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Bürostühle : Gut sitzen ist Arbeit

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Wenn sich auch die Fesselung an den Computer nicht aufheben lasse, so solle sich wenigstens der Stuhl an den Menschen anpassen und nicht umgekehrt, beschreibt Glöckl seinen Anspruch. Allerdings mache auch sein Stuhl allenfalls ein „Angebot zur Bewegung“, das man annehmen müsse und das dann auch Arbeit bedeute. Mit Muskelkater sei zu rechnen, sagt Glöckl, der das als Warnung meint, aber auch als Beleg für sein Konzept verstehen möchte. Der Stuhl soll den Körper während des Sitzens in einer labilen Balance halten - wie beim Gehen. Auf eine Lehne könne man verzichten, so wie man ja auch beim Wandern keine brauche, so Glöckl.

„Bewegen müssen Sie sich selbst“

Das Konzept, auf Probleme in der Körperhaltung nicht mit weiteren Stützen zu reagieren, sondern den Körper selbst in die Pflicht zu nehmen und ihn sich ständig bewegen zu lassen, bedeutet allerdings enorme Zugeständnisse an die gewohnte Bequemlichkeit im Büro. Sitzen kann dann zum Sport werden, oder, wie bei jedem unbewussten Umgang mit Sitzmöbeln, zu Haltungsschäden führen. „Bewegen müssen Sie sich selbst“, sagt Glöckl. Bleibt man auf seinem „Swopper“ starr sitzen, folgen daraus die üblichen Probleme des Sitzens, nur dass der Körper auf diesem Sitz jegliche Haltung selbst abstützen muss, was entsprechend ungesünder ist als auf einem konventionellem Bürostuhl. Eine Variante mit Lehne verkauft das Unternehmen seit dem vergangenen Jahr, allerdings eher aus Marketinggründen, denn Stühle fürs Büro müssten zumindest optisch als solche erscheinen.

Das wichtigere Verkaufsargument sei allerdings die Einsicht in das Problem. Glöckl litt selbst unter Rückenschmerzen, ehe er sich mit seiner Frau, einer Physiotherapeutin, der Entwicklung des Stuhls annahm. Ihr Ziel war es, auf die Arbeitsroutinen, die die Rückenprobleme verursachen, direkten Einfluss zu nehmen, um den „Teufelskreis aus Kaputtsitzen und anschließendem Therapieren“ zu durchbrechen.

Schon kleinste Bewegungen zahlen sich aus

Diese Beschreibung des Problems teilt auch der Audi-Mann Weiler. Einen freischwingenden Sitzhocker ohne Lehne hält er allerdings für keine passende Antwort, solange es um eine Lösung für komplette Arbeitstage geht. Auch auf dem schwingenden Hocker sitze man, sagt Weiler. Das größere Problem sei aber noch, dass Menschen im Büro zu sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt seien, um über längere Zeit bewusst zu sitzen. Selbst kleine Lockerungsübungen ließen sich kaum nachhaltig in den Arbeitsalltag einbinden, geschweige denn verordnen.

Um dieses Problem kommt auch Glöckl nicht herum. Derzeit arbeitet er an Ideen für ein aktives Büro, in das Menschen morgens hereinkommen und mit der Arbeit beginnen, statt sich in den Stuhl zu fesseln. Ganz so problematisch ist die Situation wiederum für Stephan Weiler nicht. Studien hätten gezeigt, dass Menschen, die nicht ruhig sitzen können, schon viel gesünder arbeiten als ihre ruhigen Kollegen. Es lasse sich zum Beispiel nachweisen, dass Menschen, die unruhig sitzen, ihr Gewicht besser halten. Letztlich zahlen sich schon kleinste Bewegungen wie wippende Beine oder spielende Finger aus. Diese Erkenntnisse sind aber auch Beleg dafür, wie ausdauernd wir tatsächlich sitzen.

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