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Streicheleinheiten : Die Magie der Berührung

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Wie wichtig Berührung für unser Wohlergehen und Wohlempfinden ist, lernen Menschen vom ersten Moment des Lebens an. So ist es bei Neugeborenen und Säuglingen entscheidend für die weitere Entwicklung, liebevoll gestreichelt und gehalten zu werden. „Für ihre gedeihliche Entwicklung ist das optimal“, sagt der Entwicklungspsychologe und Frühpädagoge Hartmut Kasten. Man weiß heute sicher, dass Hautkontakt wichtig ist, um eine Bindung an die Mutter und andere Bezugspersonen zu entwickeln. „Vom ersten Tag an brauchen Kinder Resonanz, sie müssen sich angenommen fühlen. Ohne Zuspruch und Körperkontakt können sie nicht leben“, sagt Kasten.

„Wir zeigen uns dann so, wie wir gerade empfinden“

Zärtlichkeit und Hautkontakt erden ein Kind, sie verschaffen ihm das Gefühl von Geborgenheit, Sicherheit und Liebe. Sie schütten Botenstoffe im Gehirn aus und helfen so, dass dieses sich gut entwickeln kann. Fehlen Berührungen in der Kindheit oder werden sie unangenehm aufgedrängt, kann das für den Betroffenen Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter haben. Als Beispiel nennt Kasten ängstliche und auffallend misstrauische Menschen, die der Erfahrung nach als kleine Kinder überdurchschnittlich oft nicht ausreichend und zärtlich genug berührt worden seien.

Berührungen setzen manchmal auch Gefühle frei, die lange unterdrückt worden sind - diese Erfahrung machen zum Beispiel Masseure oder Physiotherapeuten, die mit geschmeidigen Händen verspannte Muskeln oder blockierte Gelenke lockern. Nicht immer steckt dahinter ein somatisches Problem. Dauerhaft verhärtete Muskulatur kann ein Anzeichen dafür sein, dass im Nacken oder Rücken Emotionen weggepackt worden sind, die der Betreffende nicht zeigen wollte oder durfte.

Streicheleinheiten: nicht nur zwischenmenschlich von großer Bedeutung, kann eine Berührung auch einen therapeutischen Nutzen haben
Streicheleinheiten: nicht nur zwischenmenschlich von großer Bedeutung, kann eine Berührung auch einen therapeutischen Nutzen haben : Bild: Marin/PhotoAlto/laif

Auch Körperpsychotherapeuten erleben ähnlich wie Pastor Kreutz immer wieder, dass Menschen tiefes Wohlgefühl verspüren, wenn sie an einer für sie angenehmen Stelle an Bauch, Schulter oder Rücken mit der Hand nur kurz berührt werden - womöglich nach vielen Jahren erstmals wieder. Dann kann Freude über das Wiederentdeckte frei werden, aber auch Trauer über Jahre ohne diese Zuwendung, über die lange Zeit des Berührungsmangels.

Neben der Kindheit ist die Pubertät wohl eine der prägendsten Zeiten für das Berührungsempfinden. Welche Streicheleinheiten von wem sind angenehm, welche rufen ein Kribbeln hervor, welche ein Ekelgefühl? Die 15-jährige Lotte mag es zum Beispiel oft nicht, im Nacken angefasst zu werden. Ihr Freund hingegen liebt es, sie genau dort zu streicheln oder sanft zu kneifen.

Je nach Stimmung kann Lotte das genießen oder als beruhigend empfinden, in anderen Situationen aber „stört es sie total“. Auch hat Lotte mit dem Erwachsenwerden gelernt, dass einfühlsame Berührungen emotional befreien können. Sie sagt, Berührung verschaffe ihr ein Gefühl der Sicherheit und gebe ihr quasi die Erlaubnis, sich nicht mehr verstellen zu müssen. „Wir zeigen uns dann so, wie wir gerade empfinden“, sagt sie.

Sex und Streicheleinheiten gegen Geld

„Lady Hekate“ hat da eine ganz andere Beziehung zur Zärtlichkeit. Sie bezeichnet sich als „Sexarbeiterin“. Hekate hat Philosophie und Geschichte studiert, als Künstlernamen hat sie den einer Göttin aus der antiken Mythologie gewählt. Wer zu ihr kommt - volljährige Männer jeder Altersgruppe -, der macht diesen Schritt in vielen Fällen nicht bloß wegen einer schnellen Nummer. „Der Typus des schwanzgesteuerten, von Testosteron vernebelten Sexmonsters kommt bei mir faktisch nicht vor“, sagt die 60-Jährige. „In schätzungsweise acht von zehn Fällen kommen die Männer auch deshalb, weil sie sich danach sehnen, von einer Frau berührt zu werden und diese zu berühren, oder weil sie auf der Suche nach Zärtlichkeit sind.“

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