https://www.faz.net/-hrx-9xzdp

Deutsche in Argentinien : „Jeden Tag stranden mehr Leute in unserem Hotel“

Jeden Tag derselbe Blick: Hotel in Buenos Aires Bild: Thomas Keydel

Die Auskünfte der Deutschen Botschaft sind widersprüchlich, die Situation ist wegen des Coronavirus chaotisch: Der Fotograf Thomas Keydel ist in Argentinien gestrandet. Nun hilft eine französische Fluggesellschaft.

          2 Min.

          Das Auswärtige Amt hat inzwischen gemeinsam mit Reiseveranstaltern mehr als 150.000 im Ausland gestrandete deutsche Urlauber zurückgebracht, wie ein Sprecher sagt. Zum Zeitpunkt der weltweiten Reisewarnung seien etwa 200.000 Deutsche im Ausland gewesen. Die Rückholungen gingen weiter. Das Augenmerk richte sich nun auf die schwierigeren Fälle, wo das Ausfliegen nicht so leicht möglich sei. Argentinien ist offenbar so ein Flall. Dorthin ist der Fotograf Thomas Keydel mit seiner Freundin gereist – und berichtet über die Situation vor Ort.

          Martin Franke

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Herr Keydel, Sie und Ihre Freundin sind in Südamerika gestrandet. Wo sind Sie gerade?

          Wir sind seit dem 23. März in Buenos Aires, wir haben aber schon acht Tage in Ushuaia, ganz im Süden des Landes, festgesessen.

          Wie ist Ihre Situation in Argentinien?

          Am 14. März, meinem Geburtstag, kam die Meldung, dass der Flugverkehr zwischen dem 17. und 31.3. eingestellt wird und wir in Argentinien festsitzen. Unser Flug nach Deutschland wurde storniert. Während ein Teil von mir jubelte, brach über den anderen die Realität herein: Innerhalb der nächsten zwei Tage wurden alle Nationalparks geschlossen, jegliche touristische Dienstleistungen verboten und in Feuerland die erste Ausgangssperre verhängt. Dass wir noch über eine Woche in unserem Mietapartment bleiben durften, haben wir dem deutschen Konsul in Ushuaia zu verdanken. In Argentinien gilt Ausgangssperre, die hier von der Polizei in den Straßen kontrolliert wird. Die einzige Ausnahme sind Lebensmitteleinkäufe oder Arztbesuche. An vielen großen Supermärkten wurden Polizisten stationiert, sie kontrollieren die Ausweise oder Pässe. Ein Flugticket zu bekommen ist fast unmöglich, Reiseveranstalter und Büros wie die von Latam oder Aerolíneas Argentinas haben geschlossen. Sie sind laut Website weiterhin telefonisch zu erreichen. In Wirklichkeit wird aber direkt aufgelegt, oder es gibt endlose Warteschleifen. Wir haben zwei Flüge online gebucht, die jedoch direkt gecancelt wurden. Wir können uns neue Buchungen nicht mehr leisten; unser Budget ist erschöpft.

          Wie ist das Krisenmanagement der Deutschen Botschaft vor Ort?

          Die Deutsche Botschaft hat eine Hotline eingerichtet, die uns in dieser Situation helfen soll. Die Aussagen am Telefon sind oft widersprüchlich, weil sich die Situation ständig ändert, Argentinien Flüge zulässt, Flughäfen schließt – oder andere südamerikanische Länder ihre Grenzen schließen. Kurzum, die Situation ist chaotisch. Es gibt eine Website, auf der sich deutsche Reisende eintragen können, um einen von der Lufthansa durchgeführten Flug zu bekommen. Die Plätze sind, wie auch die Flüge, limitiert. Es gab bisher ein Flugzeug beziehungsweise eine Rückholaktion aus Argentinien am 23. März. Laut Auswärtigem Amt halten sich noch 909 Deutsche in Argentinien auf. Es können aber auch mit dem zweiten Flug nicht alle Personen ausgeflogen werden. Es gibt bisher keine Informationen darüber, wann und ob ein dritter Flug stattfinden wird.

          F.A.Z.-Newsletter „Coronavirus“

          Die ganze Welt spricht über das Coronavirus. Alle Nachrichten und Analysen über die Ausbreitung und Bekämpfung der Pandemie täglich in Ihrem E-Mail-Postfach.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Sie sind freischaffender Fotograf und wollten in Argentinien arbeiten. Wie sehr wird die aktuelle Situation nun zu einer finanziellen Belastung?

          Ich bin in Argentinien, um an einer Langzeitgeschichte über Desertifikation zu fotografieren. Mit dem weltweiten Ausbruch des Coronavirus ist an ein Weiterarbeiten nicht zu denken. Ich denke, dass es für alle, die in Argentinien feststecken, eine hohe finanzielle Belastung darstellt. Nicht nur wochenlang in einem Hotel festzusitzen, sondern auch die laufenden Kosten zu Hause zu tragen. Das Auswärtige Amt hilft in diesem Fall nicht. Auf Anfrage, ob ich ein Hotelzimmer oder finanzielle Unterstützung haben könnte, gab es ein klares Nein. Ich hätte ja sicherlich Freunde oder Familie, die mir Geld überweisen könnten, hieß es immer.

          Gibt es eine Perspektive, wann Sie nach Hause fliegen können?

          Jeden Tag stranden mehr und mehr Leute in unserem Hotel, es sind Franzosen, Deutsche, Schweizer und Engländer. Wir alle haben auf eine Lösung gehofft – bis heute Morgen, als zwei französische Gäste plötzlich vor unserer Tür standen, uns weckten und gesagt haben, dass es noch freie Plätze im Flug nach Paris gebe. Wir haben dann schnell die Flüge gebucht, wie auch fast alle anderen Gäste.

          Weitere Themen

          Und das soll Urlaub sein?

          Sommerferien im Ausland : Und das soll Urlaub sein?

          Masken auf im Flugzeug und im Transferbus, kein Buffet – und Abstand halten am Pool: Sommerreisen werden mit Beschränkungen verbunden sein. Die Tourismusbranche sieht aber auch Vorzüge: Mallorca ohne Warteschlangen zum Beispiel.

          Topmeldungen

          Einer lernt noch schreiben, einer kann es schon.

          Corona und Gleichstellung : Wir erleben keinen Rückschritt

          Allerorten wird erzählt, durch Corona fielen die Geschlechter zurück in die fünfziger Jahre. Viele Familien erleben das gerade ganz anders. Die Erzählung vom Rückfall ist nicht nur für sie die falsche Geschichte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.