https://www.faz.net/-hrx-89nbt

Ausmalbücher für Erwachsene : Schönfärberei

Drucken Sie sich dieses Bild aus und greifen Sie zu den Stiften! Diese Illustration ist zum Ausmalen - und ist dann erst richtig fertig. Bild: Kera Till

Herbst – die Blätter sind bunt, der Tee dampft, die Duftkerzen brennen, da kommen nicht nur Kinder in Bastel-Stimmung. Immer mehr Erwachsene bearbeiten Bücher zum Kritzeln und Ausmalen. Das kann geradezu therapeutische Wirkung haben.

          In „Dottie Polkas Vintage-Welt“ werden die Leser zu Dotties Assistenten. Sie sollen Schaufenster dekorieren, Gesichter hinter Sonnenbrillen entwerfen, Ohrringe und japanische Stoffmotive ausmalen. Ihr Werkzeug: Pinsel, Wasserfarben, Bunt- und Filzstifte, Kugelschreiber, Bleistift und Radiergummi.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als „Dottie Polkas Vintage-Welt“ 2013 erschien, besaßen wenige Erwachsene eine Sammlung Bunt- und Filzstifte. Die Münchner Illustratorin Kera Till hatte damals eines der ersten kreativen Arbeitsbücher für Erwachsene gestaltet. „Hier und da fielen solche Bücher schon auf“, sagt sie heute. „Zum Beispiel in coolen Museumsshops oder mal in Buchhandlungen im Ausland. Aber darüber hinaus hatte man diese Bücher noch nicht verstanden.“

          Ausmalbücher für Erwachsene sind zum Trend geworden

          Warum sollten sich auch erwachsene Menschen an einem Sonntagnachmittag hinsetzen und anfangen, ein Malbuch auszumalen? Noch vor zwei Jahren war das eine ernstgemeinte Frage. Heute stellt man sie eher rhetorisch. Erwachsene Menschen sind dieser Tage scheinbar wie besessen vom Ausmalen. In den Buchhandlungen stapeln sich Arbeitsbücher jetzt auf speziellen Tischen mitten in den Gängen, so dass sie wirklich niemand übersieht, die Bände mit Gärten zum Schönfärben, mit Mandalas, mit Ryan-Gosling-Figuren oder Pornos zum Ausmalen.

          Auf Platz 20 der meistverkauften Bücher auf der deutschen Seite von Amazon steht „Malbuch für Erwachsene: Meditation: Mit wundervollen Bildern alle Sorgen gehen lassen“. In Großbritannien belegen solche Bücher zurzeit die Plätze 5, 7 und 8. Und in den Vereinigten Staaten sind unter den ersten 20 Topsellern fünf zum Ausmalen. Im Frühjahr ging es los: Plötzlich gab es genug Neuerscheinungen, dass daraus ein Trend wurde. Jetzt, zum Herbst, da man es sich in der Wohnung wieder guten Gewissens gemütlich machen kann, ist das Phänomen Ausmalbuch für Erwachsene voll da.

          Leider, das muss man dazu sagen, sind die meisten Exemplare so uninspiriert wie der Titel „Mit wundervollen Bildern alle Sorgen gehen lassen“. Witziger ist da „Dottie Polkas Vintage-Welt“. Die Autorin Kera Till hat auch das Ausmalbild für diesen Artikel gestaltet. Kinder können sich dran versuchen - oder eben Erwachsene.

          Gut möglich, dass vielen von ihnen der Name Johanna Basford schon etwas sagt. Innerhalb von kurzer Zeit ist sie zur Königin der Ausmalbücher geworden. „Dieser Trend ist richtig explodiert“, sagt die Schottin, wenn man sie am Telefon in ihrem Atelier in Aberdeen spricht. Nach „Mein Zauberwald“ und „Mein verzauberter Garten“ ist in dieser Woche „Mein phantastischer Ozean“ erschienen. „Selbst vor einem halben Jahr hätte ich mir nicht vorstellen können, dass die Bücher mal so gut ankommen werden“, sagt Basford. Die vergangenen sechs Monate habe sie sich in ihrem Atelier verkrochen, so lange dauert es, um einen Ausmalband zu gestalten, bevor seine Besitzer daraus ihr eigenes Werk machen. Auch Basford sieht ihre Bücher als Zusammenarbeit zwischen Autor und Ausmalendem. „Das Buch ist erst fertig, wenn es bunt ist.“

          „Ausmalbücher sind eine Art Entgiftungskur vom Digitalen“

          Das Geheimnis für den Erfolg könnte dabei zwischen den Ahornblättern mit zweifarbigen Rändern, den Bäumen mit langen Wurzeln und Blütenranken stecken. Kera Till hat beobachtet, dass besonders fließende, organische Formen die Leser ansprechen. „Je natürlicher, desto erfolgreicher“, sagt sie. Man könnte also auch sagen: Je weiter entfernt diese Motive von dem Alltag der meisten Menschen sind, umso besser. „Ausmalbücher sind eine Art Entgiftungskur vom Digitalen“, meint Basford. „Da macht es doch Sinn, Motive mit analogem Inhalt zu bearbeiten.“ Dass erwachsene Menschen sich heute hinsetzen und in stundenlanger Arbeit ein Bild ausmalen, ist für die schottische Illustratorin ein Zeichen dafür, dass das Leben längst zu sehr von iPads und digitalen Bildschirmen bestimmt wird, von E-Mails um 23.30 Uhr mit roten Ausrufezeichen in der Betreffzeile und nicht enden wollenden Chat-Konversationen.

          Während die Menschen im Alltag kaum noch mit der Hand schreiben, setzen sich einige nun in ihrer Freizeit hin, um Bilder auszumalen. „Viele von uns können nicht mehr“, glaubt Basford beobachtet zu haben. „Rund um die Uhr vernetzt zu sein macht die Leute auf Dauer fertig.“ Gut möglich, dass die Malbücher wirklich eine Art sind, sich für eine Weile auszuklingen. Nur ist das ein Abend am Herd natürlich auch oder ein Nachmittag mit einem Roman auf dem Sofa.

          Therapeutischer Charakter

          Aber dafür hat das völlig sinnlose Kolorieren tatsächlich vergleichsweise therapeutischen Charakter. Till merkt das sogar manchmal in ihrem Beruf. „Wenn ich für einen Auftrag mal größere Flächen ausmalen muss, dann hat das etwas Entspannendes.“ Stichwort Maltherapie. „In Frankreich heißen diese Bücher passenderweise coloriages anti-stress“, sagt sie. Ausmalen als Anti-Stress-Therapie.

          Wie gut das klappt, zeigt das Künstlerduo Peng + Hu am Besuchersamstag auf der Frankfurter Buchmesse mit seiner Idee zum Ausmalen und Kritzeln, mit „Hirameki“. Auf den Gängen um den Stand drängt es sich, es ist so laut, dass man Peng und Hu kaum versteht. Muss man aber auch gar nicht: Sie sind Fleckforscher. Ihr ihrem ersten „Hirameki“-Buch geht es nur um Kleckse, in denen es Formen, Objekte, Tiere zu entdecken gibt. Auch Peng und Hu sprechen vom Suchtfaktor. „Alles ist möglich und ergebnisoffen“, sagt Hu. In einem Fleck sieht der eine einen Wal, der Nächste einen Elch. Das kann wirklich ein Erfolgserlebnis sein. Peng beugt sich über das Buch und zeichnet einem Fleck Nase und Augen. Es wird eine Katze daraus. Er dreht das Buch um 180 Grad, jetzt erinnert der Fleck an einen Eskimo. Mehr ist in dem Moment nicht wichtig.

          Buchtipps

          Kera Till: „Dottie Polkas Vintage-Welt“, Edition Michael Fischer, 14,90 Euro

          Johanna Basford: „Mein Zauberwald“ und „Mein verzauberter Garten“, Knesebeck, je 14,95 Euro

          Peng + Hu: „Hirameki“, Kunstmann, 14,95 Euro

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Talkrunde zum Thema Klimapolitik bei Frank Plasberg

          TV-Kritik: Hart aber fair : Die Realität der Zwickmühle

          Die Klimapolitik ist so verzwickt, dass es den üblichen Verdächtigen kaum noch gelingt, Einsicht in das Notwendige oder gar Verhaltensänderungen zu erreichen. Tatsächlich sehen einige das Format der Talkshow als Pranger für üble Phantasien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.