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Partnerschaft : „Liebe ohne Eifersucht gibt es nicht“

Daniela van Santen ließ sich nach dem Psychologie-Studium zum Coach ausbilden. Sie hat eine Praxis in Hamburg. Bild: Petra Wedler

Beziehungs-Coach Daniela van Santen spricht im Interview über den Unterschied zwischen reaktiver und krankhafter Eifersucht – und was man gegen letztere tun kann.

          5 Min.

          Frau van Santen, gehört Eifersucht zur Liebe dazu?

          Leonie Feuerbach
          Redakteurin in der Politik.

          Ich gehe so weit zu sagen: Liebe ohne Eifersucht gibt es nicht. Wenn der Beziehungsstatus gefährdet sein könnte durch eine andere Person, dann reagiert man eifersüchtig. 98 Prozent der Menschen kennen das Gefühl. Schon sechs Monate alte Babys reagieren eifersüchtig, wenn sich ihre Mutter mit einer Puppe beschäftigt.

          Wie funktionieren dann offene Beziehungen?

          Da wird die Eifersucht eingebaut und kontrolliert genutzt, um die Beziehung aufrechtzuerhalten, interessant zu gestalten. Ähnlich ist es bei Swingerclubs: Da wirkt die Eifersucht stimulierend, weckt das Begehren wieder. Das kann funktionieren, kippt aber oft irgendwann. Dann heißt es: Du bist zu mir nie so zärtlich, schaust mich nie so an wie diese andere Person.

          Wie fühlt sich das an: krankhaft eifersüchtig zu sein?

          Dabei setzt ein rauschhafter Erregungszustand im Gehirn ein. Die Botenstoffe Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin und Serotonin feuern wild durcheinander und sind in einer Dysbalance. Das kann man sich so vorstellen, als wäre man einem Verkehrsunfall ganz knapp entgangen und säße zitternd, mit rasendem Herzen und Atemnot, im Auto, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

          Und wie ist es für den Partner oder die Partnerin, mit diesem Eifersuchtsrausch konfrontiert zu werden?

          Da sind wir gleich bei der ersten Problematik. Denn der Partner empfindet die Anschuldigungen und Verhöre oft als beängstigend und verrückt und sagt das auch so: „Du tickst doch nicht ganz richtig, du gehörst in die Klapse!“ Diese Ablehnung verschlimmert den Zustand.

          Das Handy des Partners zu kontrollieren, gilt als Anzeichen krankhafter Eifersucht.
          Das Handy des Partners zu kontrollieren, gilt als Anzeichen krankhafter Eifersucht. : Bild: Picture-Alliance

          Weil dann Verlustängste entstehen?

          Genau. Die Angst des Eifersüchtigen ist es ja, verlassen zu werden. Wenn dann der Partner sagt: „Du spinnst doch, das tu ich mir nicht an“, und weggeht, dann wird genau diese Angst verstärkt. Das ist ein Teufelskreis. Hinzu kommt: Wenn diese Eifersuchtsanfälle sich wiederholen, auch im Freundeskreis und der Familie, dann wird die Ablehnung noch schlimmer, weil sich das Umfeld natürlich auf die Seite des zu Unrecht Beschuldigten stellt. Der oder die Eifersüchtige steht dann ganz allein da.

          Was wäre denn die richtige Reaktion?

          Den Partner fest in den Arm zu nehmen, ihm oder ihr in die Augen zu schauen und in Endlosschleife zu wiederholen: „Ich liebe dich, niemand anders ist mir so wichtig, du kannst mir vertrauen.“ Das hilft ganz immens.

          Von wann an wird Eifersucht krankhaft?

          Ein Hauptmerkmal ist das Checking: wenn Mails und Handys kontrolliert werden, teils auch Kleidung. Oder wenn Tracking-Apps zum Einsatz kommen, mit denen die Wege des Partners kontrolliert werden. Und natürlich wird es auch krankhaft, wenn zu unrecht beschuldigt wird. Der Partner hat nichts getan, aber es wird ihm oder ihr unterstellt, etwas getan zu haben oder es vorzuhaben, in jemand anderen verliebt zu sein und so weiter.

          Ist diese Grenze leicht zu ziehen? Wenn ein Paar mit Freunden isst, und danach ist einer der Meinung, seine Freundin habe besonders oft über die Witze eines anderen Manns gelacht, sie selbst streitet das aber ab: Wäre das grundlos?

           Wenn jemand angeflirtet wird, über bestimmte Witze häufig gelacht wird: Dann ist das reaktiv. Da gehen Warnsignale an, das ist noch lange nicht krankhaft. Bei der krankhaften Eifersucht wird etwas unterstellt, was wirklich gar nicht vorhanden ist, etwa heimlich in den Chef verliebt zu sein. Insofern ist die Grenze zwischen allen drei Formen der Eifersucht schon leicht zu ziehen.

          Drei Formen?

           Die reaktive Eifersucht ist ganz normal, keine Krankheit, sie gehört zur Grundausstattung des Menschen. Die dritte Form – neben der krankhaften – ist der Eifersuchtswahn, der ist aber sehr selten. Da liegen meist hirnorganische Störungen zugrunde, etwa bei Parkinson und Alzheimer oder nach Unfällen, bei denen bestimmte Hirnregionen zerstört wurden. Diese Menschen kommen nicht zu mir, denn wer im Wahn ist, kommt von diesem Trip gar nicht mehr runter. Der krankhaft Eifersüchtige hingegen schämt sich, wenn der rauschhafte Zustand vorbei ist. Beim kleinsten Anlass kann es dann aber gleich wieder losgehen. Da wird dann der Frau unterstellt, sie habe was mit der besten Freundin, weil sie der Kuss-Emojis schickt.

          Welche Menschen neigen zu krankhafter Eifersucht?

           Menschen mit anderen Erkrankungen. Die krankhafte Eifersucht ist als Begleiterscheinung bei Depressionen, Psychosen, Angsterkrankungen, Alkohol- und Drogensucht, geringgradiger Impotenz, bei ungleichen Paarkonstellationen und bei latenter Homosexualität besonders verbreitet.

          Latente Homosexualität? Das müssen Sie erklären.

          Wenn ein Mann unausgesprochene Phantasien hat, mit einem anderen Mann Sex zu haben, sich aber nicht traut, das auszusprechen, dann unterstellt er oft seiner Partnerin, sie habe diese Träume. Umgekehrt funktioniert das auch, also dass eine Frau von Sex mit Frauen träumt. Was auch in diese Richtung geht: Bei Menschen, die selbst noch an jemand anderen denken oder heimlich in jemand anderen verliebt sind, entsteht oft krankhafte Eifersucht, weil sie von sich auf den Partner schließen. Ich nenne das die Leiche im Keller. Erst neulich hatte ich einen solchen Fall. Da habe ich dringend geraten, den Kontakt zu der anderen Person abzubrechen oder auf ein minimales Maß wie Geburtstagsglückwünsche und Weihnachtsgrüße zu reduzieren. Und das hat dann auch tatsächlich geholfen.

          Und wie sieht es mit Depressionen, Alkohol und ungleichen Paarkonstellationen aus?

          Wenn die krankhafte Eifersucht eine Begleiterscheinung von Alkoholsucht oder Depressionen ist, schicke ich die betreffende Person erst mal zum Psychiater, zum Hormonspezialisten oder zum Entzug. Dann verschwindet die krankhafte Eifersucht manchmal schon von alleine. Bei ungleichen Paarkonstellationen geht es oft in Richtung geringes Selbstwertgefühl, Selbstzweifel, Verlustängste. Wenn etwa ein großer Altersunterschied da ist, ein älterer Mann mit einer jungen, attraktiven Frau zusammen ist und überall jüngere Konkurrenz sieht, kann daraus eine krankhafte Eifersucht erwachsen.

          Wie läuft Ihr Coaching dann ab?

          Ich erkläre den Partnern: nicht schimpfen, nicht ablehnen, nicht klein machen. Sondern versuchen zu verstehen: Was passiert bei dir? Wie kann ich dir helfen? Eine sehr erfolgreiche Methode bei mir: die Menschen aus dem Rausch rauskriegen oder ihn sogar vorher abwenden. Da gibt es verschiedene Techniken, mit denen Eifersüchtige lernen können, sich abzulenken.

          Und Sie können die Menschen von der Eifersucht heilen?

          Ich mag das Wort geheilt nicht, weil es so klingt, als wäre Eifersucht generell etwas Krankhaftes. Das ist sie nicht: Sie gehört zum Leben und zur Liebe dazu. Auch krankhafte Eifersucht ist nicht heilbar, aber man kann lernen, sie in den Griff zu kriegen. Um ein Beispiel zu geben: Wenn eine junge Frau sich klein und unwichtig fühlt, und der Partner ist eloquent und souverän, dann findet sie das womöglich erst toll, himmelt ihn an, aber entwickelt später vielleicht eine krankhafte Eifersucht. Im Coaching kann sie sich selbst weiterentwickeln, herausfinden, warum sie so große Selbstzweifel und Verlustängste hat, daran arbeiten und es verändern.

          Wer meldet sich zuerst bei Ihnen? Die Eifersüchtigen selbst?

          Meistens ruft der Partner an. Den frage ich dann, ob der oder die Eifersüchtige gewillt ist zu einem gesonderten Termin zu mir zu kommen. Sie kommen erst mal beide einzeln, nach einigen Sitzungen dann gegebenenfalls zusammen. Wenn der Betroffene nicht mitkommen will, habe ich kaum eine Chance. Da kann ich manchmal nur zur Trennung raten. Das sind dann sehr traurige, schwere Gespräche. Aber wo Einsicht da ist, jemand Eifersüchtiges seine Beziehung retten will, habe ich es bisher immer geschafft, die Lage extrem zu verbessern.

          Sind Männer und Frauen gleich häufig von Eifersucht betroffen? Wie unterscheidet sich ihre Eifersucht?

          Zu mir kommen ungefähr gleich viele Männer und Frauen. Bei Männern geht es häufig um Besitzdenken, das ist bei Frauen seltener. Früher hat man vieles evolutionsbiologisch begründet. Aber das gilt heute in großen Teilen als widerlegt. Etwa, dass Männer eher eifersüchtig auf körperliche und Frauen auf emotionale Untreue reagieren, weil Männer Angst haben, ihnen könne ein fremdes Kind untergejubelt werden, und Frauen fürchten, den Versorger zu verlieren. Auch Männer empfinden emotionale Untreue als extrem schmerzlich. In der heutigen Zeit spielen Vertrauen und emotionale Bindung eine größere Rolle als evolutionäre Faktoren.

          Frauen und Männer erleben Eifersucht also gleich?

           Der größte Unterschied besteht darin, wie sich die Eifersucht ausdrückt. Frauen leiden nach innen, Männer nach außen. Frauen weinen, schreien höchstens mal und schämen sich hinterher sehr. Deshalb wissen oftmals noch nicht mal beste Freundinnen davon. Männer hingegen reagieren oft körperlich aggressiv, attackieren Gegenstände und gehen im schlimmsten Fall auf die Partnerin los.

          Coachen Sie denn auch Männer, die Ihre Frauen schlagen oder Frauen, die verprügelt werden?

           Nein. Da bin ich raus. Ich will dann weder den Mann coachen, noch mit der Frau Strategien entwickeln, damit umzugehen. Stattdessen rate ich der Frau, sich dringend zu trennen und helfe ihr gegebenenfalls auch dabei. Wenn sie es nicht schafft, sich zu trennen, dann rate ich ihr, eine Psychotherapie zu machen. Das ist dann kein Fall mehr für Coaching.

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