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Onlineshopping bleibt Trend : Warum wir Flugscham, aber keine Paketscham verspüren

Postbote in Wien: Wird es in Zukunft Paketscham geben? Bild: dpa

Das Bewusstsein für ökologische und soziale Nachhaltigkeit nimmt zu. Beim Shopping setzt sich Paketscham in unserer Gesellschaft allerdings nicht durch. Der Sozialpsychologe Jonas Rees erklärt, warum.

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          Herr Rees, Sie beschäftigen sich an der Universität Bielefeld mit dem Schambegriff in der Sozialpsychologie. In diesem Jahr blieben die Läden über Monate geschlossen. Die Menschen konnten nicht anders, als im Internet einzukaufen – und viele sind auf den Geschmack gekommen, auf Kosten der sozialen Nachhaltigkeit. Müssen wir uns dafür schämen?

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn man sich das Jahr anschaut, dann sieht man, wie der Onlinehandel durch die Decke gegangen ist und zur gleichen Zeit lokale Einzelhändler schließen. Eigentlich sollte uns das zu denken geben. Und wenn wir durch unser eigenes Verhalten dazu beigetragen haben, dann mag uns das natürlich auch mit Scham erfüllen. Wenn es aber stimmen würde, dass wir uns für schlechtes Verhalten schämen und das dann einstellen würden, dann wäre die Welt sicherlich ein besserer Ort. So einfach ist es leider meist nicht.

          Paketscham oder Onlineshopping-Scham scheinen sich lange nicht so wirksam durchzusetzen wie etwa die Flugscham. Der Wanderurlaub in den Alpen ist heute vorzeigbarer als zwei Wochen Teneriffa am Strand. Aber die Kleider werden immer häufiger bis vor die Haustür geliefert.

          Psychologe Jonas Rees
          Psychologe Jonas Rees : Bild: Universität Bielefeld

          Das stimmt. Das Beispiel Flugscham zeigt aber ja zunächst einmal, dass Scham vielleicht gar nicht so schlecht ist wie der Ruf, den diese Emotion oftmals genießt. In der Forschung gab es lange Zeit die Diskussion, dass Schuld die konstruktive emotionale Reaktion auf moralisches Fehlverhalten sei. Ein sehr vereinfachtes Beispiel: Mir fällt ein Glas vom Tisch, dann sage ich, es tut mir leid. Dafür kann ich mich entschuldigen. Scham wurde im Gegensatz dazu in der Forschung mit einer anderen Lesart verbunden. Sie fokussiere nicht auf das Verhalten, sondern auf die Person: wenn ich also das Glas runterwerfe und die Situation dann so interpretiere, dass ich immer ungeschickt sei. Für das Verhalten kann ich mich einfach entschuldigen, mich als Person kann ich nicht so einfach verändern. Daraus hat man lange gefolgert, dass derjenige, der sich schämt, die Situation möglichst schnell verlässt, das Thema vermeidet, sich dem Blick der anderen entzieht.

          Das ist heute anders?

          In der neuen Forschung kommt nun auch ein Begriff wie Flugscham dazu, und inzwischen wissen wir: Entgegen der ursprünglichen Annahme kann Scham durchaus zu positiven Verhaltensänderungen führen. Es ist nicht zwangsläufig negativ, wenn wir uns für etwas schämen. Wir können auch aus aufrichtiger Scham etwas ins Positive verändern, solange wir die Situation nicht als Beschämen empfinden, das uns in einen defensiven Modus bringt. Der birgt das Risiko, dass wir uns das nicht sagen lassen möchten und uns abwenden.

          Bei der Flugscham ist das nicht passiert. Nimmt die Bereitschaft, so etwas anzunehmen, zu?

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