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Der Journalist als Schatten : Wir begleiten die Begleiter beim Begleiten

  • -Aktualisiert am

Nicht aus den Augen gelassen: Wer Julia Klöckner begleitet, „stellt fest, dass sie gelegentlich ins Schlingern kommt“, so der „Spiegel“. Bild: dpa

Die „Begleitung“ ist im Journalismus ein eigenes Textgenre geworden, so wie die Reportage oder das Interview. Inzwischen erscheinen derart viele „Begleitungen“, dass die Redaktionen eigentlich leergefegt sein müssten.

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          Hinter jedem erfolgreichen Mann steht ein Journalist, der ihn begleitet. Oder es jedenfalls behauptet. Was dabei herauskommt, steht dann irgendwann in der Zeitung. Die „Begleitung“ ist ein eigenes Textgenre geworden, so wie die Reportage oder das Interview.

          Inzwischen erscheinen derart viele „Begleitungen“, dass die Redaktionen eigentlich leergefegt sein müssten, weil alle gerade irgendwen begleiten. Man muss sich schon wundern, dass sich noch kein Begleiter Donald Trumps gemeldet hat, der uns Einblick gibt in die Morgenroutine des Präsidenten und endlich mal offenlegt, unter welchen mutmaßlich bizarren Umständen Trumps Tweets entstehen. Aber vielleicht arbeitet der Begleiter schon an seinem großen Begleitungs-Artikel.

          Viele sind schon erschienen. Sie kündigten Einblicke an, tiefer als das Dekolletee jeder Oligarchen-Nichte: zum Beispiel über den jungen Christdemokraten Philipp Amthor. Er wurde vom „Spiegel“ begleitet, der seine Begleitung anpries mit den Worten „Wer ihn begleitet, erlebt einen Mann von gestern“.

          „Wer ihn begleitet ...“

          Den meinen andere allerdings schon beim schieren Anblick Amthors zu erleben, wieder andere in einstündigen Gesprächen mit dem Politiker. Doch wer Amthor begleitet, erfährt noch viel mehr über ihn, wie es im „Spiegel“ hieß. „Wer ihn begleitet, lernt etwas über die Sehnsucht der Deutschen nach Stabilität, über die Müdigkeit vieler Junger zur Revolution und über Anpassung als Konzept, um in Deutschland politisch erfolgreich zu sein.“ So viel lernen manche in neun Jahren Gymnasium nicht.

          Auch andere Begleiter haben eindrückliche Erfahrungen gemacht. Über den Kulturmanager Dimitri Hegemann schrieb die „Zeit“: „Wer ihn begleitet, erlebt einen Menschen, der ständig Ideen ausspuckt.“ Über den Schriftsteller Daniel Kehlmann: „Wer ihn begleitet, erfährt etwas über das Leben der Literatur in unserem Land.“

          Wer Julia Klöckner begleitet, „stellt fest, dass sie gelegentlich ins Schlingern kommt“, so der „Spiegel“, und wer Joachim Gauck begleitete, kurz bevor er Bundespräsident wurde, traf einen, „der ein anderer werden will, ohne sich dabei zu verlieren“, hieß es in der „Süddeutschen“. Mal ist Emmanuel Macron das Objekt der Begierde („Capital hat ihn begleitet“), mal Horst Seehofer oder Gunter Sachs. Auch kleinere Fische wie der Berliner Bezirksbürgermeister Martin Hikel wurden schon begleitet.

          Dabeisein ist alles

          Aber was heißt das eigentlich? Der Siemens-Manager Joe Kaeser wurde zuletzt gleich „ein Jahr lang“ begleitet. Belastet es das Liebes- und Arbeitsleben nicht enorm, wenn stets ein Begleiter wie ein Schatten an einem klebt? Wahrscheinlich schon, aber darüber ist nichts zu erfahren.

          Der Grund: Joe Kaeser wurde die allermeiste Zeit des erwähnten Jahres nicht begleitet, sondern aus der Ferne beobachtet, und dann ein paarmal getroffen. So funktionieren fast alle Begleitungstexte: Dabeisein ist alles. Es sind eher Besuchstexte: nach Verabredung bei jemandem reinschauen, aber dann auch wieder gehen. Dann noch mal wiederkommen, noch mal gehen. Auch schön.

          Aber das nächste Mode-Genre wird hoffentlich das knackige Gegenteil: die Aufzugfahrt mit Prominenten. Denn auch in ein paar Sekunden erfährt man etwas über einen Menschen. Manchmal sogar mehr als in ein paar Stunden oder Jahren.

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