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In der Warteschlange : „Geduld ist nicht unbedingt eine weit verbreitete Tugend“

In Hannover dürfen Kunden einen Drogeriemarkt erst nach Aufforderung betreten. Bild: dpa

Lange Schlangen vor und in Läden, besetzte Telefonhotlines, überlastete Labore: Die Corona-Krise verlangt uns einiges ab. Wie man trotz allem geduldig bleibt, erklärt ein Psychologe.

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          Herr Baklayan, ob in der Schlange im überfüllten Supermarkt oder in der Warteschleife beim ärztlichen Bereitschaftsdienst: Eine der größten Herausforderungen scheint die eigene Geduld zu sein. Wie können wir in solchen Momenten Ruhe bewahren?

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Zunächst mal sollte man sich also fragen: Ist es wirklich wichtig, dass das jetzt zehn oder 15 Minuten schneller geht? Ist es wirklich zentral, den Arzt sofort zu sprechen, wenn ich kein schweres Fieber habe, oder reicht das auch noch am Nachmittag? Sind meine Erwartungen überhaupt realistisch? Das verzwickte an unserer Psyche ist: Wir sehen alles nur durch unsere Augen, die Welt dreht sich immer um uns. Dem ist natürlich nicht so, und dadurch entstehen Fehlerwartungen. 40 Grad Fieber sind natürlich etwas anderes, da handelt es sich um einen Notfall, nicht um eine Geduldsfrage.

          Also muss ich mir am besten schon vor dem Einkaufen oder einem Anruf beim Arzt klarmachen, dass viele andere das gleiche Ziel haben.

          Genau. Nehmen wir das Beispiel Supermarktkasse: Es ist ja schon spannend, dass man in der aktuellen Situation überhaupt erwartet, dass der Einkauf schnell gehen wird. Diesen Grundirrtum könnte man durch ein realistische Erwartungsmanagement schon im Vorfeld antizipieren und sagen: Ich gehe einkaufen, und die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch, dass da viel los ist. Das gilt auch für Anrufe beim Arzt, Testergebnisse aus dem Labor oder für Eltern, die ihre Kinder daheim haben: Wenn ich erwarte, dass ich mit meinen Kindern jetzt 24 Stunden Qualitytime verbringe, dann wird meine Erwartung wahrscheinlich enttäuscht. Kindern wird schnell langweilig, einem selbst manchmal auch. Wenn ich mir sage, „ich darf mich langweilen, meine Kinder dürfen sich langweilen, und das ist in Ordnung“, dann kann ich mich besser entspannen.

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          Nun übertrifft die Realität ja dennoch oft unsere zurückhaltenden Erwartungen: Man rechnet mit mehr Andrang, aber dann ist der ganze Parkplatz voll. Oder der ärztliche Bereitschaftsdienst ist so überlastet, dass man nicht nur eine, sondern zwei Stunden in der Warteschleife hängt.

          Man kann sich zur Entspannung zum Beispiel gezielt die körperliche Verspannung vornehmen: den Nacken kreisen lassen, tief ausatmen und die Bauchdecke locker lassen. Und, ganz wichtig: den Perspektivwechsel vornehmen und Mitgefühl entwickeln. Auch für Ärzte und Politiker ist die Situation neu. Da passieren eben Fehler und es kommt zu Verzögerungen. Der Supermarktkassierer und die Ärztin sind sicherlich auch nicht glücklich über die Situation, und vor allem: Sie sind auch nur Menschen.

          Während manche schon längst die Nerven verloren haben, sind andere noch die Ruhe selbst. Woran liegt das?

          Geduld ist nicht unbedingt eine extrem weit verbreitete Tugend. Man muss sie lernen. Die Psyche fühlt sich sehr wohl, wenn sie Dinge vorhersehen, beeinflussen und erklären kann. Sozialpsychologisch ist das unter der Kontrolltheorie verbucht. Im Moment sind die Dinge sehr schwer vorherzusehen: Dauert das jetzt vier Wochen oder vier Monate? Wie wird sich mein Leben gestalten? Wir können erst einmal nur Regeln wie Händewaschen und Social Distancing befolgen und hoffen, dass das ausreicht. Die meisten von uns hängen sehr am Kontrollgefühl. Daraus entstehen dann Mechanismen wie Hamsterkäufe, die einem kurzfristig das Gefühl geben, die Situation zu beeinflussen. Die wenigen Menschen, die ein Grundvertrauen ins Leben haben und sagen, wir machen da das Beste draus, haben das gelernt. Zum Beispiel aus Krisen, die schon durchgestanden sind, oder durch Lernen am Modell, weil man gelassene Eltern oder andere Vorbilder hat.

          Die Nachrichtenlage überschlagt sich derzeit. Hilft Information, die Kontrolle zu behalten?

          Es ist unbedingt nötig, sich zu informieren. Aber wer stündlich die Fallzahlen auf der Seite des Robert-Koch-Instituts aktualisiert, tut sich keinen Gefallen. Man kommt in den Angsttunnel und wird emotional. Einige Kollegen und ich empfehlen: Informieren Sie sich zweimal am Tag bei einer hochwertigen Quelle. Nicht auf Facebook, wo schnell mal Falschmeldungen kursieren. Bleiben Sie bei sich. Es hilft auch, die Informationen mit dem Partner oder jemand anderem nach zu besprechen. Man sollte es aber auch irgendwann wieder gut sein lassen und nicht 20 Corona-Gespräche führen. Tatsache ist: Der Frühjahrsputz und die Steuererklärung stehen an.

          Aram Baklayan betreibt eine private psychologische Praxis in der Nähe von München. Traumatherapie, Burnout, Depressionen und Angststörungen gehören zu seinen Kernkompetenzen.

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