leiden an altersbedingten Gedächtnisstörungen und erinnern sich nur dank der Duftausstellung „Scent of the Game“ daran, eingefleischte Fans der Yankees zu sein. Manchen fällt sogar wieder ein, wie sie Yankee-Star Joe DiMaggio live erlebt haben.


In der Sinnestherapie werden Düfte eingesetzt, um bei Demenzkranken positive Erinnerungen zu wecken. Manche führt der Duft eines Lederhandschuhs direkt zurück in das Baseball- Stadion der New York Yankees.
MAX MUSTERMENSCH

Entwickelt hat das Altenheim die Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem New Yorker Institute for International Flavors and Fragrances (IFF), deren Mitarbeiterin Carol Brys die Anekdote von Joan Jackson erzählt. Die Idee ist einfach und schön: Wer nicht mehr rüstig genug ist, um ins Yankee-Stadion zu gehen, kann trotzdem einen Trip dorthin unternehmen, den richtigen Düften sei dank.

Geht es um Duft, so denken die meisten gleich an Parfüms. Kein Wunder, die Bandbreite der Düfte, die die Persönlichkeit unterstreichen sollen, oder der Interieurdüfte, die dafür sorgen sollen, dass das Wohnzimmer in der norddeutschen Tiefebene riecht wie der Markt auf dem letzten Marokko-Trip, ist riesig. Im Marketing und in der Forschung aber finden ganz andere Innovationen und Überlegungen statt: Menschliches Verhalten soll mit Dufteinsatz gezielt gesteuert werden, und mit Hilfe von Düften soll, so hoffen zumindest einige, vielleicht sogar Krebs behandelt werden können. Intensiv wird probiert, untersucht, ausgewertet.

„Scents of the Game“ beispielsweise macht sich Forschungsergebnisse der Sinnestherapie zunutze. Hier werden Düfte gezielt eingesetzt, um bei Patientengruppen mit neurogenerativen Erkrankungen angenehme kollektive Erinnerungen zu wecken.

Ein Karussell mit Pipetten

Für das New Yorker Institute for International Flavors and Fragrances ist die Umsetzung der Ausstellung nur eine von vielen Möglichkeiten, mit dem Thema Duft umzugehen. Matthias Tabert, Senior Strategy Manager des Instituts: „Was man riecht, kann sofort Erinnerungen auslösen und wie eine Art Zeitreise funktionieren, die einen in den Moment zurückversetzt, in dem man den Duft ursprünglich gerochen hat.“ Am IFF werden jedes Jahr rund 46 000 neue Produkte entwickelt, darunter neue Duftstoffe, Parfüms, kosmetische Wirkstoffe, Milchprodukte, Getränke sowie süße und herzhafte Aromen.

Den Parfümeur Frédéric Malle, der ebenfalls am IFF arbeitet, interessiert das nur am Rande. Er sitzt auf einem Hocker in einem Großraumlabor, das durch deckenhohe Regale aus Holz in viele kleine Abteile getrennt wird. In jedem stehen Angestellte in weißen Kitteln, hantieren mit braunen Glasflaschen unterschiedlicher Größe, messen, mischen, manipulieren mit alchemistischem Geschick. Malle sticht heraus, weil er keinen Kittel trägt, sondern einen Maßanzug. Seiner ist aus grünem italienischem Tweed, dazu trägt er ein hellblaues Hemd mit einem vom Tragen sympathisch angewetzten Kragen, seinen braunen Lederschuhen sieht man die Maßarbeit an.

Der Parfümeur Frédéric Malle lernte kulturellen Feinsinn schon in seiner Kindheit. Seine Mutter entwickelte Parfüms für Dior, sein Onkel war der Filmregisseur Louis Malle. Außerdem ist er Synästhet und sieht Düfte als Farben.

Malle gilt als einer der besten Parfümeure der Branche, eigentlich ist er ein Verleger von Parfüms. Deswegen heißt seine Firma treffend Éditions de Parfums Frédéric Malle. Seine Düfte stechen hervor, weil sie Qualitätsprodukte sind statt beliebige Massenware.

Er gründete sein Unternehmen im Jahr 2000, als Celebritydüfte en vogue waren. „Jeder konnte sich ein Stückchen J Lo kaufen“, sagt er, „und wenn ein Celebrityduft Erfolg hatte, wurden die Parfümeure angehalten, ihn so minimal umzubauen, dass man das Erfolgsrezept zum zweiten Mal in bares Geld verwandeln konnte.“ Seine Parfümeure hingegen haben alle Freiheit der Welt. Sie heißen Dominique Ropion, Maurice Roucle, Jean-Claude Ellena, Edouard Fléchier und Pierre Bordon und entwerfen Düfte ohne zeitliche und finanzielle Auflagen. So wie Autoren als Urheber eines Buchs gekennzeichnet werden, stehen ihre Namen auf den Parfüms, die sie entwerfen. Je nach Parfüm kosten ihre Düfte zwischen 150 und 270 Euro, eine Ausnahme ist „The Night“ von Dominique Ropion, der wegen seines hohen Anteils an dem teuren Duftstoff Oudh über tausend Euro kostet.

Für Malle sind Parfümeure Handwerker und Künstler zugleich, Parfüms sind Luxusgüter und ein Spiegel der Persönlichkeit. Damit steht er in der Tradition seiner Vorgänger im 19. Jahrhundert: „Richtig viel geändert hat sich seither nicht.“

Damals wie heute besteht Parfüm meist aus Alkohol, destilliertem Wasser und Riechstoffen. Es wird pur getragen oder mit einem Vaporisateur vernebelt. Auch die Struktur ist gleich geblieben. „Heute entdecken wir nur noch neue Riechstoffe – neue Farben im Regenbogen“, so Malle, „und klinken sie in die existierende Struktur ein wie ein Plug-in.“

Der Duft „Carnal Flower“ stammt von Dominique Ropion

Wirklich innovativ sind für Malle allein die synthetischen Düfte, aber deren Entwicklung steht unter kritischer Beobachtung. In den siebziger Jahren fand man beispielsweise ein synthetisches Moschus, genannt White Musk. Es war – wie viele dieser neuen synthetischen Duftstoffe – reiner, roch besser, war verträglicher und kostengünstiger in der Gewinnung als der Naturstoff. Kurz darauf begann aber die systematische Regulierung der Forschung.

Immer häufiger mussten synthetische Riechstoffe auf ihre Verträglichkeit getestet werden. Und es entwickelte sich eine Marktlogik, nach der nur Stoffe getestet wurden, die in Tests mit Verbrauchergruppen Aussicht auf ökonomischen Erfolg hatten. Seit 2018 hat die Lage sich noch einmal verschärft. Mit REACH wurde in Europa ein Programm entwickelt, das nur Duftstoffe zulässt, die auf ihre Umwelt- und Hautverträglichkeit getestet sind. Sie müssen biologisch abbaubar und frei von Allergierisiken sein. Das mag die Innovation bremsen, ist aber sinnvoll, denn die Nachfrage nach Düften steigt und hat aktuell ein Marktvolumen von weltweit mehr als 42 Milliarden US-Dollar. Für die Produktion der Rohstoffe müssen Urwälder gerodet und Ackerflächen in Plantagen verwandelt werden.

Frédéric Malle blickt zuversichtlich in die Zukunft seiner Branche: „Wir sind eine unsichtbare Kunst, die keine Trends setzt, sondern ihnen folgt“, sagt er. Anderswo sieht man das allerdings ganz anders.

DEUTSCHLAND, BERLIN, EIN CAFÉ IN KREUZBERG

Der Parfümeur Geza Schön in seinem Labor, das er „Stinkhöhle“ nennt. Er entwickelte für den Verleger Gerhard Steidl bereits den Duft eines druckfrischen Buchs, für die Zeitschrift „mare“ den Duft des Meeres.

Der Parfümeur Geza Schön riecht prüfend an seinem Spargelrisotto und sinniert über seine Zunft: „Ich glaube nicht, dass noch mal etwas lanciert wird, das sich deutlich unterscheidet, einen eigenen Charakter hat. Die wirklich originellen Parfüms sind wahrscheinlich schon alle gemacht.“ Schön selbst hat unlängst einen Duft für die Telekom entwickelt. Er soll ein Pendant zur grellen Firmenfarbe Magenta sein und die Kunden dazu bringen, länger in den Telekomfilialen zu verweilen. Schön verwendet rosa Pfeffer, die Zitrusfrucht Bergamotte und den synthetischen Duftstoff Iso E Super. „Extrem sexy“ findet Robert Müller-Grünow vom Kölner Unternehmen Scentcommunication den Duft, an dessen Entwicklung er beteiligt war.

Ein Duft als mögliches Marketinginstrument, das ist aktuell für viele Firmen ein Thema, über das sie nachdenken. Vor allem wenn der Duft seine Funktion erfüllt. Laut Scentcommunication hielten sich Kunden in einer Pilotphase länger in den Läden auf, in denen der Duft zum Einsatz gekommen war. In Mazedonien, Österreich und Albanien wird er inzwischen bereits eingesetzt, die deutschen Filialen hingegen sind noch olfaktorisches Niemandsland.


Die Telekom arbeitet in ihren Filialen mit einem Duft, der die Kunden dazu bewegen soll, länger zu verweilen. Angeblich mit Erfolg. Genauer jedoch lässt sich menschliches Verhalten mit Hilfe von Düften noch nicht steuern.
MAX MUSTERMENSCH

Dass Geza Schön sich an einem so kommerziellen Auftrag beteiligt, ist fast erstaunlich. Ihn interessieren eher freigeistigere Projekte. Sein Handwerk als Parfümeur lernte er in Holzminden bei Haarmann und Reimer, das inzwischen zum globalen Geruchsstoffunternehmen Symrise gewachsen ist. Er machte sich selbständig und verwarf für seinen ersten Duft „Molecule 01“ den Bauplan, nach dem „in den siebziger und achtziger Jahren alles gestrickt war“. Statt einer Kopfnote, die sich als Erstes entfaltet, um dann von einer Herznote abgelöst zu werden, die ebenfalls verfliegt und nur eine lang haftende Basisnote hinterlässt, setzt Geza Schön auf einen einzigen Duftstoff: das synthetische Iso E Super. So radikal minimalistisch hatte vor ihm keiner gearbeitet, von diesem Ruf zehrt er bis heute.

Genau wie von der Geschichte, die sich um sein erstes Parfüm rankt, woran er nicht ganz unschuldig ist: „Ich erklärte immer, dass dieser Duft fast pheromonisch wirke“, sagt er. „Wer das ,Molecule 01‘ trug, dem liefen die Leute plötzlich hinterher.“ Ein Duft, der nicht nur angenehm holzig riecht, sondern dem Träger eine unwiderstehliche Anziehungskraft schenkt? Nach damaligem Stand der Wissenschaft war dieses Narrativ ein Märchen. Es gab schlicht keine Düfte, die menschliche Pheromonrezeptoren aktivierten. Aber die Story war gut, Geza Schön selber trug sie mit großer Leidenschaft vor, die Medien nahmen sie dankbar auf. Als schließlich das Model Kate Moss und der Fußballstar Lionel Messie bei Schön zu kaufen begannen, bestellten internationale Parfümerien und Kaufhäuser wie Barney’s und Harvey Nichols den Duft gleich literweise.

Heute frohlockt Geza Schön: „Wie es aussieht, aktiviert das Iso E Super zusammen mit ein paar anderen Stoffen tatsächlich einen der verbliebenen fünf menschlichen Pheromonrezeptoren.“ Herausgefunden hat das ein guter Bekannter von ihm, Hanns Hatt, ein Duftforscher, der an der Ruhr-Uni in Bochum arbeitet. „Er hat angefangen, Duftstoffe in menschliche Zellen zu injizieren, um zu sehen, welche Wirkung sie dort entfalten“, sagt Schön. Und dabei habe der Wissenschaftler bestätigt, was er über die Wirkung des Iso E Super schon immer vermutet hat.

Können also Parfüms Verhaltensänderungen bewirken? Ganz so einfach ist es nicht. Hanns Hatt wies die pheromonische Wirkung des sogenannten Methyldihydrojasmonat, kurz Hedion, nach. Dies aktiviert den Pheromonrezeptor beim Menschen und verstärkt sogenannte reziproke Verhaltensweisen. Will heißen: Herrscht eine vertrauensvolle, gute Stimmung, so wird dies durch das Hedion verstärkt. Gleiches gilt jedoch auch für eine aggressive oder feindselige Stimmung. Schade auch. Friedensverhandlungen auf höchster politischer Ebene, die plötzlich gelingen dank Beduftung mit Hedion, bleiben also bis auf weiteres unrealistisch.

Ein Flakon aus der Reihe „Escentric Molecules“ von Geza Schön

Doch die Forschung von Hanns Hatt geht noch weiter. Er hat herausgefunden, dass nicht nur die menschliche Nase, sondern auch zahlreiche andere Organe wie Leber, Niere und Haut über Duftrezeptoren verfügen. Das eröffnet neue Perspektiven in der Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen.

Für Blut-, Leber-, Lungen- und Prostatakrebs, so behauptet Hatt, kann das Wachstum der Krebszellen verlangsamt oder zum Stillstand gebracht werden, wenn man die Zellen mit genau dem Duft stimuliert, für den sie Rezeptoren haben. Darmkrebszellen beispielsweise, sagt der Forscher, würden auf einen Duftstoff ansprechen, der an Liguster erinnert, gesunde Prostatazellen wiesen wenige Rezeptoren für Veilchenduft auf, Prostatakrebszellen hingegen seien geradezu überhäuft mit diesen Veilchenduftrezeptoren. Noch steckt die Forschung allerdings in den Anfängen und beruht allein auf Versuchen in der Petrischale. Der therapeutische Einsatz von Duftstoffen zur Krebstherapie ist noch nicht möglich, schlicht, weil nicht klar ist, auf welchem Weg die Duftstoffe direkt an die Krebszellen geschleust werden sollen. Sie einfach in den Blutkreislauf zu injizieren ist keine Option, „die Nebenwirkungen wären schwer abzuschätzen“, so Hanns Hatt.

Dass Duft eventuell einmal als mögliches therapeutisches Mittel der Diagnose und Therapie in der Krebsforschung entdeckt werden könnte und schon als wirkungsvolles Mittel im Marketing eingesetzt wird, lässt seine Anwendung als Parfüm tatsächlich ein wenig banal aussehen. Im 17. Jahrhundert hatten die schweren Parfüms der damaligen Zeit wenigstens noch einen sehr praktischen Sinn: Sie überdeckten die unangenehmen Körpergerüche einer Gesellschaft, die sich nicht wusch. Aber mit der Aufklärung kam die Hygiene, das Parfüm wandelte sich zum Luxusprodukt. Ist es heute nicht mehr als eine schnöde Ware?

STOCKHOLM, SÖDERMALM, STUDIO BYREDO

An der Warenförmigkeit von Parfüms stört sich Ben Gorham, der Gründer der Parfümmarke Byredo, nicht. Ihn interessiert besonders die subjektive Wirkung von Düften. Gorham ist ein Scheidungskind, sein Vater verließ die Familie früh, was Ben Gorham von ihm blieb, waren Erinnerungen, oft solche, die spontan durch einen Duft aus frühen Kindheitstagen geweckt wurden.

Ben Gorham machte das Ende der Welt durch eine Flut zum Ausgangspunkt für sein neues Parfum „11th Hour“. Die Zutaten, wie Szechuanpfeffer, stammen vom höchsten Punkt der Erde, dem Himalaja-Gebierge.

So wie der ledrige Duft des Baseball-Handschuhs die Bewohner des Hebrew Home at Riverdale in New York zurück in ihre Kindheit und schöne Momente im Stadion der New York Yankees versetzt, war für Gorham ein bestimmter Duft der direkte Weg zurück zu seinem Vater: „Mit ihm assoziiere ich vor allen Dingen den Duft von grünen Bohnen“, sagt Ben Gorham, „und einen Ort in Paris in den siebziger Jahren, an dem ich viel Zeit mit ihm verbrachte.“

Er wollte unbedingt diese Erinnerung in einen spezifischen Duft verwandeln. Da ihm das Fachwissen fehlte, bat er den befreundeten Parfümeur Jérôme Epinette, ihm zu helfen. Dem reichten die Angabe eines Ortes, einer Zeit und der Beschreibung des Dufts von grünen Bohnen gepaart mit dem Geruch von warmer Haut und Seife, um den Duft „Green“ zu entwickeln, der Gorhams Vorstellungen olfaktorisch auf den Punkt brachte. Auch seine Freunde begeisterten sich für die Kreation. Nur seine Assoziationen mit dem Vater teilten sie nicht. „Einer fühlte sich an Mexiko erinnert, eine andere an einen verflossenen Freund“, sagt Gorham.

Genau aus dieser subjektiven Wirkungsmacht entwickelte Ben Gorham ein Geschäftsmodell, nannte es Byredo – in Anlehnung an den englischen Begriff „redolence“, der so viel bedeutet wie „süß riechendes Parfüm“ – und gründete eine der heute erfolgreichsten Parfümnischenmarken. Erfolgreich ist Byredo, weil Gorham mit vielen Traditionen der Branche bricht. Ähnlich wie Geza Schön interessiert er sich nicht für Kompositionen, die aus einer Vielzahl von Duftnoten bestehen und auf den Dreiklang von Kopf-, Herz- und Basisnote setzen.

Es gibt zum Beispiel einen Duft namens „M/ Mink“, der an die Tinte japanischer Kalligrafen erinnert. Seine Hauptkomponente ist ein synthetischer Duftstoff namens Adoxal. Wer den Duft schnuppert, fühlt sich sofort in eine altmodische Schreibstube versetzt, sehr authentisch und laut Gorham: „Der Duft, den wir am schlechtesten verkaufen.“ Nicht alle Düfte, die Gorham in Auftrag gibt, sind so radikal. „Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass Tragbarkeit keine Rolle spielt.“

Besonders der jungen Generation zwischen 16 und 24 Jahren gefällt, was Gorham macht. Sie grenzt sich mit ihren Düften auch von denen ihrer Eltern ab. Die wuchsen mit Klassikern wie „Chanel Nr. 5“ oder sogenannten Signature Scents wie „Poison“ (Siebziger) oder „Eternity“ von Calvin Klein (Achtziger) auf, die dem Träger ein olfaktorisches Siegel verliehen. Oder sie wurden mit den Celebritydüften sozialisiert, die Frédéric Malle so grässlich findet.

Der jungen Generation aber gefallen die Düfte von Byredo, die offen sind für eine eigene Interpretation, die eigene Persönlichkeit. Oder der Duft, den die New Yorker Unternehmerin Emily Weiss jüngst lanciert hat. „Glossier You“ heißt er und soll die Persönlichkeit seiner Trägerin unterstreichen, indem er ihren Eigenduft verstärkt. Für Emily Weiss ist dieser Duft eine logische Weiterentwicklung ihres Beauty-Blogs „Into the Gloss“, mit dem sie täglich Hunderttausende von Millennials erreicht. Unrealistische Schönheitsideale gibt es nicht, das Motto lautet: Sei du selbst, das ist schön genug.

Reduzierte Formsprache: Die Flakons von Byredo sehen alle gleich aus

Genau so funktioniert auch „Glossier You“, der Duft, den Emily Weiss mit Dora Baghriche und dem deutschen Parfümeur Frank Voelkl entwickelt hat. „Wir wollten etwas, das sich mit dem körpereigenen Duft verbindet, so dass jeder seinen eigenen Duft entwickelt und nicht den eines anderen trägt.“

Ist das die ultimative Banalisierung der Parfümeurskunst, wenn ein Duft nur noch den seines Trägers verstärkt? Oder das passende olfaktorische Accessoire für die Generation Selfie? Ben Gorham von Byredo zollt dem Duft von Emily Weiss Respekt, träumt aber von etwas anderem: „Mich würde eine Technologie interessieren, die es uns erlaubt, Düfte an Ort und Stelle einzufangen und zu konservieren.“ Urlaubsdüfte statt Urlaubsfotos. Im Hebrew Home at Riverdale in New York ist man schon fast so weit.


Nächstes Kapitel:

Die Wissenschaft des Riechens


Die Wissenschaft des Riechens

Auf der Suche nach dem Angstpheromon und dem Duft des Erfolgs

Text: SONJA KASTILAN
Fotos: CHAD PITMAN

Marie-Antoinette war Frankreichs stilbewusste Königin – Jean-Louis Fargeon ihr Parfümeur. Als sie ihn beauftragte, das Lebensgefühl auf Petit Trianon abseits des großen Hofstaates einzufangen, ließ er sich von Glucks Musik inspirieren und kombinierte hell mit dunkel. Zur Rose Absolue kamen die ätherischen Auszüge von Lavendel, Bergamotte, Zitrone und Orangenblüte, außerdem Iris, Vanille, Amber, Moschus, Sandelholz und Zeder. Neben ein paar weiteren Details durften natürlich die drei weißen Königinnen der Nacht – Lilie, Tuberose und Jasmin – nicht im Bouquet fehlen.

Ohne Jasmin ist auch die moderne Parfümerie kaum denkbar. Um weiß-blumige Nuancen zu erzeugen, würde man heute allerdings zu Terpenalkoholen wie Linalool, Nerolidol und Farnesol greifen und sie mit aromatischen Alkoholen, Estern, Säuren und Salicylaten mischen. Anstelle eines teuren Blütenöls könnte etwas Methyljasmonat oder Jasmon den Eindruck von Jasmin erwecken. Naturextrakte sind kostbar, deshalb wird versucht, ein olfaktorisches Leitmotiv mit möglichst wenigen Substanzen künstlich hervorzurufen. Mal genügt nur eine einzige Komponente, mal entscheiden die Konzentrationen von acht oder mehr Molekülen, ob wir an Rose, Maiglöckchen, Hyazinthe oder eher Flieder denken. Oder an was auch immer. Der Mensch kann trotz seiner evolutionären Verluste rund zehntausend Gerüche unterscheiden.

Den Fotografen Chad Pitman inspirierte die Grundform von Nase und Nasenlöchern

Es sei wie mit einem Bergmassiv, das Matterhorn erkenne praktisch jeder. „Sind es jedoch weniger charakteristische Duftstoffe, braucht man eine ausgewählte Mischung, also entsprechend mehr Gipfel einer Region, um sich ein Bild zu machen“, sagt Hanns Hatt, der die Abteilung für Zellphysiologie an der Ruhr-Universität in Bochum leitet. Und diese Muster müsse man sich einprägen, um einen Geruch wiederzuerkennen. „Das beginnt schon vor der Geburt, und dann müssen wir üben, üben, üben.“ Zwar gebe es in diesem Gebiet ebenfalls gewisse Talente, aber selbst ein Parfümeur müsse seine feine Nase stets trainieren. Hatt spricht von einem Duftalphabet, das aus mehr als 350 Lettern bestehe, für die unterschiedliche Rezeptoren zuständig seien. Viele der Duftwörter seien sehr lang und kompliziert, deshalb müsse man Kombinationen regelrecht wie Vokabeln auswendig lernen.

Damit Menschen die Düfte oder Aromen beim Atmen und Essen überhaupt wahrnehmen, müssen einige anatomische, physiologische und genetische Bedingungen erfüllt sein. Eine schiefe Nasenscheidewand, geschwollene Schleimhäute oder Polypen verändern unter Umständen den Luftstrom so, dass die flüchtigen Botschaften gar nicht erst in der Riechspalte im oberen Nasenbereich ankommen, oder nur in reduzierter Form. Doch dort erwarten an die 20 bis 30 Millionen Riechzellen mit ihren jeweils spezifischen Rezeptortypen auf der Oberfläche diese Duftsignale. Wenn nun eine passende Komponente andockt, reagieren die Empfangsmoleküle nach dem Schlüssel- Schloss-Prinzip. „Daraufhin wird eine biochemische Verstärkungsmaschinerie angeworfen, und die Zelle produziert einen kleinen, messbaren Strompuls“, erklärt Hatt. Wichtige Grundlagen zur Genetik und Neurobiologie des Geruchsinnes hatten Linda Buck und Richard Axel Anfang der neunziger Jahre aufgedeckt, 2004 erhielten die beiden Forscher dafür den Nobelpreis.


Geruchssensoren hat der Mensch nicht nur in der Nase, sondern auch an anderen Körperstellen, beispielsweise in den Haarwurzeln. Dort werden sie genutzt, um chemische Stoffe zu erkennen.
MAX MUSTERMENSCH

Jede Riechzelle mündet in einen dünnen Nervenfortsatz, der den Reiz von der Nase durch das Siebbein an den dahinterliegenden Riechkolben weiterleitet. Von dort gelangen die Botschaften aus dem Duftalphabet in übergeordnete Hirnstrukturen, die ein spezifisches Reizmuster als Geruch wahrnehmen und im Gedächtnis verankern. Alle Menschen besitzen die gleiche Grundausstattung, es bestehen jedoch individuelle Unterschiede. So variieren die Rezeptoren, denn diese Sensorproteine können je nach Genvariante in ihrer Struktur voneinander abweichen. Entsprechend unterschiedlich ist ihre Empfindlichkeit und somit der Geruchssinn ausgeprägt. Zudem lässt die Fähigkeit, etwas zu riechen und zu schmecken, im Alter nach.

Schwellenwert und Dampfdruck einer Substanz sind die entscheidenden Parameter der Duftstoffchemie bei der Mischung eines neuen Parfüms, das mit Kopf-, Herz- und Basisnote überzeugen soll. Dabei kennt man erst zehn Prozent, vielleicht zwanzig, unserer Geruchssensoren genauer. Und ihre Verbreitung beschränkt sich nicht nur auf die Nase. Hanns Hatt und seine Kollegen wurden schon an ganz anderen Stellen im Körper fündig, sogar in den Haarwurzeln. „Die Rezeptoren werden von den Zellen genutzt, um chemische Stoffe zu detektieren. Im Labor untersuchen wir, was passiert, wenn wir Düfte aus unserer umfangreichen Sammlung an Probanden aus einer Klinik testen.“ Die Reaktion darauf kann ein Strompuls oder Bewegung sein; mal werden Substanzen freigesetzt, mal das Wachstum beschleunigt. Inhaltsstoffe aus Gewürzen fördern die Verdauung, andere Moleküle lassen das Herz schneller schlagen. Ein synthetischer Sandelholzduft kann zum Beispiel die Wundheilung beschleunigen, diesen Effekt macht man sich bereits mit Cremes zunutze. Da im Körper eine Reihe solcher Rezeptoren vorkommen und sogar speziell Krebsgewebe kennzeichnen, würde Hatt das Wissen gerne pharmakologisch nutzen: „Dafür müssten wir jedoch die geeigneten Duftstoffe kennen.“ Und das ist nicht immer der Fall.

Aus dieser Gardenienblüte lässt sich ein Duftstoff gewinnen, der ähnlich betäubend wie Valium wirkt.

Wer nun hofft, Menschen über Düfte gezielt manipulieren zu können, muss berücksichtigen, dass diese auf verschiedene Weise wirken. „Diese Wirkung ist meist subjektiv und anerzogen“, erklärt Hatt. Was der Masse gefällt, finden einige Personen vielleicht höchst unangenehm. Trotzdem schufen die Bochumer Zellphysiologen mit „Knowledge by RUB“ einen Duft des Wissens, der auf ihrer Riechforschung beruht und sowohl Konzentration und Gelassenheit als auch die Kommunikation fördern soll.

Derart deutliche Effekte konnten die Forscher in ihren Versuchsreihen feststellen, wenn Substanzen von der Atemluft ins Blut übergehen und über Botenstoffe etwa das biochemische Geschehen im Gehirn beeinflussen. Dabei wirken laut Hatt einige Düfte ähnlich beruhigend wie Valium oder Narkosemittel, darunter ein Stoff aus dem Bouquet der Gardenia jasminoides. Dass damit ein Jasminduft die Sinne geradezu betäubt, ist eine Überraschung. Interessant ist auch, was der synthetisch hergestellte Parfümstoff Hedion bewirken kann, dem wohl nicht nur „Eau Sauvage“ von Dior und „Chanel No. 19“ ihren Erfolg verdanken. Geruchssensoren hat der Mensch nicht nur in der Nase, sondern auch an anderen Körperstellen, beispielsweise in den Haarwurzeln. Dort werden sie genutzt, um chemische Stoffe zu erkennen.

Hedion, das Chemiker als Methyldihydrojasmonat beschreiben, entwickelt einen zarten Geruch von Magnolien und Jasmin. Und es ist bisher die einzige Substanz, von der man weiß, dass sie einen Pheromonrezeptor in der Riechschleimhaut des Menschen stimuliert. Während Mäuse rund 300 solcher Sensoren für ihre biochemische Kommunikation nutzen, scheinen beim Menschen lediglich fünf funktionstüchtig zu sein. Ob und wie sie unser Verhalten beeinflussen, ist unklar, auch warum Hedion daran bindet. Immerhin besitzt man mit diesem Jasminduft einen nachgemachten Schlüssel, ohne das Original zu kennen, das es ja eigentlich geben müsste. Ebenso wie das noch unbekannte Angstpheromon und dessen Rezeptor: „Wir wissen nur, dass Angstschweiß immer die gleiche, reproduzierbare Wirkung auslöst“, sagt Hatt. Diese wichtige Eigenschaft eines Pheromons erfüllt Hedion offenbar, und es regt Areale im limbischen System sowie im Hypothalamus an, die Gedächtnis, Emotionen und Vertrauensbildung beeinflussen. Auf Frauen wirkt dieses Jasmonat übrigens stärker als auf Männer, manche nennen es den Duft des Erfolgs.

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Quelle: F.A.Z. Quarterly

Veröffentlicht: 23.08.2018 13:13 Uhr