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Interview mit Psychologin : „Schaffen Sie sich Strukturen im Homeoffice“

So sieht Homeoffice aus, wenn gleichzeitig Schulen und Kitas geschlossen haben. Das Foto hat uns ein Leser zugesendet. Bild: Stefan Süßle

Wie kann man konzentriert von zu Hause aus arbeiten? Wie hält man Kontakt zu den Kollegen? Und sollte man die Zeit jetzt nutzen, um aufgeschobene Projekte anzugehen? Ein Gespräch mit der Psychologin Julia Scharnhorst.

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          Frau Scharnhorst, wegen der Ausbreitung des Coronavirus arbeiten plötzlich sehr viele Menschen von zu Hause aus. Was bedeutet das für sie?

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Das hat natürlich Veränderungen sowohl fürs Arbeitsleben als auch im Privaten zur Folge. Denn das Arbeiten im Homeoffice bringt ganz andere Abläufe mit sich, angefangen beim Kontakt zu Kollegen und Vorgesetzten. Die­jenigen, die schon länger im Homeoffice gearbeitet haben, haben sich Routinen geschaffen, andere müssen das erst noch tun. Wenn jetzt ganz viele über eine längere Zeit ins  Homeoffice gehen, ist das natürlich eine riesige Heraus­forderung. Da muss man Kommunikationswege sorgfältig aufrechterhalten, sonst gehen Informationen verloren, oder man stellt nach Wochen fest, dass an einem Projekt in verschiedene Richtungen gearbeitet wurde.

          Manche Leute sind froh, jetzt endlich mal konzentriert arbeiten zu können, anderen ist es ein Graus, zu Hause zu arbeiten. Woran liegt das?

          Manche verfügen über ein großes Maß an Selbstdisziplin, können sich gut Ziele setzen, sich die Zeit einteilen. Andere wollen lieber klare Anweisungen, vorgegebene Strukturen. Für disziplinierte Menschen kann es sogar hilfreich sein, nicht von Kollegen unterbrochen zu werden, um was wegzuschaffen, kreativ zu sein. Kreativität hängt aber auch oft damit zusammen, sich gegenseitig zu neuen Ideen zu inspirieren, zu beflügeln. Das ist alleine zu Hause schwer, geht aber vielleicht auch über Telefonkonferenzen.

          Und was können die tun, denen es schwer fällt, von zu Hause zu arbeiten?

          Es fängt schon mit dem Anfangen an: Im Homeoffice schaut keiner so genau, wann wir loslegen. Manche finden deshalb den Anfang nicht, kommen schwer aus dem Bett, nicht in Schwung. Da hilft es, sich Strukturen zu schaffen, die denen im Büro ähnlich sind: einen Wecker stellen, den üblichen Arbeitsbeginn nicht zu weit nach hinten verschieben, nicht im Schlafanzug auf der Couch mit dem Laptop herumlümmeln. Sondern sich von Kleidung und Arbeitsplatz her eine passende Atmosphäre schaffen. Das signalisiert dem Gehirn: Jetzt ist Arbeit dran. Und es hilft auch gegenüber den anderen im Haushalt, zum Beispiel den Kindern, um zu zeigen: Jetzt arbeitet Mama.

          Julia Scharnhorst, 59, ist Psychologin und berät Unternehmen zur psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz.

          Wie sieht der Homeoffice-Arbeitsplatz bestenfalls aus?

          Bestenfalls ist es ein Raum, in dem man wirklich die Tür zumachen kann. Wenn das gar nicht geht, reicht auch  eine ruhige Ecke. Im Schlafzimmer zu arbeiten ist eigentlich nicht gut, weil es den Schlaf beeinträchtigen kann, wenn man vom Bett aus auf den Arbeitsplatz schaut. Aber es macht eher Sinn, sich dort eine Arbeitsecke einzurichten und die abends vielleicht mit einem Tuch abzudecken, als zum Beispiel am Küchentisch zu arbeiten, wenn dann ständig Familienmitglieder oder Mitbewohner reinkommen, die zum Kühlschrank wollen.

          Studien zeigen, dass wir im Homeoffice eher dazu neigen, mehr zu arbeiten. Woran liegt das?

          Das hängt damit zusammen, wer normalerweise ins Homeoffice geht. Oft sind es die sehr Engagierten, Zuverlässigen, bei denen die Chefs Homeoffice genehmigen. Die neigen zu Selbstausbeutung. Aber wenn wir jetzt alle ins Homeoffice schicken, ist das vermutlich anders.

          Mal was kochen oder die Kinder ins Bett bringen und die Arbeitszeit hinten dranhängen: Birgt Homeoffice die Gefahr, dass Arbeit und Freizeit immer mehr verschwimmen?

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