https://www.faz.net/aktuell/stil/leib-seele/beerdigung-ohne-angehoerige-wer-war-der-verstorbene-17597872.html

Beerdigung ohne Angehörige : Der Alleingänger

Die Todesanzeige lud zu einer „Stillen Abschiednahme“ ein – in Ermangelung von An- und Zugehörigen. Bild: Michael Braunschädel

Es beginnt mit einer ungewöhnlichen Todesanzeige: Neben dem Namen des Toten heißt es, dass er mit weit über 80 in seiner Wohnung verstorben sei und keine An- und Zugehörigen bekannt seien. Wer war dieser Mensch?

          11 Min.

          Ich schaue auf den breiten Rücken des Mitarbeiters vom Friedhofsamt. Er ist groß, deutlich über 1,90 Meter, trägt einen anthrazitfarbenen Anzug und eine Mütze. Seine schwarz behandschuhten Hände halten eine schlichte bronzefarbene Urne.

          Eva Schläfer
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich laufe einen Meter hinter dem breiten Rücken, ein wenig nach rechts versetzt. Neben und hinter mir vier weitere Leute. Wir sind an der Trauerhalle auf dem Hauptfriedhof gestartet, gehen langsamen Schrittes Richtung Osten, bis wir nach guten fünf Minuten eine Rasenfläche erreichen. Der Urnenträger steuert auf ein Loch im Rasen zu, dahinter die Erde des Aushubs. Auf dem Grab nebenan liegen zwei Blumengebinde. Von der Schleife auf einem grüßen die Nichten aus Dresden.

          Der Mann vom Friedhofsamt lässt die Urne in dem Erdloch versinken und zieht die Mütze vom Kopf. Er tritt zur Seite, die anderen kommen nacheinander nach vorne. Zwei Frauen haben Blumen dabei, die sie ablegen. Auf einen Wink des Anzugträgers hin füllt ein anderer Friedhofsangestellter in grüner Arbeitshose und Fleecepulli die Erde mit einer Schaufel zurück in das Loch. Dann steigen beide Männer in ein Auto und fahren weg. Wir stehen noch kurz auf der Rasenfläche, dann löst sich unsere Gruppe in unterschiedliche Richtungen auf.

          Wir fünf haben gerade einer „stillen Beisetzung“ beigewohnt, auf der tatsächlich kein Wort gesprochen wurde. Wie auch: Da ist ein Mensch zu Grabe getragen worden, den keiner von uns kannte. Wie ich sind auch die vier anderen über eine ungewöhnliche Anzeige in Tageszeitungen auf den Termin aufmerksam geworden, waren berührt und kamen deshalb zum Hauptfriedhof. Die Anzeige war von der Städtischen Pietät aufgegeben worden, dem Bestattungsunternehmen der Stadt Frankfurt. Neben dem Namen des Toten war der Anzeige zu entnehmen, dass er, mit weit über 80, in seiner Wohnung verstorben sei und dass, da keine An- und Zugehörigen bekannt seien, zu einer stillen Abschiednahme eingeladen werde.

          In Wertschätzung für den Verstorbenen

          Die Städtische Pietät hat ihren Sitz am Frankfurter Hauptfriedhof. Ich frage einen Sachbearbeiter, wie häufig eine solche Anzeige aufgegeben wird („sehr selten“), und warum es in diesem Fall geschehen ist. Die Auskunft lautet: Der Verstorbene hatte einen Versorgungsvertrag mit der Pietät abgeschlossen und über eine Sterbegeldversicherung die Kosten für seine Beisetzung finanziert. Da aus vorliegenden Unterlagen hervorgeht, dass er drei Kinder hat, diese aber nicht namentlich genannt sind, habe man in Wertschätzung für den Verstorbenen die Anzeige aufgegeben, um seine Kinder oder Menschen, die es an sie weitertragen, zu informieren.

          Zurück in der Redaktion merke ich, wie diese halbe Stunde auf dem Friedhof in mir arbeitet. Ich frage mich, wer der Mann war, hinter dessen Asche ich hergelaufen bin. Warum sich niemand von ihm verabschieden wollte, der ihn kannte. Was hinter der Formulierung „verstarb in seiner Wohnung“ steckt. Bei mir löst sie die Vorstellung aus, dass er nach seinem Tod für Tage unentdeckt in einem anonymen Wohnblock lag. Als ich seine Adresse relativ mühelos herausfinde, beschließe ich, am nächsten Tag dorthin zu fahren.

          Hinter dieser Fenstern lebte Bruno Baar.
          Hinter dieser Fenstern lebte Bruno Baar. : Bild: Michael Braunschädel

          Der Verstorbene hat sich nicht ausgesucht, dass ich über ihn schreibe. Wahrscheinlich hätte er es auch nicht befürwortet. Deshalb gebe ich ihm für diesen Text einen Namen, der keine Rückschlüsse auf die eigentliche Person zulässt. Ich nenne ihn Bruno Baar. Und auch alle anderen Leute in diesem Text sollen unerkannt bleiben, denn manche von ihnen waren nur unter dieser Prämisse bereit, mit mir zu sprechen.

          Den Stadtteil, in dem Bruno Baar wohnte, kenne ich nicht. Er macht einen fast dörflichen Eindruck auf mich, mit engen Straßen und vielen kleinen Häusern, die dicht beieinander stehen. Anonym sieht es hier so gar nicht aus. Das Haus, in dem Herr Baar lebte, ist ein Einfamilienhaus. Die Rollläden sind fast ganz heruntergelassen, ein Auto parkt in der Einfahrt, dessen Kennzeichen die Initialen des Verstorbenen trägt. Die Hecke sieht aus, als sei sie relativ frisch geschnitten. Der Briefkasten war vor vielen Jahren einmal weiß. Auf ihm steht der Name des Verstorbenen, darüber ein anderer Name.

          Aus einem Bauchgefühl heraus klingele ich bei den Nachbarn zur Linken. Es dauert ein wenig, bis sich die Tür öffnet. Ein alter, kleiner Mann steht vor mir und schaut mich fragend an. Ich sage meinen Namen, dass ich Journalistin bin und mich die Todesanzeige für Herrn Baar so bewegt habe, dass ich ihm als Nachbarn gerne ein paar Fragen stellen würde. Der Herr sagt: „Uns hat die Anzeige auch sehr bewegt.“ Er bittet mich eine schmale Treppe nach oben. In der Küche sitzt seine Frau und schaut die Besucherin erstaunt an. Ihr Mann bittet mich hinaus auf den Balkon, den man durch ein dunkel vertäfeltes Wohnzimmer erreicht, in dem viele Porträtfotos auf eine große Familie schließen lassen.

          Der Balkon liegt halb in der Sonne, halb im Schatten. Ich blicke auf einen Garten, in dem Gemüse wächst und an den sich eine Kleingartenanlage anschließt. Die Hauseingangstür von Herrn Baar befindet sich etwa zehn Meter entfernt. Der Mann erzählt, dass die Nachbarschaft guten Kontakt untereinander pflegt, er die anderen mit selbst gezogenem Grünzeug versorgt und man sich zum Geburtstag beglückwünscht.

          Kripobeamte klingelten an der Tür der Nachbarn

          Ich frage, was er über den Tod von Herrn Baar weiß. Er erzählt, vor etwa drei Wochen hätten zwei Kripobeamte bei ihm und seiner Frau geklingelt und sich nach Baar und dessen Verhältnis zu seinen Mitmenschen erkundigt. Dann sagt der Nachbar: „Er war lebensmüde, da musste niemand nachhelfen.“ Ich brauche ein paar Sekunden, bis ich verstehe, was mein Gegenüber gerade ausgesprochen hat: „Herr Baar hat sich das Leben genommen?“ Der Nachbar nickt. Vor einem Jahr sei seine Lebensgefährtin gestorben, vor sechs Wochen dann sein kleiner Hund, um den er sich rührend gekümmert habe. „Besser konnte es ein Hund nicht haben.“ Zudem habe Herr Baar körperlich nicht mehr so gekonnt. Vor fünf Jahren misslang eine Hüftgelenk-OP; Bruno Baar hatte Schmerzen und brauchte im Haus eine Krücke, draußen einen Rollator, um sich fortzubewegen. Trotz dieser Einschränkungen habe er seine Lebensgefährtin, bei der er 20 Jahre zuvor eingezogen war – andere Gesprächspartner werden später von 30 Jahren sprechen –, mit Unterstützung eines Pflegedienstes umsorgt, den Haushalt geschmissen und sich nie beklagt.

          Letzte Ruhe: Engelsfigur auf dem Frankfurter Hauptfriedhof
          Letzte Ruhe: Engelsfigur auf dem Frankfurter Hauptfriedhof : Bild: Michael Braunschädel

          „Er war ein friedlicher, fleißiger Mann. Ruhig, still, unauffällig. Er war ein idealer Nachbar. Er hat nie eine Situation zu seinen Gunsten ausgenutzt“, sagt mein Gegenüber, der mehr als 80 Jahre lang neben der Lebensgefährtin von Herrn Baar wohnte. Ein paar Jahre bevor sie Baar kennenlernte, war ihr Ehemann gestorben, später auch der ältere von zwei Söhnen. Das habe ihr psychisch zugesetzt. In den letzten Jahren sei sie zunehmend dement geworden. Der jüngere Sohn habe sich zurückgezogen; er und Baar hätten nichts miteinander anfangen können. Zwischen den Zeilen meine ich zu verstehen, was aus Sicht des Nachbarn das Problem war: Herr Baar packte Sachen an, der Sohn nicht. Er weiß aber auch zu berichten, dass der Sohn, der nach dem Tod seiner Mutter vor einem Jahr das Haus geerbt hatte, einen Mietvertrag mit Herrn Baar schloss, sodass dieser sich keine neue Bleibe suchen musste.

          Dass Bruno Baar mehrere Kinder gehabt haben soll, erstaunt den Nachbarn. Er wisse nur von einer Tochter. In den ersten Jahren nach dem Einzug habe Baar seine Lebensgefährtin ein paarmal mit zu Verwandtenbesuchen in die Nähe von Rostock genommen, woher er stammte. Ein-, zweimal sei eine Tochter in Frankfurt zu Besuch gewesen, aber das wie auch die Fahrten nach Mecklenburg-Vorpommern habe nach ein paar Jahren aufgehört: „Da ist wohl irgendetwas vorgefallen.“

          „Er hätte sich gefreut, dass er ein letztes Geleit bekommen hat“

          Auf die Frage, warum niemand aus der Nachbarschaft zur Beerdigung gekommen sei, verweist der Nachbar auf seinen körperlichen Zustand und den seiner Frau, Jahrgang 1928 und 1932. Hätte die Beisetzung auf dem Friedhof des Stadtteils stattgefunden, wären sie da gewesen, sagt er. Die Jüngeren aus der Nachbarschaft seien berufstätig, ein Termin mitten am Tag sei ungünstig. Als ich ihm am Ende unseres Gesprächs erzähle, dass ich mich frage, was Herr Baar wohl gedacht hätte, wenn er uns fünf Fremde hinter seiner Urne gesehen hätte, sagt der Nachbar: „Er hätte sich gefreut, dass er ein letztes Geleit bekommen hat.“

          Ich verabschiede mich und setze mich auf mein Rad. Auf der Fahrt in die Redaktion ordne ich meine Gedanken. An Suizid hatte ich gar nicht gedacht, obwohl ich immer mal wieder über diese Thematik schreibe und weiß, dass alte Männer überproportional häufig betroffen sind. Das Lebensende von Herrn Baar hat sich also anders zugetragen, als ich es mir zusammenfantasiert hatte.

          Das Doppelhaus, in dem der Verstorbene lebte: Auch in einer Nachbarschaft, in der die Häuser eng beieinander stehen, kann ein alter Mensch einsam werden.
          Das Doppelhaus, in dem der Verstorbene lebte: Auch in einer Nachbarschaft, in der die Häuser eng beieinander stehen, kann ein alter Mensch einsam werden. : Bild: Michael Braunschädel

          Als gesunder Mensch mittleren Alters kann ich nicht nachempfinden, wie man sich fühlen muss, um diesen letzten Schritt zu gehen. Gleichzeitig kann ich mir unter dem Begriff „lebensmüde“ durchaus etwas vorstellen. Wenn die, die einem wichtig waren, fort sind, wenn man die Kontrolle über seinen Körper und vielleicht auch seinen Geist verliert, wenn keine Perspektive mehr da ist, dass die Situation noch einmal besser wird, dann hat man in meinen Augen das Recht, nicht mehr zu wollen.

          Der Autor Ferdinand von Schirach beschreibt in „Gott“, seinem Theaterstück über Sterbehilfe, einen Mann, dem es weit besser geht als Herrn Baar. Doch auch der Protagonist hat seine Frau verloren, sieht keinen Sinn mehr in seinem Dasein und beansprucht ein offizielles Betäubungsmittel, um sein Leben zu beenden. Dieses Anliegen trägt er einer Ethikkommission vor. Ein auf dem Theaterstück basierender Film wurde vor einem Jahr in der ARD ausgestrahlt. Im Anschluss stimmten die Zuschauer darüber ab, ob der Staat selbstbestimmtes Sterben ermöglichen und dafür ein tödliches Medikament bereitstellen sollte. 71 Prozent der mehr als 500.000 Teilnehmer votierten mit Ja, 29 Prozent mit Nein.

          Im Gespräch mit dem Nachbarn habe ich erfahren, wer Bruno Baar im Haus gefunden hat. Ich rufe eine Frau an, die diese Person kennt, die am Tag nach dem Suizid nach ihm sehen wollte. Baar öffnete die Tür nicht; der Mann hatte einen Schlüssel. In der Wohnung fand er den Toten, ein Foto der Lebensgefährtin und des Hundes, und daneben einen Zettel mit der Handschrift von Bruno Baar: „Ihr habt mich verlassen, ich komme zu Euch.“ Auf einem Tisch hätten fein säuberlich wichtige Unterlagen aufgereiht gelegen und Hinweise darauf, wo sich bestimmte andere Dokumente befinden.

          Die Selbständigkeit ging, die Hilfsbedürftigkeit kam

          Meine Gesprächspartnerin kommt ins Erzählen. Die Pflege seiner Lebensgefährtin sei nicht einfach für ihn gewesen. Aufgrund ihrer Demenz sei sie manchmal nachts aus dem Haus gelaufen. „Herr Baar war bestimmt teilweise überfordert, aber er hat sein Bestes getan, um sie zu Hause behalten zu können.“ Allerdings habe es Gerüchte gegeben, dass er auch mal grob mit ihr geworden sei. Seit dem Tod seiner Partnerin habe er peu à peu abgebaut: Sein Herz habe ihm in den letzten Wochen Probleme bereitet, er hatte Schwindelattacken, konnte kein Auto mehr fahren. Die Frau sagt: „Ich glaube, er hat gesehen: Meine Selbständigkeit ist nicht mehr da, ich werde hilfsbedürftig. Das hat ihm widerstrebt.“ Ein paar Tage vor seinem Tod habe er einen Termin in der Kardiologie eines Krankenhauses gehabt. Ob dieser Termin ein weiterer Nackenschlag für ihn gewesen sei, wisse sie nicht. „Wir haben nicht gedacht, dass er Suizidgedanken hat“, sagt die Frau. „Er war alt und ein eigener Kopf.“ Und ein „Alleingänger“. Zu seiner Tochter – auch sie weiß nur von einer Tochter, die in Österreich lebt – habe er seit Jahren keinen Kontakt gehabt.

          Ein Rasenurnenreihengrab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, ganz in der Nähe des Grabs von Bruno Baar.
          Ein Rasenurnenreihengrab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, ganz in der Nähe des Grabs von Bruno Baar. : Bild: Michael Braunschädel

          Bevor das Telefonat endet, nennt sie mir einen weiteren Menschen, der sich im letzten Lebensjahr um Herrn Baar gekümmert hat. Der Mann lebt im Stadtteil und hat ein Herz für alte Menschen. Auch er ist sofort bereit, mit mir zu sprechen. Etwa ein Jahr lang habe er Baar einmal pro Woche für etwa eine Stunde besucht. „Ich denke, dass ich die Person bin, die im letzten Jahr am meisten für ihn da war“, sagt der Mann am Telefon. Das sei eher zufällig geschehen. Sie hätten sich von einem früheren Treffen gekannt, und nachdem die Lebensgefährtin gestorben war, habe sich Herr Baar auf einmal ganz regelmäßig bei ihm gemeldet: mit Problemen mit dem Mobilfunkanbieter, wegen Briefen, Amtssachen, wegen eines Autounfalls oder dem Computer, mit dem er auf einmal nicht mehr zurechtkam.

          Ich frage meinen Gesprächspartner, wie Herr Baar aussah. Er beschreibt ihn als über 1,80 Meter großen Mann, der trotz des fortgeschrittenen Alters noch Haare auf dem Kopf hatte, die immer ordentlich gekämmt waren. Er sei zwar eher schlank gewesen, habe aber breite Schultern gehabt und konnte anpacken. In der letzten Zeit habe sein Herz immer mal kurz ausgesetzt, deshalb habe es den Termin in der Kardiologie gegeben.

          „Er sah fitter aus, als in den vergangenen Wochen“

          An genau diesem Tag habe er Herrn Baar das letzte Mal gesehen. Das Krankenhaus hatte bei ihm angerufen, um zu fragen, ob der Termin eingehalten werde, da Baar sein Handy so gut wie nie hörte. Deshalb sei er zu Baars Adresse gefahren. „Wir haben uns nur ein paar Minuten gesehen, er sah fitter aus als in den vergangenen Wochen.“ Seit geraumer Zeit sei er erkennbar nicht mehr in der besten Verfassung gewesen. „Ich habe ihm eine Altersresidenz empfohlen, aber die konnte er wegen den Corona-­Regeln nicht besuchen.“

          Der Mann am anderen Ende der Leitung bestätigt, Herr Baar und der Sohn der Lebensgefährtin seien nicht miteinander zurechtgekommen. Er selbst habe in aller Regel auf der Seite von Bruno Baar gestanden, habe ihn aber ja nur eine kurze Zeit gekannt und wisse daher nicht, was in früheren Zeiten möglicherweise vorgefallen sei. Über Herrn Baar sagt er: „Ich nehme an, dass er auch unangenehm sein konnte.“ Er habe einmal über seine Zeit als Soldat bei den DDR-Grenztruppen berichtet und sich dabei mit Geschichten gebrüstet, die meinem Gesprächspartner menschlich unangemessen erschienen. Zudem habe Baar zumindest in seinen letzten Monaten dazu geneigt, sich seine Welt zurechtzubiegen. So habe er bei einem Autounfall seine Schuld abgestritten.

          „Als der Hund ging, hatte er keinen Antrieb mehr. Der war sein Ein und Alles.“ Zu dem Hund habe Baar immer mal wieder gesagt: Wenn du nicht wärst . . . Und habe sich beklagt, dass er immer mehr vergesse. Wo das nur enden solle? Trotzdem hat auch Herrn Baars Vertrauter nach eigenen Angaben keine Anzeichen für Suizid gesehen. „Das war keine klassische Depression. Vielleicht war es eine Art Einsamkeitsdepression.“

          Hat Einsamkeit Herrn Baar in den Tod getrieben?

          Damit ist das Wort auf dem Tisch. Hat Einsamkeit Herrn Baar in den Tod getrieben? Mein Gesprächspartner hat dazu eine dezidierte Meinung. „Es ist doch traurig, wenn Zufallsbekanntschaften, der Pflegedienst und die Putzfrau die einzigen sozialen Kontakte eines alten Menschen sind.“ Das Separieren einer Generation vom eigentlichen Leben sei grundverkehrt, wir als Gesellschaft müssten Orte schaffen, an denen Alt und Jung zusammenleben könnten. „Ich empfinde es als Bereicherung, alten Menschen zuzuhören“, sagt der Mann, und: „Im Alter steckt auch Reichtum, nicht nur Verfall.“ Ich entgegne, dass ich den Eindruck habe, Herr Baar habe zumindest dazu beigetragen, dass er wenig belastbare Verbindungen im privaten Umfeld hatte. Mir ist die Aussage eines Kollegen im Ohr, der am Tag zuvor kommentiert hatte, seiner Einschätzung nach hätten bei nicht bestehenden Eltern-Kind-Beziehungen in aller Regel die Eltern Fehler gemacht, nicht die Kinder. Ich suche im Internet dazu, finde keine wissenschaftlichen Belege, aber einen Haufen Artikel, die diese Ansicht teilen.

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          ANMELDEN

          Mein Gegenüber weiß von einer Tochter in Österreich, von weiteren Kindern hat er nie gehört. In der Wohnung habe es einen Zettel gegeben, auf dem die Telefonnummer der Tochter stand. Einmal habe ihm Herr Baar ein Dokument gezeigt, in dem er auflistete, wann er seiner Tochter Geld geschickt hatte: jedes Jahr zu ihrem Geburtstag und zu Weihnachten. Laut Baar habe es darauf nie eine Reaktion von ihr gegeben. Als ich frage, ob mein Gesprächspartner etwas über das Testament weiß, erklärt er, er habe es nicht gesehen, aber Baar habe immer gesagt, dass er sein Geld dem Tierheim vererben werde, nicht der Tochter. Dass dem so sein soll, habe ich auch von anderer Stelle berichtet bekommen.

          Verfahrenes Verhältnis

          Wir beenden das lange Telefonat. Mir ist klar, dass ich nun versuchen muss, den Sohn von Baars Lebensgefährtin zu sprechen. Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken. Das Verhältnis hört sich so verfahren an, dass ich es nicht angemessen finde, es als Fremde zu hinterfragen. Ich versuche, das Gespräch über eine der Personen einzufädeln, mit denen ich bereits telefoniert habe. Ich erhalte die Antwort, der Sohn wolle auf keinen Fall mit mir reden, mache total dicht. Ich frage, ob ich von ihm zumindest die Telefonnummer der Tochter in Österreich bekommen könne.

          Kurz darauf klingelt mein Telefon. Es meldet sich der Ehemann der Person, die mein Anliegen an den Sohn herangetragen hat. Er kennt den Sohn, und er kannte Bruno Baar; jetzt positioniert er sich, im Gegensatz zu meinem vorherigen Gesprächspartner, auf der Seite des Sohnes. Herr Baar habe diesen nicht zur Mutter gelassen. Während sie noch lebte, habe er die Türschlösser ausgewechselt und den Telefonanschluss gekündigt, sodass ein Kontakt zwischen Sohn und dementer Mutter so gut wie nicht mehr möglich war. Nur weil die Mutter einen Tag vor ihrem Tod ins Krankenhaus kam, sei es ihrem Sohn vergönnt gewesen, sich von ihr zu verabschieden.

          Auch wenn der Sohn dazu bereit wäre, könne er mir die Telefonnummer von Baars Tochter nicht geben, da die Wohnung noch versiegelt sei. „Dabei sind das doch alles die Sachen seiner Mutter. Herr Baar ist da damals nur mit einem Koffer eingezogen.“ Aus diesen über einen Dritten übermittelten Worten klingt große Verletzung. Oder großes Selbstmitleid.

          Ich beende die Recherche, weil ich keine Idee mehr habe, wie ich die Tochter von Herrn Baar finden sollte. Das zuständige Nachlassgericht gibt mir wegen der Vertraulichkeit der Daten keine Auskunft. Es macht mich betroffen, dass Bruno Baar möglicherweise sogar weitere Kinder hat, von denen die Menschen in seinem Umfeld, mit denen ich gesprochen habe, nichts wissen. Er muss Ostdeutschland noch zu DDR-Zeiten verlassen haben. Von mehreren Seiten ist mir bestätigt worden, dass er von einem bekannten Frankfurter Unternehmen eine gute Rente bezog; er hat dort also wohl viele Jahre gearbeitet, nicht erst seit 1990. Über die Umstände seiner mutmaßlichen Flucht habe ich nichts in Erfahrung bringen können. Auch andere Fragen bleiben offen.

          Ich mag Hunde sehr gerne. Über Herrn Baars Hund hätten er und ich bestimmt gut reden können. Aber hätte ich das tatsächlich auch getan – wenn ich im selben Viertel gelebt und ihn und den Terrier bei ihren Spaziergängen getroffen hätte? Wie ich mich kenne, wahrscheinlich eher nicht. Mir ist klar, dass ich mit solchen Gesprächen Bruno Baar wohl mehr hätte helfen können als damit, nach seinem Tod über ihn zu schreiben.

          Bruno Baar hatte schon im Jahr der Wende ein Rasenurnenreihengrab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof gekauft, das keiner Pflege bedarf. Seinem Willen folgend wächst dort, wo Mitte September das Loch für die Urne gegraben worden ist, nun wieder Rasen. Der Mitarbeiter der Pietät hat mir gesagt: Sollte es Nachkommen geben, die sich einen Ort wünschten, an dem sie an ihn denken können, sei es möglich, eine Steinplatte mit seinem Namen auf das Urnengrab zu legen. Wie es aussieht, wünscht sich das keiner.


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten. Sollte kein Berater frei sein, klappt es in jedem Fall mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

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